Understatement in Dogubeyazt

Im Gespräch Tayanç Ayaydn, Hauptdarsteller in dem Film "Pazar", über Handel und Wandel in der Osttürkei und die Arbeit mit einem britischen Regisseur, der die türkischen Verhältnisse besser kennt als mancher Einheimische

Mit Pazar - Der Markt hat der in Hongkong geborene Brite Ben Hopkins nach 37 Uses for a dead Sheep ­­seinen zweiten Film in der Osttürkei gedreht. Der Kleinhändler Mihram versucht, ­­sich­ Mitte der neunziger Jahre zwischen Gottesfurcht und Vollrausch durchs Leben an der Grenze zwischen der Türkei und Aserbeidschan zu schlagen. Der Film verbindet Lokalkolorit mit einem Diskurs über den Schwarz­­markt als Kristallisationspunkt von Ausbeutung und Überlebenskampf. Mihram wird gespielt von dem 29-jährigen Tayanç Ayaydn, der in Locarno als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

FREITAG: Herr Ayaydn, Sie leben in Istanbul. War es schwer für Sie, in die Mentalität der Osttürkei zu finden?
Tayanç Ayaydin: Wir haben in Van, Tatvan und Dogubeyazt gedreht. Auch die Szenen, die in Aserbeidschan spielen, sind in der Türkei entstanden. Vorher habe ich zwei Jahre in der Osttürkei fürs Fernsehen gearbeitet. Dieser Teil des Landes war mir also nicht ganz unbekannt, allerdings unterscheiden sich die einzelnen Regionen im Osten stark voneinander. Es gibt viele kleine Unterschiede, andere Verhaltensweisen, unterschiedliche Mentalitäten. Ich war damals in Midyat. Zur gleichen Zeit hat Ben Hopkins in der Osttürkei einen Dokumentarfilm gedreht. Dort habe ich ihn mehrmals besucht. So hatte ich die Möglichkeit, mich am künftigen Drehort umzusehen.

Ist Türkisch dies- und jenseits der Grenze verbreitet?
Aserbeidschanisch und Türkisch unterscheiden sich nicht besonders voneinander. Im Film spricht die Apothekerin, die mir das Medikament nicht verkaufen will, Aserbeidschanisch, und ich spreche Türkisch. Wir können uns problemlos verständigen. Auf der anderen Seite der Grenze leben viele Türken, die dort ihre Geschäfte machen. Der Fabrikbesitzer etwa, dem ich die Zementsäcke verkaufe, ist Türke. An der Grenze gibt es eine gemeinsame Sprache. Damals - der Film spielt 1994 - hat sich dort ein Mix zwischen Aserbeidschanisch und Türkisch entwickelt. Heute ist das anders.

Gibt es noch die kleinen Händler wie Mihram oder lokale Tycoons wie Mustafa?
Nein. Entweder werden sie größer oder sie verschwinden. Früher war zum Beispiel das Grenzgebiet zwischen Syrien und Türkei berüchtigt für diese Art von Schwarzmarkt. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Die Waren kommen auf legalem Weg ins Land und werden auf legalem Weg verkauft - zu höheren Preisen. Es ist nicht einfach, dort billig einzukaufen. Die Globalisierung hat auch dort ihre Spuren hinterlassen.

Ist das Leben einfacher geworden?
Das hängt davon ab, was man braucht. Der Mann, den ich im Film spiele, besorgt alles, was man haben will. Niemand zweifelt daran, dass er das hinbekommt. Wenn man das entsprechende Budget hat, kann man alles finden. Heutzutage muss man am richtigen Ort suchen, und es ist nicht sicher, ob man das Gewünschte findet. Die Regierung hat inzwischen ihre Hand drauf.

Wie war die Zusammenarbeit mit einem britischen Regisseur? Gab es Klischees, die Sie zurechtrücken mussten?
Ben Hopkins hat mir gesagt, dass ihm diese Frage ständig von den türkischen Journalisten gestellt wird. Ich habe viele Details erst von ihm erfahren. Er setzt sich seit acht Jahren mit der Region auseinander. Damals hatte er entschieden, diese Geschichte dort zu drehen. Er versteht die dortigen Lebensgewohnheiten besser als viele Türken, weil er nichts gegen diese Region hat. Er ist dort kein Außenseiter. Mit den Leuten spricht er Türkisch, auch wir schreiben uns E-Mails ab und zu auf Türkisch.

Ich hatte das Gefühl, dass der Film sehr "türkisch" ist.
Ein türkischer Film von einem britischen Regisseur, der nicht wirklich Brite ist. Hopkins ist ein Weltmann, und als solcher versteht er es, Türke zu sein. Er bedient keine exotischen Vorstellungen und will vor allem wissen, was wirklich passiert. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen der türkischen Zuschauer. Ich hoffe, sie interessieren sich mehr für den Film als für die Tatsache, dass er von einem britischen Regisseur stammt.

Wie war sich die Zusamenarbeit mit Genco Erkal, dem populären Theaterschauspieler?
Für mich ist damit eine Art Traum wahr geworden. Alle sagen, dass "Pazar" so wie unser dritter oder vierter gemeinsamer Film wirkt. Die Onkel-Neffe-Beziehung, in der wir da stecken, wurde zum Selbstläufer, wobei vor allem Genco sie im Film aufgebaut hat. Irgendwie sind wir auch im richtigen Leben zu einer Art Onkel und Neffe geworden.

Es gibt in "Pazar" aber auch ein "britisches" Understatement.
Ja, vor allem wenn der Onkel in den Film einsteigt, kriegt die Sache noch einmal eine ganz andere Energie. Sicherlich spielt britischer Humor da eine Rolle. Die Trinkgeschichte etwa, wo der Onkel erzählt, warum er nichts mehr trinkt, die stammt von Ben Hopkins. Wir haben als Schauspieler nichts ergänzt. Ich halte das für echten britischen Humor: In einer Kettenreaktion geht an einem Tag alles kaputt, Stück für Stück.

Wie war die Zusammenarbeit im Team?
Wenn man im Osten der Türkei arbeitet, gibt es keinen Luxus. Der einzige Luxus sind die Beziehungen und Freundschaften untereinander. Das war sehr wichtig. Für mich war es die erste Zusammenarbeit mit einem ausländischen Team. Das hört sich vielleicht komisch an: Ein britischer Filmemacher dreht mit einem deutschen Team und türkischen Schauspielern im Osten der Türkei einen Film. Und ein Teil der finanziellen Unterstützung kommt aus Kasachstan.

Wird Hopkins weiter in der Region drehen?
Ich weiß es nicht. Zur Zeit macht er einen Dokumentarfilm in Neapel.

Das Gespräch führte Bernd Buder

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00:00 27.11.2008

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