Unendlicher Dressurakt

Katrins Karriere Suchen und Warten, um endlich gebraucht zu werden

Katrin ist "Facharbeiterin für Holzspielzeug". Ausbildung in der einst berühmten Spielzeug-Stadt Sonneberg, DDR. 1984 kam sie in die Bundesrepublik, hochschwanger zum Vater ihres Kindes. Ihr zweiter Beruf wurde "Gymnastiklehrerin für Gymnastik und Bewegungstherapie für den freien Beruf", kurz: Bewegungspädagogin. Die Ausbildung erhielt sie in der anthroposophisch orientierten Bildungsstätte Loheland. In beiden Berufen ist sie wie zu Hause, sie pendelt zwischen ihnen, verbindet sie auf ihre Weise. Aber ihre Talente werden nicht abgerufen, sie sind nicht kompatibel im System der Berufe und Arbeitsverhältnisse, lassen sich nur auf der Schiene der Selbstständigkeit ausüben. Da scheitert eine allein erziehende Mutter mit zwei Töchtern immer wieder.

Katrin hat es an unendlich vielen Stellen versucht. Als Gymnastiklehrerin fand sie Termine meist für späte Nachmittage oder Abende. Manchmal hat sie die kleine Isabella vom Kindergarten abgeholt, hat die Utensilien - Trommeln, Tücher, Bälle - auf ihr Fahrrad gepackt, das Kind auf den Gepäckträger gesetzt. So ging es nachmittags zum Kindertanz, in Sportvereine zum Eltern-Kind-Turnen, abends zur Gymnastik. Sie hat einen Massagekurs absolviert und ist mit einem zusammenklappbaren Massagestuhl, den sie sich auf den Rücken laden konnte, nach Karlshorst zur Telekom gefahren, um dort die Angestellten während deren Arbeitszeit zu massieren. Sie hat eine Werkstatt eingerichtet und Pädagogen in handwerklichen Fertigkeiten angeleitet und unzählige Workshops in Kinderläden und Schulen gegeben. Da wurden Masken und Figuren aus Papiermaché hergestellt, anhand 100 Jahre alter Gipsformen, die sie in Sonneberg aufkauft.

So lebt sie mit ihren zwei schönen Töchtern, 20 und 8 Jahre, in einer für Besuche jeden Alters offenen Wohnung. Zu dritt wirken sie fast wie Schwestern. Ob beim Bauen, Tanzen, Massieren oder Turnen: immer geht es darum, Kinder, schwierige Jugendliche und verkrampfte Erwachsene zu lockern, ihre erstarrte Phantasie aufzutauen, sich aufzurichten. Letztlich geht es immer um Selbstvertrauen. Für Katrin gibt es da kein Schema, kein Rezept nach dem Motto "In zehn Tagen sind Sie glücklich". Gemäß den Prinzipien ihrer Ausbildung in Loheland erfindet sie für jede Situation, für jede Gruppe und Person immer wieder neue Methoden. Das ist das Schöne, aber Nicht-Praktische im üblichen Getriebe. Es wird bewundert und wieder beiseite gelassen. Dafür ist fast nie Geld da, nie langfristig.

Es sind gerade die schönsten Eigenschaften, die überflüssig scheinen. Man muss sich passend machen, sich in dieses Leben einfädeln, sich von den nicht verwertbaren Fähigkeiten verabschieden, verfügbar werden: ein unendlicher Dressurakt. Leichtsinn ist suspekt, Schlendern und absichtsloses Beobachten sind unnütz, genauso wie zu langes Nachdenken oder die plötzliche Lust zu singen. Zum Glück gibt es den Eigensinn.

Im Gang des Arbeitsamts

Was tut man beim Warten in Ämterfluren? Zeitung lesen? Löcher in die Lust starren? Katrin hat ein Heft aus der Tasche gezogen und versucht, jede Bewegung aufzuzeichnen, wie um sich zu retten vor dem ohnmächtigen Zorn oder dem Absinken in Apathie:

10. Januar. Ich hetze mich ab, damit ich um acht hier bin. Die Tür von Herrn Z. ist zu. Ich gehe ins Nebenzimmer, zu zwei Frauen. Die sagen, sie wüssten nicht, wo er ist, er würde schon kommen, ich solle warten. Ich weiß nicht -. Ich schreibe, was soll ich sonst tun. Das ist ein ganz wichtiger Termin wegen der Umschulung.

