Unfug eines Spießers

Wortkunst Am 18. Januar wäre Arno Schmidt 100 Jahre alt geworden. Der Künstler Wolfgang Müller erinnert sich an sein Aufwachsen ganz in der Nähe des Genies
Unfug eines Spießers
Streitbarer Wortkünstler: Arno Schmidt 1962
Foto: Rolf Beck/Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld

Als Arno Schmidt 1958 ins niedersächsische Bargfeld zog, war ich gerade ein Jahr alt. Nur wenige Kilometer entfernt von ihm, in Reislingen, wuchs ich auf. Als er am 3. Juni 1979 im Alter von 65 Jahren starb, zog ich endlich aus der Provinz nach Westberlin.

In der erschütternden Normalität Niedersachsens wirkte Arno Schmidt wie ein Fremdkörper. Die Jugendlichen waren überrascht, wenn sie erfuhren, dass sich ein Intellektueller, dem noch dazu die Eigenschaft zugeschrieben wurde, besonders eigensinnig zu sein, freiwillig in diese Langeweile begeben hatte. Wir wollten von hier bei erstbester Gelegenheit flüchten. Nicht unbedingt in die DDR, wie uns Erwachsene manchmal boshaft empfahlen, sondern beispielsweise nach Westberlin.

„Ganz in unserer Nähe wohnt ein Genie!“, meinte mein Schulfreund Bernhard. Er war 16 und wollte Dichter werden und stellte mit drei anderen Jungs eine selbstkopierte Literaturzeitschrift her. An das Gedicht „Der Lichtkelch in der Gebärmutter der Zeit“ erinnere ich mich noch heute. Bernhard wollte unbedingt eine Fahrradtour ins 188-Einwohner-Dorf Bargfeld unternehmen. Es liegt nordöstlich von Hannover im Dreieck zwischen Celle, Wolfsburg und Uelzen.

Als passionierter Ornithologe interessierten mich allerdings besonders die Ziegenmelker und die seltenen Rohrdommeln, die in den Mooren der Lüneburger Heide brüteten. Rohrdommeln werden im Volksmund auch Moorochsen genannt, weil sie sehr tiefe, dumpfe Laute von sich geben, die kilometerweit ertönen. Durch Hineinpusten in eine leere dickbauchige Weinflasche kann man diese Rufe leicht imitieren. Im Jahr 1977 nahm ich eine leere Bierflasche in die Hand und blies hinein: „Uuuuuuu uuuuuu uuuuuuuu.“ Niemand antwortete, weder ein Vogel noch ein Mensch. Arno Schmidt wusste eh Bescheid: „Schriftsteller sollte man nie persönlich kennenlernen.“

„Das’ss natür’ch Nndink!“

Mein Schulfreund hielt Arno Schmidt für die leibhaftige Wiedergeburt von James Joyce. Und für einen Anarchisten. „Du, das’ss natür’ch Nndink!“ – oder: „Du erblixD den eingelegtn Streifn Wilma?“ So schrieb Schmidt. Je nach Lust und Laune warf dieser Schriftsteller alle bekannten Rechtschreibregeln über den Haufen, die uns gerade eingepaukt worden waren. Dabei sah Schmidt eigentlich selber aus wie ein Stereotyp des spießigen Studienrates.

Schmidts Porträt prangte 1958 auf dem Spiegel-Titelbild. Das verhieß große Bedeutung in der Bundesrepublik. Sein Hauptwerk Zettel’s Traum – 1334 dreispaltige DIN-A3-Seiten stark, zehn Kilogramm schwer, mit falschem Genitiv-Apostroph im Titel – erschien 1970. Schmidt nannte es ein „Überbuch“ und empfahl im Spiegel-Interview: „Der kluge Rezensent sagt ein Jahr lang gar nichts.“ Sein Anspruch, ein Hauptwerk der deutschen Literatur geschaffen zu haben, wurde von den Medien gern aufgenommen und oft wiederholt.

