Und jetzt?

Perpetuum mobile Zum Tod des letzten großen Vertreters der Postmoderne, Jacques Derrida

Es gibt Texte, die die Welt verändern. Und es war nur ein Buchstabe, den Jacques Derrida einsetzte, um einen solchen Text zu produzieren. In wohl kalkulierter Legasthenie schrieb er "Differenz", französisch "différence", mit a. Das war ein kleines Happening, denn dass da "différance" stand, konnte man nicht hören, nur lesen. Wie es sich für einen guten Text gehört, war das, was Derrida in der kleinen Schrift La différance anstellte, vieldeutig und mehrfach mit Bedeutung aufgeladen: Er wertete die Schrift gegenüber der gesprochenen Sprache auf, eine Kampfansage an den "Phonozentrismus", der mit seiner Fixierung aufs Sprechen eine Unmittelbarkeit vorgaukelt, die es nicht gibt. Er fügte ins Wort eine Verschiebung, einen Aufschub ein, der zugleich nichts und alles an dessen Bedeutung änderte, "différance" meint Differenz und nicht Differenz. Und er exerzierte - Performance im wahrsten Sinne - am Wort die Theorie selbst vor. Der veränderte, sozusagen beschnittene Begriff fungierte zugleich als grundlegendes Theorem eines philosophischen Prinzips, das jegliche Identität verneint. Alles fließt, verschiebt sich permanent gegenüber sich selbst. Wir werden keine Bedeutung festlegen können, immer wird sie uns, sobald wir sie aussprechen, entgehen. Wir werden auch nicht in Gegensätzen denken können, denn Oppositionen sind zu grob, um den Haarriss zu erfassen, die Spur, die alles trennt und zugleich doch keine Trennung ist. La différance zu schreiben war unleugbar ein großer Coup. Mehr als 30 Jahre ist das nun her.

In der Nacht zum vergangen Samstag ist Jacques Derrida im Alter von 74 Jahren in Paris gestorben. Sein Tod kam nicht unerwartet, lange schon hieß es von Derrida, er sei schwer erkrankt. Und doch löste die Nachricht eine Art Entsetzen aus, denn nun ist nach Michel Foucault (1984), Gilles Deleuze (1995) und Jean-François Lyotard (1998) der letzte der großen Theoretiker der so genannten französischen Postmoderne gestorben. Eine Ära, seit längerem schon für hinfällig erklärt, scheint damit endgültig versiegelt.

Unter den vier Großen war Derrida (zusammen mit Lyotard) der feinere Geist, ein Meister Subtilis, dunkel, akribisch, nicht auf den Begriff zu bringen, und meist teilt sich die Fan-Gemeinde auf in Derridisten, die Foucault und Deleuze nicht leiden können oder umgekehrt. Früh hat Derrida mit der Grammatologie (1967) und den Aufsätzen in Die Schrift und die Differenz (1967) eine bisweilen sehr nach Heidegger klingende und nicht gerade unmetaphysisch anmutende Metaphysikkritik vorgelegt. In dem enigmatischen Werk Glas (Totenglocke, 1974) stellte er in zwei nebeneinander abgedruckten Kolumnen Hegel und Genet gegeneinander - den Bezug der beiden hat - außer Derrida - wohl kaum jemals jemand verstanden. Cloture (Schließung) - Logozentrismus - Phallogozentrismus - er brillierte mit Theoremen, die so originell waren wie die Frage nach ihrer Begründung sinnlos. "Normales" Argumentieren galt - das war nur konsequent - als obsolet, Theorie handelt, sie ist Vollzug, sie tut was sie zeigen will, darin gleicht sie der Kunst.

Derrida war vor allem und in erster Linie ein "Exeget". Er erging sich in Lektüren, die jeden erdenklichen Text auf nicht vorhersehbare Weise zerlegte. Müßig ist es zu spekulieren, ob diese anti-akademische Methode in früher Kränkung wurzelt. In Algerien geboren und aus einer jüdischen Familie stammend, wurde Derrida, so wird kolportiert, als Junge unterm Vichy-Regime der Schule verwiesen. Man muss erlebt haben, wie dieser sanfte, bescheidene Mann vor großem Auditorium Stunden lang ohne Punkt, Komma und vor allem ohne Pause Herman Melvilles Bartleby zum Beispiel besprach, mal dieser, mal jener Wendung des Textes folgend. Wie er fortschreitend immer lebendiger wurde, eine Derrida-Maschine, die, einmal angeworfen, so schnell nicht zum Stillstand kam. Scheinbar assoziativ überließ Derrida sich den Texten, um sie beharrlich auf ihre Voraussetzungen hin zu befragen, er schien sich zu nähren von dieser Art Lektüre, die nicht aufhörte bis der Text verflüssigt war, zersetzt, enzymatisch behandelt. Als "Dekonstruktion" hat diese Lesetechnik Schule gemacht, besonders in den USA, wo Derrida auch lehrte, hat sie zahllose Anhänger und Nachahmer gefunden. Ihre wohl herausragendste Adeptin ist Judith Butler. Dekonstruktion, betonte Derrida immer wieder, sei keine Methode, sondern ein objektiver Prozess. Sie ist aber auch ein Perpetuum Mobile mit einem wahrhaft monströsen Textausschuss.