Ich gehe wieder ins Nebenzimmer, Frau T. sagt zu mir, sie würde fragen, was mit Herrn Z. ist. Ich setze mich auf den Flur und warte.

Ich warte. Ich überlege, soll ich jetzt wieder reingehen und fragen, wie die Antwort ausfiel? Da kommt endlich Frau T. heraus und ruft eine andere Person auf. Ich frage: "Wollten Sie sich nicht gerade erkundigen, was mit Herrn Z. ist?" Sie schaut mich an: "Nein, ich sagte doch, es liegt in ihrer Entscheidung, ob sie zu Herrn F. gehen oder hier warten." Herr F. ist wiederum der Vorgesetzte von Herrn Z.

Ich schaue sie an. Sie murmelt noch: "Es wurde gesagt, dass er meistens gegen neun kommt." Also hatte sie doch gefragt. Ich war aber um acht mit ihm verabredet.

Ich überlege, soll ich zum Vorgesetzten gehen? Soll ich mich beschweren? Soll ich der Frau T. noch einmal auf die Nerven gehen?

Herr Z. kommt kurz vor neun. "Hallo", sage ich. Er: "Sie können sich bei Herrn B. melden, er klärt mit Ihnen alles Weitere." - Das war alles, was er gesagt hat. Hätte ich ihm jetzt sagen sollen: Herr Z., wir hatten um acht Uhr einen Termin, jetzt ist es neun Uhr. Wo waren Sie? Warum haben Sie mich nicht benachrichtigt? Finden Sie das in Ordnung?

Jetzt sitze ich vor Zimmer 155. Herr B. Den haben sie vorgeschoben, um mir die unangenehmen Dinge zu sagen. Nein, letztes Mal, sagt er, hätte er nicht Nein gesagt zu meiner Ausbildung. Aber das Gesetz, nachdem ich gefördert werden solle, sei noch gar nicht raus. In drei Wochen erst. Ich könne ja auch noch drei Wochen später in die Ausbildung einsteigen. Das könne ich nachholen, dazu sei ich intellektuell in der Lage. Das hat mir Herr B. in meine Tränen hinein bestätigt.

Werkstatt für Schulverweigerer

Alle Arbeiten fand Katrin scheinbar zufällig. Sie folgten eine aus der anderen. In den letzten Jahren ging es um Jugendliche: Die erste Gelegenheit dazu fand sie durch ihre Tochter Isabella, die mit dem Kindergarten eine Holzwerkstatt besuchte, und das machte Katrin neugierig. Es stellte sich als Werkstatt einer Institution für "schuldistanzierte" Jugendliche heraus. Sie kam mit den Lehrern ins Gespräch, und irgendwann wurde sie gefragt, ob sie nicht einen Kollegen vertreten wolle, der für ein halbes Jahr Kinder-Urlaub nahm. Sie wollte und sprang ins unbekannte Wasser.

"Ich begriff anfangs nicht genau, worum es ging. Man teilte mir einen kleinen Raum mit Wasserhahn und Holztisch zu und einen Schüler. Ich habe die Gipsformen für Masken auf den Tisch gelegt. Das einzige, was ich wusste, war, dass er wieder zum Lernen motiviert werden sollte. Ich habe ihn nichts gefragt, er schwieg, aber er hat angefangen, mit mir Papiermaché zu machen und die Maske zu bauen. Er war 16, so groß wie ich, blond, paar Pickel im Gesicht. Zuerst hat er sich geekelt, mit den Fingern den Kleister aufs Papier zu schmieren. Aber dann hat er die Papierschnitzel feinfühlig in die Form gedrückt. Nach zwei Stunden ist so eine Maske fertig. Am nächsten Tag konnte er sie glätten und grundieren. Und dann hat er sie als Hertha-Fan blau-weiß angestrichen, sehr aufmerksam und genau. Er durfte sie behalten und wollte die Maske in sein Zimmer hängen. Nach einigen Tagen kam Daria aus Polen dazu, sie war richtig begabt und hat Tiermasken akribisch genau bemalt. Tierärztn war einmal ihr Traumberuf, nun beschloss sie immerhin sich als Sprechstundenhilfe beim Tierarzt zu bewerben. Als Dritter kam ein Junge, der sich kaum konzentrieren konnte. Er hat seine Maske rot lackiert und einen Irokesen darauf geklebt. Am Ende waren es sieben Schüler, wir haben die Masken und Figuren in einer Bibliothek ausgestellt, sie waren stolz darauf."

