... und glauben, sie säßen im Paradies

ALLTAG oder: Wenn der Kapitalismus nach Tatopani kommt

Es ist Dezember, da sind die Orangen reif und die Zitronen auch. Sie baumeln über den Tischen, über den Köpfen. Die Köpfe gehören den Gästen der Dhaulagiri Lodge, einem Gasthaus in Tatopani. Dieser Ort liegt in Westnepal, im Tal des Kali Gandaki. Das ist ein Fluss, an dem entlang vom Süden kommende Wanderer in den Himalaya geführt werden.

Die Gäste in der Dhaulagiri Lodge sind solche Wanderer, Trekker, wie man mit Hilfe eines aus dem Burischen kommenden Wortes sagt. Die Mehrheit der Trekker sind Engländer und Deutsche, auch Amerikaner und Franzosen sind stark vertreten, und erstaunlich viele Israelis sind da. Die Dhaulagiri Lodge ist international, aber die Speisekarte gibt es selbstverständlich nur in englischer Sprache, nicht auf nepalesisch.

Tatopani gehört zu den schönsten Orten des Kali Gandaki-Tals. Es ist die Gegend zwischen dem Annapurna und dem Dhaulagiri, man wandert genau zwischen diesen zwei Achttausendern entlang. Eine tiefere Schlucht, behaupten die Reiseführer, gibt es auf dieser Erde nicht.

Dass Tatopani so schön ist, hat drei Gründe. Zum einen liegt das Dorf nur auf 1.100 Meter Höhe, was soviel bedeutet, dass der Boden hier fruchtbar statt karg ist. Zum zweiten sind am Flussufer die in ganz Nepal bekannten heißen Quellen, die sich der Ort durch den Bau von zwei kleinen Betonbecken zu nutze macht: ein sehr heißes Bad zum Entspannen nach langer Wanderung, und ein lauwarmes Bad, um sich von dem sehr heißen zu erholen. Der dritte Grund schließlich ist die Dhaulagiri Lodge mit ihrem Restaurantgarten und mit ihren kleinen Bungalows, die mitten im Dritt-Welt-Land Nepal für 400 Rupien das Gefühl von Erster Welt vermitteln. 400 Rupien entsprechen jetzt, im Dezember 1999, etwa elf, zwölf Mark. 400 Rupien sind auch der Lohn, den ein gut handelnder Porter von einem Touristen bekommt, dessen Rucksack er trägt. Ein sehr gut handelnder Porter erhält diesen Lohn sogar für einen Tag.

Aber die Touristen kommen nicht während des Monsuns, sondern bloß, wenn im Spätherbst die Orangen reif sind oder wenn im Frühjahr der Rhododendron blüht. Dann, zumindest abends, sitzen sie im Garten der Dhaulagiri Lodge und glauben, sie säßen im Paradies.

Ein Paradies freilich, das nur mit Angestellten denkbar ist. "Ich glaub', der hat mein Bier vergessen", ist der zweithäufigste Satz, der fällt. Noch häufiger hört man: "Ist der Platz noch frei?", gern auch international gestammelt: "Is this place free?"

Der Besitzer der Dhaulagiri Lodge ist Bhuwan Gauchan. Ihm sagt man nach, einer der reichsten Männer der Annapurna-Region zu sein. Ihm gehören, so sagen die Bewohner von Tatopani, sogar Grundstücke in der Hauptstadt Kathmandu und in der Bezirkshauptstadt Pokhara. Außerdem, das sagt er auch selber, besitzt er ein Import-Export-Geschäft und eine Lkw-Spedition. Aber Bhuwan Gauchan sieht nicht aus wie der reichste Mann der Annapurna-Region. Optisch gleicht er mehr dem Souvenirhändler, der gegenüber seiner Lodge hockt. Oder dem Maultiertreiber, der gerade durchs Dorf ging. Oder dem Porter, der sich nur in die Dhaulagiri Lodge setzt, um mit Trekkern ins Geschäft zu kommen. Bhuwan Gauchan trägt billige Leinenschuhe, die ohne Schnürsenkel bloß Schlappen sind, er trägt eine braune Jacke mit dicken Flecken, und auch seine Haare hat er nicht gewaschen.

