... und wenn es nur ein Lächeln ist

Im Gespräch Dagmar Manzel über die Möglichkeiten einer Schauspielerin, das Publikum zu berühren

Dagmar Manzel wurde 1958 in Berlin geboren. Sie besuchte dort die Schauspielschule "Ernst Busch", arbeitete von 1980-83 am Schauspiel Dresden und danach am Deutschen Theater in Berlin. Seit 2001 ist sie freischaffend. Sie hat in zahlreichen Kino- und Fernseh-Filmen mitgewirkt. 1999 erhielt sie einen ersten Grimme-Preis für die Rolle der Mutter Matt in "Der Laden" nach Strittmatter; 2000 den Deutschen Fernsehpreis für ihre Darstellung der Eva Klemperer in "Klemperer - Ein Leben in Deutschland"; 2002 war sie "Schauspielerin des Jahres" mit "Traum im Herbst" nach Fosse; 2004 erhielt sie einen weiteren Grimme-Preis als "beste Hauptdarstellerin" und den Bayrischen Fernsehpreis für "Leben wäre schön". Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Wichtige Theaterrollen u.a.: Maria Stuart (Dresden 1980), Penelope ("Ithaka"/Strauß), Merteuil (Quartett"/Heiner Müller), Titelrolle in "Die Großherzogin von Gerolstein" (Offenbach). Liederabende: "Eine Sehnsucht, egal wonach" (mit Jochen Kowalski), "Ich bin ein Wesen leichter Art"- Kino- und TV-Filme u.a. "Coming out" (DEFA 1989), "Schtonk", "Kelly/Bastian - Geschichte einer Hoffnung".

FREITAG: Sie haben für Ihre Rolle in dem Fernsehfilm "Leben wäre schön" nach dem Bayrischen Fernsehpreis kürzlich den inoffiziell als "deutschen Oscar" bezeichneten Grimme-Preis als beste Hauptdarstellerin erhalten. Derartige Auszeichnungen häufen sich bei Ihnen. Bei Ihren Theaterauftritten werden Sie mit Beifall überschüttet. Was bedeutet Ihnen das - Preise, Ovationen?
DAGMAR MANZEL: Da ich letztlich doch Theaterschauspielerin bin, sind die Reaktionen des Publikums und der unmittelbare Applaus das schönste Geschenk, das ich bekommen kann. Die Preise sind natürlich sehr angenehm und eine schöne Bestätigung meiner Arbeit, aber ich habe viele Jahre auch ohne Preise gelebt und hatte auch meine Erfolge und wunderbaren Erlebnisse, so dass mich die Preise nicht verändert haben. Aber sie ziehen so manches nach sich, was mir nicht so liegt: Dass man zu Festakten eingeladen wird oder eine Laudatio halten soll und so. Ich mag das nicht, mich überall zu zeigen. Ich arbeite gern und lebe auch gern für mich.

Was hat Sie an der preisgekrönten Rolle in "Leben wäre schön" gereizt?
Das ist eine Frau in den besten Jahren, die sich unglaublich verliebt, also die Erotik und das Gefühl als Frau in sich neu entdeckt. Die sich auf der anderen Seite durch ihre Krankheit unmittelbar vom Tod bedroht sieht, also mit Vergehen und Abschiednehmen auseinandersetzen muss. Und all das in einer sehr kargen und stillen, fast zurückhaltenden Erzählweise. Diesem Thema mich anzunähern, hat mich sehr interessiert. Das hat natürlich auch viel mit mir zu tun, ich befinde mich ja auch in diesem Alter.

Sie wurden schon früh als hochtalentiert bezeichnet. Welche Rolle spielt der Fleiß in Ihrer Arbeit?
Begabung allein reicht nicht. Die Arbeit an einer Rolle kann oft qualvoll sein. Sich immer wieder auch in Frage zu stellen, offen und neugierig zu bleiben, gehört in solch einem Arbeitsprozess dazu. Ohne meine Einbrüche hätte ich solche Glücksmomente nie erfahren können.

Sie erhalten viele Spielangebote. Welche nehmen Sie an?
Mich interessiert zuerst das Stück und das Thema. Die Rolle muss mit mir zu tun haben. Eine Rolle anzunehmen, nur weil es eine Hauptrolle ist, interessiert mich nicht.

Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?
Es gibt einen Ausspruch von Michel Piccoli: Die Vernünftigen existieren, die Unvernünftigen leben. Das heißt, die Angst zu überwinden und zu lernen, sich zu lieben und auszuhalten. Dem schließe ich mich voll an..

Und das Wichtigste in der Kunst?
Die Suche nach den vielen Wahrheiten, die es gibt, nicht aufzugeben. Für mich ist die künstlerische Wahrheit die fantasievollste und produktivste Form, mich mit der Gesellschaft, in der ich lebe, auseinander zu setzen, angefangen bei Alltag und Politik bis hin zu den Gedanken der großen Meister und Philosophen. Wo hat man schon diese Chance, sich permanent mit all dem beschäftigen zu können und dafür auch noch bezahlt zu werden! Das ist doch ein unglaubliches Geschenk.

Und was kann oder soll Theater bewirken?
Immer dann, wenn ein Schauspieler auf der Bühne oder vor der Kamera bereit ist, sich absolut zu öffnen und hinzugeben, es kann auch eine sehr provokative Form sein, immer dann entsteht eine Verbindung zwischen ihm und dem Zuschauer. Und wenn der Schauspieler in seiner künstlerischen Figur den Menschen entdeckt mit all seinen Rissen, Strukturen, Kanten, mit seinen Einbrüchen, dann schafft er es, den Zuschauer zu berühren und irgendetwas in ihm auszulösen. Und wenn es nur ein Lächeln ist, ein Aufatmen oder eine Erinnerung. Genau das zu erreichen und diese Verbindung herzustellen, das ist das Spannende dabei.

Eine alte Diskussion: Kann das Theater Menschen verändern?
Verändern, das wäre mir zu hoch gegriffen. Aber in irgendeiner Form ihn zu beeinflussen, zu berühren und zu erschüttern oder für den Moment dazu zu bringen, loszulassen und zuzuhören, auch das kann ja schon ein großes Geschenk sein.

Spielt Politik in Ihrer Arbeit eine Rolle?
Unser Alltag ist Politik, alles ist Politik. Ich empfinde mich als sehr politischen Menschen, und ich habe meine Haltung, die natürlich vollkommen einfließt in mein Tun und Denken und auch in meine künstlerische Arbeit. Das lässt sich gar nicht trennen.

Friedrich Schorlemmer brachte kürzlich die heutigen deutschen Zustände auf die Kurzformel: "So viel Ungerechtigkeit und Unrecht bei so wenig Empörung." Es gäbe nur wenige Menschen mit "geschärftem Gewissen". Hat das Theater - so wie vor der "Wende" - die Aufgabe, an der "Schärfung des Gewissens" mitzuarbeiten?
Ja, auf jeden Fall. Aber wie das zu DDR-Zeiten war, so geht das nicht mehr - als das Theater eine Ventilfunktion hatte. Heute kann man ja eigentlich alles sagen, nur bewirkt es meistens nichts. Man muss neue Formen und neue Wege suchen.

Die Chancen, auf Menschen mit der Kunst einzuwirken, scheinen momentan minimal zu sein: Acht Millionen Zuschauer beim Ekel-Fernsehen Dschungel-Show, das die Menschenwürde verletzt, kontra 30.000 bei der gleichzeitigen wunderbaren Sendung über Harry Kupfers Regiearbeit.
Man hat gar keine Chance, etwas zu verändern, wenn man das alles verteufelt. Das Publikum dafür ist ja da, das ist das Furchtbare. Klar führt das zur Verdummung nur noch Pop und Unterhaltung und Zuschüttung, so dass man über die eigentlichen Probleme gar nicht mehr nachdenkt. Die Leute wissen es, aber sie sind gelähmt und resignieren. Man muss sich nur mal die Arbeitslosenzahlen vor allem im Osten angucken und durch die Städte fahren, da sieht man, was für Probleme die Leute haben, und das spiegelt sich in allem wider. Und den Sendern geht es nur noch um Quote. Unser Island-Film (Leben wäre schön) ist das beste Beispiel. Der kriegt zwar viele Preise und Super-Kritiken, aber er hat keine Quote, und schon heißt es: "Solche Stoffe können wir doch nicht machen." So ist das Denken, es geht um Verkauf. Da muss man sich halt seine Nische suchen. (Belustigt) Ich bin eben die Nischenschauspielerin. Ich finde das total klasse, da kann ich wenigstens bei mir bleiben. Aber: Theater hat die Faszination und die Verzauberung, und ich denke mir, die Chancen sind immer da, Menschen wieder zu berühren.