Was bleibt, wenn alles zerkaut, zu Brei verarbeitet ist? Im Laufe der Zeit erschienen etliche Bücher von Derrida, die so beliebig wie zahlreich zu werden drohten. Hervorzuheben unter ihnen wären Marx Gespenster (dt. 1995), Politik der Freundschaft (dt. 2002), Schurken (dt. 2003). Doch die Texte diffundieren, die Lektüre von Lektüren ermüdet. Und es stellt sich Enttäuschung ein darüber, dass das, was als Idee so richtig ist, in der Durchführung zur Ödnis erstarrt. Das trifft nicht nur auf Derrida zu, sondern auch auf den späten Foucault, vor allem aber auf die Tonnen von akademischen Arbeiten, die jährlich im Derrida-Focuault-Lyotard-Sprech entstehen. Postmoderne Theorien verbieten - darin Adornos Negativer Dialektik ähnlich - Wahrheiten zu behaupten, konstruktiv zu denken. Doch mittlerweile ist man in dem Dilemma, entweder affirmative Aussagen machen zu müssen, mit denen man hinter die eigene Kritik zurückfällt, oder zwischen den zunehmend langweiligen Bröseln der eigenen Dekonstruktionsarbeit stecken zu bleiben. Fluch der Negativität. Die Zeit der großen Theorien ist vorbei, seit mehr als 20 Jahren schon.

Aber auch die Zeit der großen Entgegensetzungen scheint vergangen. In den letzten Jahren hat eine Annäherung der ordentlichen Philosophie an die ehemals heftigen Widersacher stattgefunden. Derrida erhielt 2001 in Frankfurt den Adorno-Preis. Im letzten Jahr zeichnete er gemeinsam mit Jürgen Habermas das Manifest Die Wiedergeburt Europas. Vor zehn Jahren wäre eine solche Allianz nicht denkbar gewesen, und auch wenn man sich langsam an sie zu gewöhnen beginnt, inhaltlich zu verstehen ist sie schwer. Hat bei Derrida - auch das wäre eine Parallele zum späten Foucault - in den neunziger Jahren eine Wende zu dezidiert politischen oder ethischen Themen stattgefunden, etwa wenn er die über Gastfreundschaft, die Gabe, über Verantwortung schreibt? Manche Kommentatoren sehen das so, manche finden mittlerweile auch theologische, im Judentum wurzelnde Züge in Derridas Denken. Nun denn, wenn auf der Erde nichts mehr zu holen ist, muss man wieder in den Himmel starren. Vielleicht gibt es dort derzeit tatsächlich intellektuell mehr zu futtern als in den profanen Gefilden hier unten.

Derrida selbst schien unbeeindruckt. Er hatte noch genügend Prosa zu zersetzen, war unermüdlich produktiv, viel unterwegs auf zahlreichen Kongressen, hat seiner eigenen Ikonisierung beigewohnt. Auf einer Tagung mit dem Titel Applied Derrida (1995) sagte er: "Einer der Gründe, warum ich bei vielen Gelegenheiten zustimme, an einer Tagung über mich teilzunehmen, ist, dass ich nach langem Zögern ... gerne sehen würde, wie es ist ›als ob ich tot wäre‹ und dem zuhöre, was die Leute sagen, zuhöre und unter ihnen bin, ohne die pathetische Rolle des Toten zu spielen." Jetzt wird er diese Rolle spielen. Es war für ihn keine statische Rolle - eine tote Person sterbe immer weiter, und auch die Dekonstruktion sei seit ihrem Beginn gestorben, sagte Derrida. Es wird nicht aufhören, das Perpetuum Mobile, es wird weiter rotieren, und es werden wohl noch viele Texte von Derrida aus dem Nachlass erscheinen. Aber gleichzeitig war der "Prozess der Dekonstruktion" auch sehr an seine Person, an den lebendigen Derrida geknüpft. Was kann danach noch kommen?


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00:00 15.10.2004

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