Aber er hat es weiter gebracht als die meisten Anderen im Dorf. Im Grunde hat Bhuwan Gauchan einen richtigen Epochensprung geschafft. Bhuwan Gauchan besuchte in Kathmandu eine Jesuitenschule, und während er dort westliches Denken beigebracht bekam, sah er, wie Kathmandu sich in eine typische Dritte-Welt-Metropole verwandelte. Slums, verdreckte Flüsse, immer mehr Hotels und Guesthouses, Verkehr, der Smog erzeugt, und Fabriken am Stadtrand, die auch Smog erzeugen.

In Tatopani gab es vor zehn Jahren noch keinen Strom, und eine Straße gibt es heute noch nicht. Für so etwas braucht es eine neue Zeit, und deren Anbrechen konnte Gauchan in Kathmandu beobachten.

Bhuwans Bruder, der auch nach Kathmandu gegangen war, blieb dort, arbeitet heute im Verkehrsministerium und ist zuständig für den Straßenbau. Ein guter Grund für Bhuwan, ein Transportunternehmen aufzubauen, und nach Tatopani zurückzugehen.

Dort betreibt er seither die Dhaulagiri Lodge und verliebte sich in eine westliche Touristin, eine Französin, die sich ihrerseits in die einfache Art, wie man in Tatopani lebt, verliebte. Sie heirateten, und während sie den Garten so schön gestaltete, dass sich alle Trekker darin wohl fühlen, braucht er nur zu warten, dass die Straße bald kommt.

Von Pokhara reicht sie schon bis nach Birethanti. Dort steigen die Westler aus den Bussen und beginnen zu wandern, dort laden die Porter deren Rucksäcke auf, dort werden die Maulesel mit den Waren beladen, die Slumbewohner von den Ladeflächen der Lkws hieven.

Von Portern und Eseln wird alles geschleppt, was die Trekker brauchen: CocaCola, Marlboro und Kodak sind die häufigsten Marken. In wenigen Jahren, vielleicht noch kürzer, fahren die Trekker bis nach Tatopani, hüpfen dort aus dem Bus und laufen weiter, und irgendwann werden auch die höher gelegenen Orte - Tukche, Marpha, Jomsom, Kagbeni, vielleicht auch das als Heiligtum verehrte Muktinath - mit dem Auto zu erreichen sein.

Dann wird der Weg, der pro Jahr Hunderttausende Trekker anzieht, nicht mehr gepflegt werden und wahrscheinlich mit dem nächsten, spätestens dem übernächsten Monsun verschwinden. Dann werden auch die Porter verschwinden, denen die Pfade seit Jahrhunderten als Handelswege dienen.

Dass die Porter auf einmal Marlboro und Coca-Cola trugen, hat keine gesellschaftliche Veränderung bewirkt. Auch dass die Porter den lukrativeren Nebenerwerb bekamen, Rucksäcke von Trekkern zu tragen, hat nicht viel verändert. Es hat eher nur die Porter gestärkt, ihren Beruf attraktiver gemacht, obwohl der doch mit Schuld daran trägt, dass hier die Lebenserwartung von Männern bei 52 Jahren liegt.

Da, wo die Straße noch nicht gebaut ist, wird der Reis weiter mit dem Holzpflug angebaut, gezogen von Yaks, da gibt es weiter keine Schulpflicht, hier ist reich, wer ein Pferd besitzt oder neuerdings einen Fernseher. Wem es besser geht, der besitzt ein Gasthaus für die Trekker oder eine Maultierherde. Wirte und Hirten sind auf Wanderwege angewiesen, sie können die Asphaltstraße nicht gebrauchen.