Die unterste Stufe

Verzweiflung erlebt Katrin vor allem in den Ämter-Labyrinthen. Was sie verdiente, reichte auch bei dieser Werkstatt mit den Jugendlichen nicht für die dreiköpfige Familie, so dass sie wie schon häufig Hilfen in Anspruch nehmen musste. Die Unterstützung erhielt sie als Alleinerziehende vom Jugendamt. Vor drei Jahren aber hat sie mit den beiden Vätern ein gemeinsames Sorgerecht festgeschrieben. Fast als würde sie dafür bestraft, wurde nun das Sozialamt für sie zuständig. "Ich dachte", erinnert sich Katrin, "dass ich an der untersten Stufe der Gesellschaft angelangt war. Beim Jugendamt war es noch gemäßigt, da saßen Mütter mit ihren Kindern auf den Gängen. Das Sozialamt in Kreuzberg ist extrem, da sitzen die Alkoholiker auf den Gängen, es ist verqualmt, alle frustriert. Du ziehst die Nummer und wartest stundenlang. Ich dachte: Ist wohl zum abgewöhnen so gemacht. Man soll ja arbeiten gehen. Man will ja auch. Aber wenn´s dann doch nicht reicht, muss man halt Hilfen beantragen. Es ist schlimm, dort ein Bittsteller zu sein, und ich wollte mit allen Kräften raus."

Nach sechs Monaten kam der Lehrer zurück, den Katrin vertreten hatte, und sie stand wieder ganz ohne Arbeit da. Ihren Erfolg haben die Kollegen anerkannt und beteuert, sie würden sich wieder melden. Im Sozialamt hörte sie, dass es eine IDA-Maßnahme gab: Ein Jahr lang arbeiten, vom Amt bezahlt, womit sie den Anspruch auf Arbeitslosengeld wieder erwerben würde. "Ich konnte mich vom Sozialamt zum Arbeitsamt hocharbeiten", sagt sie und lacht nachträglich. Damals lachte sie nicht. Die Tätigkeiten durfte sie sich selbst suchen. Drei Monate betreute sie ein Kindertheaterfestival. Sie kehrte in die Werkstatt für Schulverweigerer zurück, baute sie aus und gab auch einen Workshop bei einem Bildungsträger für 15 junge Frauen und Männer, Türkinnen, Araber, die ihren Hauptschulabschluss nachholen wollten. Diese Kurse laufen über ein Jahr. Man engagierte Katrin hier auf Honorarbasis.

Die Schöne und das Biest

Sie bekam einen Raum, man wies ihr die schwierigsten Jugendlichen zu, denen man den Hauptschulabschluss nicht zutraute. Mit den handwerklichen Arbeiten und den geduldigen Gesprächen in den vielen Stunden gelang es ihr, dass sich langsam die Gruppe aufbaute. Mit ihr ist Katrin auch in Horte gegangen, wo die Jugendlichen selbst die Kinder anleiten konnten. Diese Rolle begeisterte sie. Die Leitung der Einrichtung aber wollte Katrin wohl effektiver einsetzen und hat ihr einen befristeten Arbeitsvertrag vorgeschlagen. Das günstige Angebot konnte sie schwerlich ausschlagen, aber die Gruppe in Kreuzberg hatte sie fortan nur noch an zwei Tagen, die Restzeit arbeitete sie in einer ähnlichen Einrichtung in Steglitz.

