Und überhaupt sehr anti

Finnland Die rechtspopulistischen, EU-skeptischen "Wahren Finnen" konnten bei der Parlamentswahl einen fulminanten Triumph feiern. An ihnen lässt sich nicht mehr vorbei regieren

Als sie um Punkt 20 Uhr der ersten Hochrechnung sehen, ist der Jubel unter den Konservativen von der Nationalen Sammlungspartei zunächst groß. Spitzenkandidat Jyrki Katainen und Außenminister Alexander Stubb strahlen mit ihren Gefolgsleuten und dem hell erleuchteten Festsaal um die Wette. Ein historischer Sieg, tönt es ringsum. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Sammlungspartei bei einer Parlamentswahl die meisten Stimmen. Und Katainen wird Ministerpräsident. Doch die Ernüchterung folgt auf den Fuß. Dass die Basisfinnen - auch unter dem Namen "Wahre Finnen" - bekannt, weit über den zuletzt prognostizierten 14 Prozent liegen, damit hat keiner gerechnet. “Man soll aus einem Maulwurfshügel keinen Berg machen”, sagte Stubb in furchtloser Politikermanier nur Minuten vor der ersten Hochrechnung. Ein Journalist der finnischen Zeitung Die Zukunft auf dem Land schaut dennoch verzweifelt drein, ob der Zukunft seines Landes: “Die Wahren Finnen sind inhaltlich so weit weg von den anderen Parteien!”

Großer Verlierer dieses Votums ist zweifellos das finnische Drei-Parteien-Modell – der große Gewinner heißt Timo Soini von den Wahren Finnen, der das Wahlergebnis seiner Partei verfünffachen konnte und nun mit 19 Prozent drittstärkste Kraft im Lande ist. Nationale Sammlungspartei, Zentrum und Sozialdemokraten haben bei vorangegangenen Wahlen die Mehrheit der Stimmen immer unter sich aufgeteilt. Mal gab es einen Prozentpunkt mehr, mal einen weniger.

„Alles neue Gesichter.“ Ein Satz, den man am Abend im Pressezentrum besonders häufig hört, als das Staatsfernsehen die Ergebnisse aus den einzelnen Regionen vermeldet. Der politische Aufsteiger kann aus jeder mindesten einen Abgeordneten schicken, jedes zweite Neumitglied im Parlament wird Basisfinne sein. Verdanken können die das vor allem den anderen Parteien.

Harte Arbeit und Tradition

Mit populistischer Geste hat Timo Soini den sonst so gemäßigten Rahmen finnischer Politik gesprengt. Egal wo er zuletzt auftauchte – ob im hauptstadtfernen Jyväskylä, einer Stadt in Zentralfinnland, oder zur Kandidatendebatte im Gebäude der Tageszeitung Helsingin Sanomat – er war der Star dieser Wahl. Soini lehnt EU-Rettungsschirme, gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibung ab. Stattdessen begeistert sich er für Ur-Finnisches: „Ehrlichkeit, harte Arbeit und Tradition.“ Er sang bei seiner Wahlkampagne, er gestikulierte, er brach die komplexesten Themen für den Bürger auf eine Botschaft runter: „Ich bin der, der euch hilft.“

In intellektuellen Kreisen belächelt man den typischen Wähler der Basisfinnen als weiß, männlich, heterosexuell, Fleisch essend, übermäßig salzend, die ungesündesten Zigaretten rauchend und überhaupt sehr anti. Unter den Anhängern mag sich auch dieses Exemplar eines “angry young man” finden, doch sind es auch die Wähler anderer Parteien gewesen, die sich mit Soinis laxem Humor, seinem lautem Wesen und dem Programm anfreunden konnten. Alle finnischen Parteien haben gegenüber der letzten Parlamentswahl Stimmen verloren. Die meisten fehlen dem Zentrum.

Noch-Ministerpräsidentin Mari Kiviniemi kann kaum ihren Schrecken über die Niederlage verbergen. Mit ihrer Partei liegt sie weit hinter den Basisfinnen, es gab sieben Prozent weniger als vor vier Jahren. “Ein desolates Ergebnis, damit müssen wir in die Opposition”, wird Kiviniemi später auf der Pressekonferenz im halbfertigen Konzerthaus sagen. Viel mehr dann auch nicht.

Der Ruf Portugals nach EU-Finanzhilfen spielte der stämmigen Frohnatur Soini in die Hände. Doch auch in Finnland selbst sieht die Zukunft nicht ganz so rosig aus. Eine im europäischen Vergleich hohe Arbeitslosenquote von über acht Prozent dürfte die Finnen bei dieser Wahl beschäftigt haben, ebenso wie der Spendenskandal unter dessen Druck Matti Vanhanen als Premier zugunsten von Mari Kiviniemi zurücktreten musste. Politikwissenschaftler Ville Pernaa von der Universität Turku erkennt in dem Wahlergebnis vorrangig Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien, die gemäß finnischer Konsens-Politik in den vergangenen Jahren ideologisch kaum noch unterscheidbar waren.“

Kontrolle und Kompromisse

Die Gemüter der Finnen hat lange nichts so erregt wie dieses Votum. Es entsteht der Eindruck, als seien sie froh darüber. „Hier debattiert man normalerweise, ob man überhaupt debattieren soll“, erklärt ein Journalist des öffentlich rechtlichen YLE Radio. Dass die Koalitionsverhandlungen wegen der Portugalfrage schwierig werden, auch das findet in der Hauptstadt niemand so richtig schlimm. Schwierig bedeutet auch spannend. Jyrki Katainen wird als offizieller Sieger die Sozialdemokraten als zweitstärkste Kraft und die Basisfinnen zu Verhandlungen einladen. Trotzdem: Soini in die Regierung einzubinden, bedeutet auch ein Stück weit Kontrolle, denn Kompromisse seinerseits könnten ihn Wählerstimmen kosten.

Mit ausländischen Journalisten zu sprechen, war am Ende Soinis Sache nicht. Sie schienen ihm auf die Nerven zu gehen mit den ewig gleichen Fragen und Vergleichen zu anderen europäischen Rechtspopulisten. Viel lieber signierte er Exemplare seines Buches Meisterkerl oder erzählte von dem Theaterstück, dass er kurz nach einer Pressekonferenz besuchen wollte. „ 'Hier unter dem Nordstern', ein Stück über die Zeit vor dem Bürgerkrieg, währenddessen und danach.” Die erste Zeile kennt jeder Finne. “Am Anfang waren der Sumpf, die Hacke – und Jussi.” Jussi, der das unwirtliche Land bewohnbar macht. Man wird sehen, ob Finnland mit Soini bewohnbarer wird.

17:55 18.04.2011

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