Der britische Bergsteiger Chris Bonington erinnert sich in seinem 1971 erschienenen Buch über eine Annapurna-Expedition: "Als ich 1960 zum Annapurna und 1961 zum Everest gegangen war, hatte ich nie einen Europäer gesehen. Aber die gegenwärtige Invasion stört den Charakter der nepalesischen Landschaft keineswegs, und ich glaube, das wird auch solange nicht passieren, bis sie damit beginnen, Straßen zu bauen. Es sind die Autos, die kreuz und quer der Stromleitungen die natürliche Schönheit zerstören."

Um die schöne Landschaft kümmert sich in dieser Gegend Nepals das ACAP, das Annapurna Conservation Area Project. Es ist eine Nichtregierungsorganisation, die die Wege pflegt, die Dörfer mit Brunnen versorgt und die am Rand des Treks Informationshütten aufgestellt hat, wie die Umwelt zu schützen ist. Die ACAP ist nicht unbedingt gegen die Straße, und die Bevölkerung ist sehr für die Straße. Der Protest gegen die Einführung des Kapitalismus kommt von den westlichen Touristen. "Ohne Frage, die Straße wird die natürliche Schönheit der Region zerstören", empört sich Andrew Stevenson, ein britisch-kanadischer Reiseschriftsteller, "das Gleichgewicht zwischen dem delikaten Ökosystem entlang des Kali Gandaki und den kulturell vielfältigen Bevölkerungsgruppen wird radikal ausgewechselt. Wissen das die Bewohner des Kali Gandaki-Tals? Wenn sie wüssten, was wir wissen, wenn sie zum Beispiel eine Weile in Amerika gelebt hätten, würden sie den Straßenbau und was er alles bedeutet, so unkritisch akzeptieren?"

Mit ziemlicher Sicherheit, ja! "America is a good country", erklärt Hira. Er sagt, er sei 17, aber der Stimmbruch hat ihn noch nicht erwischt. Hira arbeitet als Porter, wie auch sein Vater, seine Brüder, seine Onkel. Außer Amerika findet Hira noch Deutschland und Japan gut, das sind die Länder, aus denen die bestzahlenden Trekker kommen.

Hira, dessen Familie kein Land besitzt, und dem deshalb nie in den Sinn kam, dass aus ihm etwas anderes werden könnte als Porter, kann mit Leuten wie Stevenson nichts anfangen. "Wenn die Straße kommt, dann kommen auch Fabriken", sagt er, und erhofft sich dann einen Job. Wie Hira lobt auch ein französischer Arzt, der seit Jahren im Kali Gandaki-Tal lebt, den Einfluss des Westens: "Die besseren sanitären Standards, die in den Lodges eingeführt wurden, um für westliche Trekker attraktiver zu sein, sind wahrscheinlich eine viel effektivere Anleitung für die Entwicklung einer Kommune als meine Arbeit in einem Dorf, selbst wenn ich es über Jahre mache."

Was die Straße bringt, kann man sich in Birethanti anschauen, der Ort zu dem die Straße gerade reicht, der Ort, wo die Busse Halt machen und umkehren. Durch Birethanti fließt ein Fluss, auf der einen Seite findet sich eine kleine nette Stadt, ein Ort wie Tatopani. Auf der anderen Seite des Flusses, befindet sich der Umschlagplatz für alle Waren, die im Norden gebraucht werden. Die Mulis stehen auf der staubigen Straße, inmitten eines kleinen Slums gelegen, und warten darauf, bepackt zu werden. Die Muli-Treiber verhandeln mit den LKW-Fahrern, die Frauen sitzen auf dem Fußboden vor den Häusern, und die Halbwüchsigen versuchen, überflüssige Waren zu verkaufen. Vor jedes dritte Haus wurde ein Tisch gestellt und, weil man's sonst nicht glaubt, ein Schild, auf dem "Restaurant", "cold drinks" oder "fresh meal" draufsteht.

An diese Tische setzt sich niemand, da sind auch keine Orangenbäume, die dazu einladen. Trekker durchlaufen diese Gegend nur mit gehetzter Miene. Es ist bloß der kurze hässliche Weg zwischen Bushaltestelle und Mittelalter.

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Ausgabe 41/2021

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