Und sie lohnt sich doch

Seelenkunde Das Magazin „Cicero“ verabschiedet Sigmund Freud samt seiner Psychoanalyse. Eine Analytikerin widerspricht
Und sie lohnt sich doch
Manche Therapieformen wollen heute vom Unbewussten (Symbolbild) nichts mehr wissen

Foto: Ute Mahler/Ostkreuz

Die Freud’sche Originalversion der Psychoanalyse sei den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr gewachsen. Zu diesem Schluss kommt Sophie Dannenberg in einem Artikel für den Cicero, nicht ohne Sympathie für Mann und Werk. Sie zitiert unter anderem den Historiker Anthony D. Kauder, der den berühmt-berüchtigten „Ödipus“-Komplex eher für einen Mythos und ein Reflexionsmodell hält, bleibt letztlich aber dabei, dass von der Psyche heute nur in Form eines objektivierbaren Gegenstands gesprochen werden kann. Sowohl im Hinblick auf die Theorie als auf die Behandlungsmethode.

Nun hat Sophie Dannenberg mit ihrer Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklung der „Seele“ als eines zunehmenden Abstraktionsprozesses zweifellos etwas Richtiges getroffen. Denn wer wollte bestreiten, dass „der Mensch, je weiter wir uns der Gegenwart nähern, zunehmend ein Ich-Wesen wird, das außerhalb seiner nichts mehr hat und auch nichts mehr findet“. Diese Feststellung wird allerdings schnell unhaltbar, wenn sie die Psychoanalyse in der Folge einer Epoche zurechnet, die mit den Abstraktionen der Moderne nichts zu schaffen habe. Die Psychoanalyse gehöre einer Welt an, die wie sie selbst eine untergegangene „holistische“, also ganzheitliche Weltsicht vertrete. Soll heißen, dass die Psychoanalyse der Anlage nach nicht für die Flüchtigkeiten und Fragmentierungen der Moderne (geschweige der Postmoderne) gemacht sein soll. Und sie dementsprechend auch therapeutisch einen normativierenden Ansatz verfolge, sprich auf die Herstellung von Ganzheiten und klaren Bezügen bei ihren Patienten abziele. Die Psychoanalyse sei angetreten, das Individuum ein letztes Mal zu „flicken“ und zu retten.

Neue Symptombilder

Was für ein Missverständnis! Hier zeigt sich ein großer blinder Fleck in Dannenbergs Abrechnung mit der Psychoanalyse. Denn wie soll man Freuds Rede von der „Zerlegung des Seelenlebens“, von der Dreiteilung in Ich-Es-Überich verstehen? Wie nimmt man das Theorem von der anfänglich zersplitterten, polymorph-pervers angelegten Sexualität? Wie die Hypothese der quasi surrealistisch komponierten Triebe und gar die Hypothese des Unbewussten, das per definitionem sämtliche empirischen Ganzheitsbildungen unterläuft? Das von der Autorin selbst erwähnte Phänomen der „Ichspaltung“ noch nicht einmal mitgerechnet. Wie kann man so behaupten, dass es um die Herstellung von Ganzheiten geht? Natürlich stimmt, dass sich in den 80 Jahren seit Freuds Tod gesellschaftlich vieles verändert hat: angefangen bei der Organisation der Familie über das Postulat der Geschlechtsordnung bis hin zur Tatsache, dass die Psychoanalyse heute eine unter vielen Therapiemethoden darstellt. Das alles macht vor der Tür des psychoanalytischen Kabinetts nicht Halt, sondern sind Themen, die nicht erst seit Kurzem mir und meinen Psychoanalytikerkollegen einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Meine Antwort wäre: An den Auswirkungen der Außeneinflüsse auf die Subjekte ist kein Zweifel. Heutige Patienten konfrontieren mit anderen Abwehrkonstellationen, mit teilweise neuen Symptombildern, beispielsweise verstärkter Ichschwäche, narzisstischen Körpersymptomen, Ausbildung schizoider Faktoren, neuen Formen der Zwangsneurose und anderem mehr. Die psychoanalytische Therapie, die Kur, steht deshalb vor der Notwendigkeit, das Unbewusste entsprechend den veränderten Bedingungen therapeutisch heute neu zu „heben“, zu erfinden. Der Psychoanalytiker selbst bleibt ungeachtet dessen weiterhin mit der Freilegung des Begehrens, also der Singularität der Individuen, beauftragt.

Betrachten wir die Kritik an der psychoanalytischen Methode etwas genauer. Zunächst ist es die psychoanalytische Kur, die nicht mehr in die heutige Zeit des „rasenden Stillstands“ (Paul Virilio) zu passen scheint. „Das lange, langsame Erzählen, das sich über Stunden, Wochen und Jahre dehnt (…) will nicht mehr so recht zu uns passen.“ Heutige Psychotechniken sind effektiver als die psychoanalytische, sie arbeiten fokussiert und störungsspezifisch. So zumindest die Behauptung von „Therapeuten der Gegenwart“. Die Behauptung stößt sich allerdings am Bedürfnis nach den langen Wegen. Denn an der Beliebtheit der psychoanalytischen „talking cure“, dem großen, ausholenden Erzählen, hat sich – abgesehen von regelmäßig wiederkehrenden Verbalattacken – im Grunde nichts geändert. Wartezeiten von sechs Monaten und mehr sind bei Krankenkassenanalytikern die Regel und auch privat arbeitende Lacanianer können sich über Analysandenmangel nicht beklagen.

