Unendlicher Spaß

Sci-Fi Die Welt in Tal M. Kleins „Zwillingseffekt“ wird von künstlicher Intelligenz beherrscht
Marc Ottiker | Ausgabe 15/2018

Sci-Fi-Literatur spielt auf den unterschiedlichsten Ebenen und Niveaus mit Ängsten und Hoffnungen ihrer Leserschaft und ist damit immer ein Brennglas ganz und gar gegenwärtiger Befindlichkeiten. Jules Verne zum Beispiel verarbeitet die technologische Aufbruchseuphorie des Fin de Siècle. Mit dem Atomzeitalter schießen die Dystopien wie Pilze aus dem Boden. Ab den 1960ern beginnt dann, dank Stanislaw Lem oder Arthur C. Clarke, eine Reflexion über die Beziehung zwischen Bewusstsein und Kybernetik. Die Erzählungen passen sich also der Komplexität der Realität an.

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So gesehen bedient sich Tal M. Klein eines klugen Kniffs, sein Ich-Erzähler kommt uns bekannt vor. Der Tonfall von Sam Spade oder Philip Marlowe schwingt da aus vergangenen Zeiten ins Jahr 2147 hinüber, und weil das so vertraut klingt, sind die Zumutungen, von denen hier erzählt wird, fast leichter zu ertragen.

Doch sind es überhaupt Zumutungen? Sicher sind die Mücken, die Methan in Wasserstoff umwandeln können („sie pissen Wasser“), nur für die Für-Demeter-gegen-Gentechnik-Fraktion schwer zu ertragen. Jedoch ist in Tal M. Kleins maroder Welt das Kind bereits derart tief in Pandoras Büchse gefallen, dass sie eben nur noch mit äußerst artifiziellen und intelligenten Spielereien bewohnbar ist. Von Heerscharen emsiger Nanoroboter über eine sich im permanenten Fluxus-Zustand befindenden Digitalisierung, zum eingepflanzten Allroundchip, den zu entfernen oder auszuschalten ein Verbrechen bedeuten würde, beschwört Klein so ziemlich alle gegenwärtigen Angstfiguren herauf. Am griffigsten ist das mit dem Nebensatz formuliert, dass Regierungen nur noch eine repräsentative Rolle spielen würden, ähnlich der von europäischen Königshäusern im 20. Jahrhundert. Dabei beschreibt Klein das alles aus der Sicht des Protagonisten so alltäglich, zupackend und unaufgeregt, dass heutige Bedenken (und dummdreiste Euphorie) hoffnungslos provinziell und vorgestrig wirken.

Fusionierte Religion

Natürlich darf in so einem Szenario auch die Teleportation nicht fehlen, und die befindet sich zum Beginn des Romans tatsächlich noch in ihren Anfängen. Mit dem Verschwinden der Mona Lisa im quantenphysikalischen Nirwana hat sie bereits ihr erstes Opfer gefordert und mit der Verdoppelung des Ich-Erzählers wird sie ihre Unausgereiftheit erneut unter Beweis stellen. Dabei ist diese Metaphorik durchaus (wie das gesamte Buch) von feiner Ironie durchwoben. Das berühmteste Kunstwerk der Menschheit verschwindet, dafür wird erstmalig ein Mensch verdoppelt, und das in einer Welt, die nahezu vollkommen von künstlicher Intelligenz beherrscht wird. Der ganze Schlamassel kommt ins Rollen, weil es durchaus Widerstand gegen diese Entfesselung menschlicher Selbstermächtigung (und Selbstentmächtigung) durch die Technologie gibt. Die Religion ist 2147 auch zum Global Player fusioniert, tritt nur noch in ihrer radikal-fanatischen Ausprägung in Erscheinung, und das mit dem Mittel des guten alten Selbstmordattentats. Und eben dieser gegen die Teleportation gerichtete Anschlag hat die Verdoppelung des Protagonisten zur Folge.

So weit die Parameter dieses großen Lesespaßes. Fußnoten suggerieren dabei geschickt die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit (gerade was das Teleportieren angeht), sie würzen den Text jedoch auch mit Informationen aus unserem alltäglichen, realen Leben. Wenn Sie zum Beispiel etwas über die Herkunft des grünen Notausgang-Piktogramms wissen wollen, bekommen Sie hier eine Antwort darauf.

Info

Der Zwillingseffekt Tal M. Klein Bernhard Kempen (Übers.), Heyne 2018, 416 S., 14,99 €

06:00 22.04.2018

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