Unendlich ernst

Posthum Mit 48 Jahren nahm Mark Fisher sich das Leben. „The Weird and the Eerie“ ist der letzte Blick des Kulturtheoretikers auf die Welt
Unendlich ernst
Über dir schwebt es, es bohrt sich brennend ein

Montage: der Freitag; Material: Blickwinkel/Imago, Sambarnes/Alamy

In was für einer sonderbaren, spukhaften Welt bewegen wir uns? Was für eine Wirklichkeit ist das, die uns jeden Morgen den Boden wegzieht? Du lebst in dieser verstörten Welt. Eine kugelförmige Drohne verfolgt mich. Der Boden öffnet sich; uns schwindelt. Diesem Schwindel ging der Mitte Januar durch Freitod aus dem Leben geschiedene britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher nach. Nach Capitalist Realism (2009) und Ghosts of My Life (2014) erscheint nun posthum The Weird and the Eerie, erst einmal nur auf Englisch.

Zusammengenommen bilden Fishers Texte einen Dreischritt in dem Versuch, dieser seiner Wirklichkeit irgendwie noch habhaft zu werden, sei es nur in versuchsweise angewendeten Begriffen, in neuen Begriffserfindungen und befremdlichen Begriffsfundstücken. Mit Kapitalistischer Realismus ohne Alternative, das 2013 auf Deutsch erschien, hatte Fisher eine beeindruckende Deutung der Gegenwart und Zukunft kapitalistischer Kulturen vorgelegt, die anhand von kulturellen Artefakten und Ansätzen der Kritischen Theorie den ausweglos autoritären und unfreien Charakter des Neoliberalismus betonte; in Gespenster meines Lebens: Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft (Tiamat 2015) vertiefte er diesen Ansatz mit ungezählten Belegen aus der fiktionsmächtigen Clubmusik, futuristischen Spielfilmen und zeitkritischen Theorie-Entwürfen.

Zwei sirenenhelle Worte

Das Verlustgefühl einer gestohlenen Zukunft, die Krankheit Depression, erschien hierin nicht als Symptom individueller Unzulänglichkeit, sondern als Abdruck kapitalistischen Gesellschaftsbetriebs auf Empfindungsleben und Liebesverhältnissen. Der dritte Band The Weird and The Eerie umschließt nun allein künstlerische und literarische Artefakte, die diese verstörte Welt darstellen.

In den 14 Kapiteln des Bands unternimmt Fisher kurze Tauchgänge von wenigen Seiten in die Welten von H. P. Lovecraft und H. G. Wells, von The Fall, Rainer Werner Fassbinder, Philip K. Dick und David Lynch einerseits, Welten, die als sonderbar, als eigenartig und befremdlich, bizarr – kurz: als weird – beschrieben werden. Zum anderen taucht er in Welten, die als gespenstisch und spukhaft erscheinen, eerie eben: von Daphne du Maurier und Jonathan Glazer, von Brian Eno, Margaret Atwood, Stanley Kubrick, Andrei Tarkowski und Christopher Nolan. Allein diese Aufzählung reicht schon zur ersten Ausdeutung des weird und des eerie – zwei Worte, die es in der deutschen Sprache so nicht gibt. Beide umschreiben einen Zustand der Verunsicherung und Verstörung, der auf Deutsch unheimlich heißt. Das Unheimliche wird von Fisher denn auch nicht wie üblich mit uncanny übersetzt (was er als trivialisierend und entschärfend ablehnt), sondern mit unhomely. Hier sind wir nicht mehr zu Hause. Nichts mehr mit gemütlich, cozy, hygge und heimelig. Wir stehen klamm, hungrig, mit einer beginnenden Lungenentzündung vielleicht, stinkende Klamotten am Leib, auf einem Steppenfeld im Südosten Europas.

Über uns rauschen die Bomber und die Drohnen. Ein abgeschossenes Triebwerk fällt vom Himmel herunter, wir ducken uns zur Seite, da bohrt es sich brennend in den Acker, wenige Meter von uns. – Habe ich das geträumt? Kann das wahr sein?

Fisher taucht zwischen Solaris und 2001, Mulholland Drive und Welt am Draht hin und her, er springt von den Erzählungen Lovecrafts zu jenen von Wells, zu du Mauriers The Birds – doch anders als in den früheren Bänden findet eine Übertragung in politische Zeitdiagnose oder psychoanalytische Anamnese nicht mehr statt. Er unterscheidet lediglich eerie von weird: Letzteres empfänden wir, wenn etwas Exorbitantes, kaum Nachvollziehbares in unserem Leben erschiene, das wir nicht verstehen könnten, Cthulhu, ein nörgelnd-hochgebildeter Penner, eine vollständig simulierte Welt, weird. Ersteres aber, eerie, wäre etwas, das wir vermissten oder das zwar da wäre – aber auf völlig befremdliche Weise, eine unsichtbare Mauer, die Freiheitsstatue vergraben im Sandstrand, apokalyptisch leere Metropolen. Fisher beschränkt sich ganz auf die Bewegung zwischen Fiktionswelten, ihren Nuancen und Kippfiguren. Die Welten der Verstörung sollen nicht mehr verlassen werden. Das unendliche Kontinuum der Fiktion, in dem Leserinnen und Betrachter sich endlos aufhalten können: Das ist es jetzt. Mehr ist da nicht. Nicht mehr.

Der faszinierende Furor, immerhin noch neue Konzepte intellektueller Kritik vorzuschlagen, der in Kapitalistischer Realismus ohne Alternative noch zu finden war, er ist verschwunden. Haben die Gespenster der Depression gesiegt? The Weird and the Eerie ist im besten Sinne ein schwaches Buch, ein realistisches Buch. Seine Resignation tarnt sich in der Beschränkung auf zwei sirenenhelle Worte: weird und eerie. Das ist der letzte Widerstand. Die Kapitulation, da der Tyrann nun dein Vorgesetzter ist, über dein Berufs- und Privatleben bestimmt und dir alle Befehle erteilt. Eine unsichtbare Wand steht da. Alle sind verschwunden. Wir finden uns in einem Barockzimmer wieder. Erschlafft liege ich auf einem viel zu breiten Bett. Über dir schwebt der mannshohe, schwarze Monolith.

Info

The Weird and the Eerie Mark Fisher Repeater Books 2017, 144 S., 9,99 €

Holger Schulze ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Kopenhagen und leitet dort das Sound Studies Lab. Er forscht zur Kulturgeschichte der Sinne, zum Klang in der Popkultur sowie zur Anthropologie der Medien

06:00 22.02.2017

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