Katrin musste in den folgenden Wochen mit ansehen, wie ihre Gruppe in Kreuzberg, die zwei Tage pro Woche auf sich allein gestellt blieb, wieder zerfiel. Das war traurig. In der Steglitzer Gruppe aber war sie die dritte Lehrerin im Verlauf des Jahres. Alle waren völlig demotiviert. Von 20 Schülern waren manchmal nur fünf da. Mit ihnen hat Katrin - der Kurs hatte den Titel "Bühnenbild" - ein Tisch-Marionetten-Theater gebaut, dazu Kulissen und Puppen, die an Drähten hingen, mit Wackelköpfchen und Gummiarmen. Als Thema wählte sie Die Schöne und das Biest, denn den Walt-Disney-Film kannten sie alle. "Es sind interessante Puppen rausgekommen. Wir haben alles fotografiert und wollten einen Trickfilm drehen, sind nach Babelsberg ins Filmmuseum gefahren. Für die, die mitmachten, war es schön. Aber mein Vertrag lief aus, Gelder waren nicht mehr da. Das Schuljahr war noch gar nicht rum. Ich war eben einfach wieder weg. Vier Monate lang war ich arbeitslos."

Aller Ehren wert, was Sie schon gemacht haben, aber ...

Die Schule meldete sich wieder. Katrin entwarf selbst zusammen mit der Projektleiterin aus Steglitz für das folgende Schuljahr einen Vorschlag für kreatives Arbeiten mit Jugendlichen. Wieder eine ABM-Stelle, diesmal für elf Monate. Die Schüler sind ABM und die Lehrerin auch. "Es war sehr komisch. Als die Schüler mitbekamen, dass wir ABM sind wie sie, haben sie gestaunt: Ihr seid also nicht mehr wert als wir! Aber die Arbeit an diesem Projekt war für mich bisher die schönste. Ich hatte die Klasse von Anfang an, 20 Jugendliche, ich war die Leiterin der Werkstatt, drei Tage waren sie bei mir, zwei Tage lernten sie andere Fächer für den Hauptschulabschluss."

Doch irgendwann in diesen Monaten saß Katrin im Arbeitsamt, zufällig kam ein Vorgesetzter in den Raum und sah in den Computer. Dort war ihr ganzer Lebenslauf aufgerufen. Er sagte, kommen Sie doch mal mit, und als sie in seinem Zimmer waren: "Tja, Frau B., das ist ja aller Ehren wert, was Sie schon gemacht haben - beim Verein sowieso, bei der Stiftung pipapo - aber Sie müssen einmal an Ihre Zukunft denken. Überlegen Sie doch, ob Sie nicht noch eine richtige Ausbildung machen möchten. Wir können Ihnen eine Ausbildung zur Logopädin finanzieren!"

Als Katrin nach langem Überlegen dieses Angebot annahm, musste sie die Jugendlichen mitten im Jahr verlassen. Sie reagierten mit heftiger Enttäuschung, fühlten sich im Stich gelassen. Manche erlebten zum ersten Mal ein Interesse an gezielter und gemeinsamer Arbeit. Katrin und die Projektleiterin sprachen lange mit ihnen, sie haben es eingesehen, vielleicht haben sie sich mit Katrin identifiziert, denn sie suchen ja alle ihren Weg. "Einer war sehr krank", erzählt sie, "aber er kam zum Abschied, hat mir auf die Schulter geklopft: Du musst das durchhalten. Versprich es. Du hast jetzt eine Perspektive."

Im Januar war die Finanzierung plötzlich unsicher. Sechs Wochen lang rannte Katrin zu den Ämtern, immer mehr verwirrten sich die Zuständigkeiten, die Logopädie-Schule wollte sie wieder von der Liste streichen. Sie war bleich, die Augen geschwollen. Aber dann kam die Bestätigung.

"Dass ich Logopädie mache, ist sehr gut, ich merke es schon. Sprachprobleme hängen mit Körper, Seele und Bewegung zusammen. Mein Leben kriegt eine Richtung. Das ist eine Ausbildung zu einem anerkannten Beruf, der wird gesucht, es gibt Nachfrage!" So groß ich die Freude, die von der Hoffnung ausgelöst wird, endlich gebraucht zu werden. Auf meine fast bestürzte Nachfrage sagt Katrin: "Ich glaube, ich werde mein ganzes bisher gesammeltes Wissen einfließen lassen können. Ja, das denke ich jetzt."


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.03.2005

Ausgabe 40/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare