Undercover

Eine Weihnachtsgeschichte Svetlana schlug vor, an die Wolga zu spazieren, dort sollte an einem Eisloch eine Party stattfinden.

Die Stadt wirkte wie verwunschen im Schnee, Holzhütten standen neben elektronisch bewachten Villen. Wäre der schlaue Urfin durch die Stadt marschiert, ich hätte mich kaum gewundert, auch über eine Armee von Holzsoldaten nicht.

Einige Wochen war ich schon in Russland. Mein Auftrag lautete: Die Giftküche zu finden, in der die Russen ihre neuesten Medikamente herstellen. Seit der Erstürmung des Theaters "Nord-Ost" will alle Welt die russischen Rezepte haben. Zwar war die Mischung etwas grob damals, aber die Aktion erwies sich doch als gute Reklame.

Die Gaukler auf dem Boulevard hatten es schwer. Offener als anderswo zeigte man hier, was man vom Leben hält. Fast alle Leute waren schwarz gekleidet. Niemand wollte im Schneematsch Samba tanzen oder den Luftballons hinterher springen. Aber geduldig sahen die Leute den Späßen zu.

Männer spuckten geradeaus, auch in die Laufrichtung entgegenkommender Passanten. Ein Mann im Trainingsanzug grölte Opernarien. Eine Zeitungsverkäuferin schien mich für eine störende Fliege zu halten. Ihre sowjetische Schulung bemerkte man gleich. Auffällig die Formen und Farben vieler Damenstiefel - rosa, lila, zitronengelb, mit Sporen oder Ketten, mit blinkenden Las-Vegas-Schnüren an den Absätzen.

Ich schenkte einem alten Mann am Kircheneingang Geld und dachte, ich könnte der Enkel des Mörders seines Bruders sein, solche Fallstricke legt die Geschichte.


Svetlana erzählte mir, dass alle russischen Offiziersschüler einen Potenztest absolvieren müssen, dieser sei Teil der Aufnahmeprüfung. Eine nur dürftige bekleidete Frau, die "keinerlei Defekte aufweise", stolziere vor den nackten Schülern auf und ab. Bei wem sich nichts tue, der könne gleich wieder nach Hause fahren. Sinn und Zweck der Übung sei es natürlich, die charakterliche Festigkeit zu prüfen, denn ein impotenter Mann sei gefährlich und soll keine Waffe tragen.

Das Eisloch lag ganz am Ende des Kais. Ein Mann tanzte im Schnee, nur mit einer Badehose bekleidet. Eine Frau stieg die vereisten Treppe runter, auf der vorletzten Stufe rutschte sie aus. Sie hielt sich mit einer Hand am Geländer fest, schrie, bis zu den Knien war sie nass. Sie ließ sich ins Wasser fallen, schwamm einige Meter hin und her, kletterte dann ans Ufer, die Leute klatschten. Ein Mann schubste seinen Hund die Treppe herunter, der sprang aufs Eis. Der Mann befahl ihm, ins Wasser zu springen. Einige Zuschauer protestierten, der Hund würde den Kälteschock nicht überleben. Der Hund kroch vorwärts, kroch zurück, rutschte, jaulte, kläffte, bellte, winselte nach jedem Befehl seines Besitzers, näherte sich so dem Eisloch. Zurück kam er nicht, er rutschte ins Wasser. Die Leute schrieen, schimpften mit dem Mann. Der Hund schwamm auf die andere Seite des Eislochs. Die Vorderpfoten bekam er auf den Eisrand, den Kopf, den halben Bauch, mehr aber nicht. Er rutschte zurück, krallte sich wieder mit den Vorderpfoten ins Eis. Die Leute schrieen, jemand müsse den Hund retten, er werde erfrieren. Ein Luftkissenboot der Miliz näherte sich in einer Eisrinne, Schnee und Eisstückchen wirbelten durch die Luft. Die Leute am Ufer quietschten und schrieen immer lauter. Zwei Männer standen in Badehosen an der Treppe, sie waren soeben erst im Wasser gewesen, sie riefen, sie könnten nicht schon wieder hineinsteigen. Eine Frau im Badeanzug weigerte sich, ins Wasser zu gehen, das sollte der Hundebesitzer ihrer Meinung nach selber tun. Svetlana schlug vor, ich solle mich schnell ausziehen.

Tut mir Leid, sagte ich, das ist mir zu kalt.

Die Männer vom Luftkissenboot kamen nicht nah genug an das Eisloch heran. Der Hund versuchte immer noch, sich aufs Eis zu ziehen, doch er konnte sich nicht halten. Dann schaffte er es endlich, sich herauszuziehen, torkelnd lief er ans Ufer. Die Treppe herauf half ihm sein Besitzer.

Wieder schimpfen die Leute auf den Mann, er antwortete, es sei gesund für den Hund, im Eiswasser zu baden. Vom Milizboot rief jemand, er solle den Hund mit einer Decke wärmen.

Nichts da! rief der Mann.

Er ging mit seinem Hund zum Auto, öffnete die Tür und ließ ihn hineinspringen.

Svetlana weinte.

Wir rieben unsere Nasenspitzen aneinander, an denen sich rasch Eis bildete. Die Ohren taten weh von der Kälte. Es war schon kurz vor Mitternacht.

Ein Milizauto fuhr hinter uns her, als wir den Boulevard entlang liefen. Ich legte mein Ohr an ein Holzhaus, die Hufschläge der Pferde Tschingis-Khans waren noch zu hören.


Zurück in der Heimat. Ich traf mich mit meinem Schachschüler. Sieben Jahr alt ist er jetzt schon. Er hatte fleißig geübt, war erstaunlich sicher in den Eröffnungen geworden.

Wenn ich eine Aufgabe lerne, schreibe ich sie in meinem Kopf auf einen Zettel, erklärte er. Beim Spielen suche ich dann nach dem Zettel, aber manchmal finde ich ihn nicht.

Ich fragte ihn nach dem Unterschied zwischen Strategie und Taktik.

Was will ich tun, und wie kann ich es mit meinem Plan erreichen, meinte er.

Wir übten unser altes Spiel, ein Feld zu nennen und dessen Farbe. Er war inzwischen schneller als ich.

Ich kann die Züge einatmen, sagte er. Über das Feld f7 hatte er auch eine Meinung: Da ist die schwache Stelle für den König, wie beim Drachen unterm Kinn, dort muss man mit dem Degen Schwert zustechen!

Auch mit meinen Auftraggebern traf ich mich. Ich berichtete von ersten Erfolgen. An manchen Aufträgen arbeiten die Dienste jahrzehntelang, das darf man nicht vergessen. Insofern war man vorerst auch mit wenig Material zufrieden. Immerhin hatte ich die Giftküche an der Wolga gefunden, sie lag auf dem Gelände einer Schokoladenfabrik. Mit der Tochter des Direktors hatte ich bereits Bekanntschaft geschlossen.


Der Tarnung wegen nahm ich an einer Weihnachtsfeier teil. Die Frau, die mich eingeladen hatte, war früher meine Schwester gewesen. Eine kurze Zugfahrt, und sie schloss mich in ihre Arme.

Streng im Geheimen teilte sie mir gleich einige Neuigkeiten über ihre Ehe mit, noch auf dem Bahnhof, ihr Mann durfte nichts erfahren. Es hatte Ärger gegeben, weil ihr Schwager zur Weihnachtsfeier keinen Fremden sehen wollte, nicht mich, niemanden. Doch inzwischen war es zu Versöhnungsgesprächen gekommen. Schwester, Mann und Tochter waren nicht mehr beleidigt, Schwager, Schwägerin und Tochter ebenfalls nicht mehr. Die Großmutter hatte geschlichtet. Da man in einem Haus lebte, sollte man auch zusammen Weihnachten feiern, wurde beschlossen. Zuletzt sprachen auch die beiden Töchter der Familien wieder miteinander, und da beide in die gleiche Schule gingen, wirkte sich ihre Verständigung ebenfalls günstig auf das Klima aus.

Fröhliche Weihnachten, sagte ich, nachdem ich mir das alles angehört hatte.

Ich wollte nur, dass du vorbereitet bist, sagte sie. Manchmal bemerkt man ja doch etwas von einer schlechten Stimmung. Aber jetzt könnte die Stimmung wirklich wieder gut sein. Wir freuen uns alle auf Weihnachten, alle Geschenke sind gepackt, der Baum ist geschmückt. Nur auf dich warten wir noch.

Einer ihrer Brüder war an Krebs gestorben. Sie weinte, als sie das erzählte. Sie hätte ihn gerne noch einmal gesehen, sich mit ihm ausgesprochen. Die Tochter des Bruders hatte in ihrer Beerdigungsrede ihren Vater kritisiert. Er habe zu starke Leistungen von ihr verlangt, sie vor allem auf dem Sportplatz gequält. Erst mit der Krankheit sei er weicher geworden.

Die Schwester meinte: Er hat sich nicht befreien können. Der Offiziersberuf war falsch gewählt. Der Vater konnte ihn dafür auslachen. Dummer Sohn war Offizier geworden, hatte sich geopfert, um das falsche System zu verteidigen. So etwas schlägt natürlich auf den Magen.

Er heiratete und betrog drei Frauen, der vierten, die ihn anbrüllte und strammstehen ließ, blieb er treu.


Wir fuhren einige Kilometer übers Land. Diesige Luft hing in den Tälern. Meine Schwester kann Autofahren, was für eine Überraschung, sagte ich.

Da staunst du, was? Früher hat mir niemand etwas zugetraut, weißt du noch? Ich durfte nur abwaschen, nicht mal kochen. LKW möchte ich auch fahren. Meine Freunde sagen, ich könnte das, also warum nicht? Es ist bloß zu teuer. Du hast hoffentlich Hunger mitgebracht? Wir müssen diese Leute nur zum Essen sehen. Sie wissen sowieso nicht, was sie mit dir reden sollen. Jeder hat Angst, eine falsche Frage zu stellen. Ich habe dir gleich gesagt, du wirst dich bei uns langweilen.

Der Schwager, der Bösewicht, bot mir gleich einen Aperitif an, dann seinen eigenen Sessel, weil woanders kein freier Platz war.

Das Essen, asiatisch sollte es sein, schmeckte brr, das Fleisch war so matschig wie die Bohnen.

Mal hereinhören in das Gespräch.

- Asiatisch essen wir am liebsten.

- Wegen der interessanten Gewürze.

- Aber in Thailand schmeckt das Essen besser.

- Indisches Essen gefällt mir auch.

- Indiens Wirtschaft ist bald so stark wie die italienische!

- Ich mache immer noch einen Schuss Essig an den Salat.

- Die Chinesen klauen alle Lizenzen.

- Zuviel sauer macht lustig.

- Die haben auch das Schießpulver erfunden.

- Kupfer ist schon teurer geworden.

- Die USA sind schon abhängig von China.

- Bald geht sowieso alles den Bach runter.

- Das kann alles nicht mehr lange gut gehen.

- Die Menschen ändern sich nicht.

Letzte Worte der Schwägerin zum Abschied um Mitternacht: Hauptsache, wir streiten uns nicht! Wir doch nicht, wir sind doch verwandt! Gute Nacht!

Dann, die Schwester: Das war wieder anstrengend!

Ihr Mann: Mein Schwager wieder! Er kann die Klappe nicht halten. Es war doch gar nicht so schlimm für ihn, den Abend mit einem fremden Gast zu überstehen!

Mein Bruder ist kein fremder Gast.

Für meinen Schwager ist er ein fremder Gast.

Richtig, für deinen Schwager, aber für mich nicht. Auch wenn ich meinen Bruder nur alle paar Jahre mal sehe, ist er kein Fremder. Du weißt, wie wichtig mir mein Bruder ist.

Sie zwinkerte mir zu.

Ich dachte an einen Freund, der unter Gleichgewichtsstörungen gelitten hatte. Steinchen hatten sich in seinem Gehörgang gelöst, flogen frei herum, er bekam ein Kosmonauten-Gefühl, schwebte oder glaubte zu schweben.


Am nächsten Abend erklärte mir der Schwager, wie ich leben müsste. Davor hatte er Streit mit seiner Frau über den Streit bei seiner Mutter gehabt. Davor und danach einen Streit darüber, ob es ein Streit war.

Er meinte, ich müsste mir etwas aufbauen.

Ein Haus vielleicht, wie ihr? Mit einem Kredit, den ihr in 50 Jahren noch abzahlt, falls ihr die Arbeit und das Haus vorher nicht verliert?

Wir träumen schon ganz lange von einem Haus.

Ich träume auch vom ewigen Leben.

Wir arbeiten ordentlich, weshalb sollen wir nicht im eigenen Haus wohnen?

Was vermisst ihr eigentlich? Eure Wohnung hier hat einen fantastischen Ausblick. Woanders leben nur die Reichsten in solchen Wohnungen.

Mit meinem Schwager und meiner Schwester halten wir es nicht länger aus. So eng beieinander, das kann nicht gut gehen. Wir warten seit einem Jahr auf die Stromrechnung. Ich habe meine Schwester schon dreimal daran erinnert. Das gibt noch Ärger.

Er drehte ein Tütchen.

In anderen Gegenden würdet ihr das gleiche Haus für ein Zehntel dieses Preises bekommen, sagte ich.

Dort finden wir keine Arbeit.

Dort braucht ihr keinen Kredit abbezahlen.

Wir haben uns für diesen Weg entschieden und sind bis jetzt zufrieden damit. Was dir fehlt, ist Verantwortung. Du solltest eine Familie gründen. Mich brachte es in meiner Entwicklung weiter, deine Schwester und ihre Tochter zu unterstützen. Etwas, das Hand und Fuß hat, musst du machen. Deine Schwester habe ich auch aus ihrem Schneckenhaus herausgezogen. Früher wollte sie nie in den Urlaub fahren, nie ins Ausland, wollte sie nie ihren Geburtstag feiern. Jetzt fährt sie Motorrad und Auto. Sie war Tauchen, Segeln und Skifahren auf drei Kontinenten. Und sie ist immer noch nicht zufrieden, will unbedingt noch den LKW-Führerschein. Und jeder ihrer Geburtstage wird mit meinen Freunden gefeiert.

Siehst du, soviel Gutes bringst du in die Welt, sagte ich.

Jeder will doch einen Platz haben, an dem es warm ist, du doch auch. Ich wollte spätestens mit 35 verheiratet sein, und das habe ich geschafft.

Und die nächste Überschwemmung spült das Haus weg.

Er hatte genug von diesem Gespräch, ging lieber in die Werkstatt, bastelte am Motorrad.

Die Schwester kam, sagte, sie habe die gesamte Finanzierung genau ausgerechnet, sie könnten sich das Haus leisten. Sie freue sich vor allem auf den Kamin.

Hier streiten wir uns nur, weil wir zu nah bei den Verwandten wohnen. Das färbt auch auf die Kinder ab.

Wie oft seht ihr euch eigentlich?

Zwei- bis dreimal in der Woche bestimmt. Mein Schwager kommt nie zu uns, aber meine Schwägerin schon, für eine Zigarette.

Und das ist so unerträglich?

Beispiel Stromrechnung. Wir brauchen die Rechnung. Ich habe zwar Geld zurückgelegt, aber vielleicht reicht es nicht. Mehrmals habe ich deshalb schon meinen Schwager gemahnt. Er gibt uns einfach die Rechnung nicht. Keine Zeit, später mal. Ich möchte einfach Ordnung in meinen Papieren haben. Sonst bin ich mit meiner Situation zufrieden. Man ist nur einmal jung. Lass uns lieber von früher reden. Du wolltest ein Rezept haben, von Zupfkuchen oder von welchem?

Das Leben ist zu kurz für die Wahrheit, antwortete ich.

Christoph Brumme, geboren 1962 in Wernigerode/Harz, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Roman: Süchtig nach Lügen.


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00:00 22.12.2006

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