Unerträglichkeit des Seins

Verzweiflungsschrei In "Verschwunden" führt Silvia Bovenschen im Grunde ein Selbstgespräch

Weiße Türen/offene Türen" heißt ein Bild des dänischen Malers Vilhelm Hammershoi aus dem Jahr 1905. Man schaut durch weit geöffnete Türen hinein in vollkommen leere Räume. Alles ist verschwunden - die Möbel, die Spuren menschlichen Lebens. Ein Bild von unergründlicher Klarheit. Vielleicht spricht es vom Tod, vielleicht vom Verschwinden. Vielleicht aber auch von der Möglichkeit der Veränderung oder eines Neubeginns. Die Leere ist zumindest nicht trostlos. Der Maler lässt es offen, ob der Beschauer hier einen endgültigen Auszug erkennen möchte oder die Möglichkeit etwas hineinzustellen, was einem wirklich wichtig ist - befreit von jeglicher Last.

Die Kunst von Vilhelm Hamershoi, den leeren Räumen und dem Verschwinden ihr Geheimnis zu lassen, wird in Silvia Bovenschens neuem Buch Verschwunden zitiert. Noch mehr. Man kann fast sagen: Sie ist ihrem Text und dem Gestaltungsprinzip des Buches eingeschrieben. Schon in ihrem Vorgänger-Buch Älter werden hat sie sich ihrem Thema auf ungewöhnliche Weise genähert. Diese Mischung von rückhaltloser Authentizität und unsentimental-witziger Argumentationsschärfe hebt sich wohltuend ab von fast allen anderen Versuchen, dem Thema Alter gerecht zu werden. Hier nun überschreitet die Literaturwissenschaftlerin ihre bislang gepflegten Genre-Grenzen.

In Älter werden wird die von Bovenschen bevorzugte und virtuos beherrschte Form des Essays, dadurch das sie das eigene Ich der Analyse unterzieht, gewaltig gedehnt. In Verschwunden wählt sie schließlich die Fiktion. Warum tut sie das? Warum werden hier vierzehn Erzähler und Erzählerinnen erfunden, Menschen, die ihrer (wie die Autorin selbst) an den Rollstuhl gebundenen Freundin Daniela Listmann Geschichten über plötzlich Verschwundenes erzählen sollen, damit diese Stoff hat für ein Buch über das Verschwinden?

Nur in der Literatur, so die mögliche Antwort, lässt sich dieses vertrackte Spiel mit den Wirklichkeiten hinter und vor der Geschichte entfalten. Nur hier kann man Formen der Mitteilung wie das Tagebuch, den Monolog, den Dialog, das Telefongespräch, das Gruppengespräch, die hier sich abwechseln, zur Vielstimmigkeit zusammenführen, um aus diesem Gegen- und Miteinander Botschaften zu destillieren. Nur hier, so ist zu ergänzen, kann man als Autorin in allen Stimmen selbst anwesend sein.

Wir Leser werden geschickt in diesen Text hineingezogen. Bea und Anton eröffnen den Reigen. Eine Art Prolog, in dem sie sich darüber Gedanken machen, was wohl dahinter steckt, hinter dieser fixen Idee ihrer kranken Freundin Daniela, ihnen Geschichten über das Verschwinden abzunötigen. Es gebe da einen doppelten Boden, vermutet Bea. So eingestimmt, erwartet man mit Spannung welchen Verlauf Danielas "Projekt" nimmt.

Da ist zum Beispiel Eduard. Er erzählt in Danielas Aufnahmegerät von einer geheimnisvollen Dame, die aus dem Schlafzimmer verschwand, nachdem er nur zu blödsinnigen Äußerungen in der Lage war. Gustav dagegen erzählt von einer Dame, die auf freier Strecke aus einem Zug ausstieg und verschwand. Josepha erzählt von einem angeblichen Inselmonster und einem Jungen, der für Jahre unauffindbar blieb. Diese und manche andere Geschichte sollen mysteriös klingen, können aber ihre Banalität nicht verhehlen. Die Erzählenden merken es machmal selbst und kommentieren entsprechend ihr ratloses Bemühen.

Dazwischen aber fädeln sich zwei weibliche Stimmen von unüberhörbarer Intensität ein. Celia, die Verlegerin, die Introvertierte. Sie schreibt Tagebuch. Aus ihren Notizen wird nach und nach ersichtlich, dass ihr Beitrag zu Danielas Buch der schließlich vollzogene Selbstmord ist, und das Tagebuch ihr Verschwinden dokumentiert. Und Frederike, die Journalistin, die Extrovertierte, Laute, Streitende, die Gastgeberin des "Jour fixe" des Freundeskreises. Danielas Bitte an die Weggefährten veranlasst sie zu langen Suaden über das Verschwinden des klassischen "Büchermenschen", des Intellektuellen, den sie selbst repräsentieren, über den Verlust von Schönheit und Kraft als Folge des Alters, über die Unerträglichkeit des Seins in seiner als entfremdet empfundenen Form. Ein Verzweiflungsschrei - in seiner Dramatik nicht ohne Komik. Beide Haltungen, die aufbegehrende von Frederike wie die zunehmend resignative von Celia bestimmen die Dramaturgie des Buches. Beide streben auf eine Entscheidung zu. Aber während Celia den Selbstmord wählt, verkündet Frederike trotzig ihre Entscheidung für Ehe und Familie. "Das ist es, was ich suchte", offenbart sie der Runde, weil "ich will, dass etwas verschwindet: dieser armselige, wohlfeile, auf Dauer gestellte Zynismus".

Es ist die große Kunst des Buches, nicht dem Kitsch oder der billigen Kulturkritik zu verfallen. Seine Figuren hinterfragen sich immer wieder selbst oder fahren sich gegenseitig in die Parade, beschimpfen sich, rechtfertigen sich. Sicherlich, sie sind erfunden, aber könnte es nicht trotzdem sein, dass die Autorin hier ein Selbstgespräch offen legt? Immer wieder setzt sie Zeichen, die diese Vermutung nahe legen. So hätte Silvia Bovenschen nach den Reflexionen über das (eigene) Altern nun den nächsten Schritt getan: Im Buch Verschwunden stellt sie jetzt die Frage, was eigentlich wirklich noch zählt - gegen Ende des Lebens, wenn es durch Krankheit zur Mühsal wird. Die anrührende Antwort ist möglicherweise ganz zum Schluss des Buches in der Erzählung einer Frau über ihren verstorbenen Mann verborgen. Ihr Mann habe einen Zettel hinterlassen, so berichtet sie. Und da stand geschrieben: Nur eines habe ihn seine Hinfälligkeit, seine Schmerzen und seine Scham ertragen lassen - ihre Liebe und verlässliche Nähe.

Silvia BovenschenVerschwunden" target="_blank">Verschwunden. Fischer, Frankfurt am Main 2008, 176 S., 17,90 EUR

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