Wie erleben Sie eine Welt, in der Geld und Profit die höchsten Werte sind? Heiner Müller sprach 1990 von einer "Zeit der Schakale, die heraufkommt". Ist das Übertreibung?
Nein, das ist richtig. Geld regiert nun mal die Welt. Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die was zu sagen hätten und sich mit Intelligenz und kritischer Wachsamkeit äußern würden, haben sich eher zurückgezogen. Die Parteien und ihre Programme sind auswechselbar, man weiß gar nicht mehr, welche man wählen soll.

Sie drehen gerade mit Heinrich Breloer "Speer und er", einen Film über den NS-Baumeister und Rüstungsminister -
Die Verdrängung ist groß. Ein Denkmal hinzustellen, groß, monumental, zu sagen: Jetzt haben wir Abbitte geleistet, jetzt lasst uns endlich in Ruhe - das ist eben nicht der Weg. Der Weg ist, es müsste durch die Köpfe gehen. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte muss in Form eines kritischen, andere Meinungen anhörenden Gesprächs stattfinden. Dazu gehört auch die kritische Auseinandersetzung mit einem Albert Speer.

Immer wieder, zuletzt bei der letzten Leipziger Buchmesse, kommt es zu heftigen Kontroversen, weil, wie es in dem von der CDU in Sachsen durchgedrückten Gedenkstättengesetz heißt, "NS-Verbrechen" und "DDR-Unrecht" in einen Topf geworfen werden. Sie haben die Eva Klemperer gespielt, wie sehen Sie das?
Dass die DDR mit Nazideutschland und Hitler gleichgesetzt wird, zeugt von großer Oberflächlichkeit und Demagogie und von der absoluten Verweigerung, sich mit der Geschichte der DDR auseinander zu setzen und einen ernsthaften Diskurs zu führen.

Als Sie 1992 in Andrzej Wajdas Inszenierung von Wyspianskis "Hochzeit" in Salzburg gastierten, lernten Sie erstmals die "Flugzeugschauspieler" kennen, die heute hier auftreten und morgen da. Damals bezeichneten Sie das Ensemble als einen Herd, den Sie nicht missen mochten. Warum haben Sie den Herd Deutsches Theater nach 18 Jahren verlassen?
Weil ich so sehr auf dieses Theater fixiert war, in so vielen Stücken zu spielen hatte, dass es nur mit einem immensen Kraftaufwand möglich war, an anderen Theatern zu spielen, zu filmen und an meinen eigenen Projekten zu arbeiten. Und das hat mich einfach kaputt gemacht. Eine Flugzeugschauspielerin bin ich nicht, weil ich meinen festen Standort am Deutschen Theater und mit einem Stück an den Münchner Kammerspielen habe. Aber ich bleibe dem Deutschen irgendwie treu. Ich spiele in diesem Theater so gern, es ist ein wunderschönes Theater. Seit der Entscheidung, freiberuflich zu arbeiten, mache ich nur noch die Projekte, Filme und Theaterstücke, die ich unbedingt machen muss. Durch die Musik habe ich ein ganz anderes Feld entdeckt, ich bin so voll von Ideen, von Projekten, ich arbeite daran, ich könnte platzen. Zudem habe ich noch meine Kinder und mein Leben, das will ich auch leben, meine Liebe will ich auch leben.

Schauspieler aller Generationen haben immer wieder gesagt, das DT habe sie in besonderer Weise geprägt. Sagen Sie das auch?
Ja, auf jeden Fall. Mit solchen Schauspielern wie Düren, Böwe, Körner, Schorn zu spielen, Keller, das betrachte ich noch heute als ein Glück. Mein Liederabend ist eine Liebeserklärung an alle diese Schauspieler.

Sie haben einmal gesagt, am liebsten wären Sie eine große Opernsängerin geworden. Dann wäre Ihnen das Schauspiel "schnuppe". Scherz oder Ernst?
Sagen wir mal so: Der Traum, Sängerin zu werden, war immer da. Ich habe immer gewusst, dass ich stimmliche Voraussetzungen habe, um singen zu können - aber Opernsängerin, um Gottes willen, das würde ich stimmlich gar nicht schaffen. Die "Gerolstein" von Jacques Offenbach kann ich singen, und das macht mich schon sehr glücklich.

Viele Schauspieler singen auf der Bühne. Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Sie wollen die Spezies der singenden Schauspieler neu entdecken?
Ein bisschen Chanson, ein bisschen Theaterlieder, das meine ich nicht. Sondern schauspielerisch singen. Zu Reinhardts Zeiten gab es hier im jetzigen Deutschen Theater in jeder Inszenierung Theatermusik, die Schauspieler haben gesungen. Sie hatten eine Gesangsausbildung, sonst geht es nicht, sonst wird es dilettantisch.

Das "Lied des Trygaios" aus "Frieden" von Aristophanes-Hacks, unvergessen in Fred Dürens Interpretation 1962, und der "Linke Marsch" von Majakowski-Eisler aus Bill-Bjelozerkowskis "Sturm", von Ernst Busch 1957 kämpferisch-kraftvoll, von Ihnen ganz zart gesungen, sind Eckpunkte Ihres Theaterliederprogramms. Ein Ausdruck Ihrer zur "Wende"-Zeit ausgedrückten Hoffnung, dass linkes Denken bewahrt werden sollte?
Ja. Ich bin so erzogen worden. Ich bin in diesem Lande aufgewachsen, und mich hat dieses Gedankengut natürlich auch geprägt. Ich kann mich dem nicht entziehen, will das auch gar nicht. Und ich definiere mich überall links, nie rechts.

Ihre nächsten Pläne?
Ich habe jetzt in zwei Werken von Christoph Hein, den ich als Schriftsteller sehr verehre, mitgewirkt: in Andreas Dresens Verfilmung von Willenbrock und in einem Hörspiel. Und nach Breloer geht ein richtiges Hammer-Projekt los: An der Komischen Oper werde ich die Miss Lovett singen, die Pastetenverkäuferin in der amerikanischen Oper Sweeny Todd von Sondheim.

Gibt es Rollen, von denen Sie träumen?
Ja, die Penthesilea will ich noch spielen. La Perichole will ich singen..

Was ist für Sie das Schlimmste am Theater, was das Schönste?
Das Schlimmste, was ich auch selber erlebt habe, ist, wenn man sich künstlerisch verbiegt und aus Angst vor irgendwelchen Konsequenzen schweigt. Ich will diesen Beruf nicht so verstehen, dass ich sage: Ich gehe auf die Bühne und kriege dafür mein Geld, und ich spiele, was verlangt wird. Sondern: Entweder hat es unmittelbar etwas mit mir zu tun, oder ich lasse es sein.

Ein Schauspieler in einem festen Engagement hat da immer ein Problem.
Ein freier Schauspieler riskiert, keine Angebote zu bekommen. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um den Mut zu finden, freiberuflich zu arbeiten. Das hat vieles in meinem Leben verändert, die Form, wie ich denke und arbeite. Alles, was ich tue, muss ich absolut selbst verantworten. Ich genieße es sehr, dass ich frei entscheiden kann, das mache ich, und das mache ich nicht.

Und das Schönste?
Wenn man abends auf der Bühne steht und es die Sternstunden gibt, wo man abfliegt. Wo auf einmal eine so starke Verbindung zwischen Bühne und Zuschauer entsteht, dass man alles um sich herum vergisst, mit den Menschen, die da sitzen, eins ist und eine Geschichte erzählt.

Haben Sie einen Wunsch an die Zukunft?
Dass ich die Projekte, die in meinem Kopfe schwirren, realisieren kann. Darunter ist eins, wo ich denke, dass da noch mal was ganz Neues mit mir passiert. Also, ich habe noch viel vor.

Das Gespräch führte Lothar Ehrlich

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00:00 09.07.2004

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