Genau genommen soll es jedoch an der Methode als solcher liegen, die für viele immer schon von Übel war. Gemeint ist die Übertragungsbeziehung mit all dem ihr zukommenden Beiwerk: dem Schweigen des Analytikers, der ihm auferlegten Gefühlsabstinenz und seinem vermeintlichen Allmachtsanspruch. All das gab seit jeher Stoff für Diskussionen und wird als das Risiko der psychoanalytischen Kur angesehen. Kann die Übertragung doch, wie man meint, die emotionale Abhängigkeit des Patienten vom Psychoanalytiker befördern und damit die Autonomie und Würde des Patienten in Gefahr bringen. Ohne zu behaupten, dass diese Sorge völlig unbegründet wäre – sie erscheint mir bei einem vor den Dämonen des Unbewussten „gewarnten“ Analytiker (Lacan) aber als gering –, lässt sich nicht übersehen, dass dieser Vorbehalt aus dem naturwissenschaftlichen, genauer dem psychotherapeutischen Lager stammt. Die dort geltende Konzeption der Psyche und die therapeutisch-ethischen Behandlungspositionen (medizinische „Nützlichkeitsethik“) sind es denn auch, die heute das Maß aller Dinge in Sachen Psyche abgeben. Leicht wird dabei übersehen, mit welchem Menschenbild sie korrespondieren.

Reines Vernunftwesen?

Es ist dies ein Bild, in dem das menschliche Individuum als ein mit sich selbst identisches Vernunftwesen betrachtet wird. Es wird gesteuert durch die Selbstorganisation seines Gehirns, mittels dessen soziale Veränderungen jedweder Natur, Umweltveränderungen etc., als pures Verrechnungsgeschehen vermessen werden (die sogenannte Passung, Viabilität des Gehirns). Auch hinsichtlich seiner Sexualität ist ein solches Individuum eher von der „operationalen Geschlossenheit“ seines Gehirns abhängig als von der Andersheit eines Anderen. Der Mensch der Gegenwart entpuppt sich in dieser Auffassung als ein Wesen, das mit den Regelkreisläufen des Zerebralen steht und fällt. Er ist, überspitzt gesagt, nicht viel mehr als ein Kopffüßler mit der Sexualität einer Fruchtfliege.

Dannenbergs Abrechnung folgt weitestgehend der naturwissenschaftlichen Reduzierung des Subjekts. Ja, sie geht sogar darüber hinaus. Ganz dem Zeitgeist der Pluralisierung verhaftet, setzt sie auf einen Typus von fluiden Individuen, die ständig neue Identitäten annehmen und sich jederzeit neu erfinden: auf „fröhlich zersplitterte Gegenwartswesen“, frei vom Ballast der Vergangenheit und gegründet auf „Treibsand aus funkelnden Pixeln“.

Unklar ist nur, ob sich hierauf ein Leben gründen lässt und ob sich mit einer solchen Ausstattung die menschheitsgeschichtliche Frage Nummer eins, die „Wer-bin-ich-Frage“, noch beantworten lässt. Was den Unsicherheitsfaktor sondergleichen, das empirisch mit keinem Brainimagingverfahren nachweisbare Unbewusste angeht, das dem Ich selbst wie ein Fremdkörper vorkommt, so lässt sich das, so viel ist sicher, kaum hinwegdekretieren. Freuds Selbsteinschätzung scheint die Sache der Psychoanalyse dabei am besten auf den Punkt zu bringen: „Wenn sie nicht ihren therapeutischen Wert hätte, wäre sie nicht an Kranken gefunden und über mehr als dreißig Jahre entwickelt worden … aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt.“

Vor rund 80 Jahren (genau: am 23. September 1939) ist Sigmund Freud gestorben. Dem Magazin Cicero istdas eine Titelgeschichte wert: „Leid durch Freud“, im Untertitel: „Die Irrungen der Psychoanalyse“. Dabei ist nicht alles negativ, was die Autorin Sophie Dannenberg der Psychoanalyse attestiert. In den 80 Jahren seitFreuds Tod habe sie schließlich solche Erfolge gehabt, wurde unsere Kulturgeschichte so sehr von ihr geprägt, dass wir uns alle gelegentlich verhielten, als ob „wir alle auf der Couch mit dem Smyrnateppich, Berggasse 19 in Wien“ gelegen hätten. Wirklich positiv ist diese Feststellung allerdings auch nicht, die Schriftstellerin hat ihre Therapie abgebrochen.

Edith Seifert ist Psychoanalytikerin in Berlin und war Uni-Dozentin in Innsbruck. Zuletzt erschien von ihr (zs. mit Iris Hanika) Die Wette auf das Unbewusste oder was Sie schon immer über Psychoanalyse wissen wollten bei Turia + Kant Wien 2018

06:00 16.08.2019
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