Es waren andere experimentelle Sprachkünstler, die Schmidt seinerzeit am heftigsten kritisierten. Ein Jahr, bevor der Zettel erschien, hatte etwa der Schriftsteller und Sprachtheoretiker Oswald Wiener den Roman Die Verbesserung von Mitteleuropa (1969) veröffentlicht – ebenfalls ein Werk voller inhaltlicher, formaler und struktureller Eigenwilligkeit. Zehn Jahre danach, 1979, veröffentlichte Wiener ein Buch mit dem Titel Wir möchten auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren. Dieses leitete er mit der sarkastischen Überlegung ein, dass er, Oswald Wiener, abgesehen vom Lektorat, vermutlich der einzige Mensch sei, der sich je die Mühe gemacht habe, Schmidts Riesenwerk bis zum Ende zu lesen.

"Wachsende Überschätzung"

Harsch ging Wiener mit Zettel’s Traum ins Gericht: Er diagnostizierte eine „bemerkenswerte Sozialphilosophie“ und eine den Leser müde machende Selbstverliebtheit des Autors. Dazu kämen der ungebrochene Einsatz von Stereotypen und Klischees: „Kommen Pferde vor, so pissen sie gewiss ,aus’m Ständer, wie Mein Unterarm’“. Sei bei Schmidt von Schamteilen die Rede, so fassten alle „uwk“ (unwillkürlich) hin und „natürlich“ sei die Beobachtung einer Entjungferung eingebaut, die „natürlich“ im Bordell stattfinde. Arno Schmidt hasse die Jugend, konstatierte Oswald Wiener, ja, der Autor lehne die Gegenwart wegen ihrer Lockerheit im Umgang mit Sexualität ab. Die Freiheit bestünde bei ihm vor allem im „freien“ Gebrauch der Worte. Und das, was die Arno-Schmidt-Gemeinde besonders anspreche, sei letztlich das Hochhalten klassischer Bildungswerte: Autorität durch eigene Leistung, Sexualität als Herrensache und eine konservative Lebenshaltung.

Mit seiner Analyse wollte Wiener der „wachsenden Überschätzung“ Arno Schmidts Einhalt gebieten. Denn die verstelle Wieners Ansicht nach, die Sicht auf eine „wirklich experimentelle“ Literatur. Was Schmidts Protagonist, der Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher, auf den über tausend Zettel-Seiten erlebe, sei letztlich ganz konventionell erzählt. Und die vielen Bezüge zu Edgar Allan Poe, die Schmidt in sein Monumentalwerk eingebaut hat, dienten nach Wieners Urteil lediglich dazu, die eigene Beobachtungsgabe und Intelligenz auszustellen: „Schmidt sieht, denkt, träumt, wünscht und erklärt als PAGENSTECHER darauflos, dass es eine art hat; aber was er sieht, sieht er ohne das sehen zu sehen, was er denkt, denkt er, ohne über gedanken nachzudenken, träume sind ihm einfach und fraglos träume (…)“.

Selbstironie statt Moralkeule

Soweit ich mich erinnere, trat Arno Schmidt öffentlich nie als moralisches Gewissen der Nation in Erscheinung. Auch tauchte er nie als Wahlkampfhelfer der SPD auf, wie es etwa die Schriftsteller Martin Walser oder Günter Grass so gern taten. Der Gestus, mit dem jene Autoritäten ihre kritischen Gedanken zur politischen Situation vorbrachten, wirkte auf uns Jugendliche lehrmeisterhaft, besserwisserisch, ja abschreckend. Den Schreibstil jener Autoren empfanden wir als muffig. In ihrer Sprache vermittelten sie ein entsprechendes Körpergefühl, holzschnittartig, schwerfällig. Dazu kam die komplette Abwesenheit von Selbstironie und befreiendem Unsinn. Alles klang immer irgendwie klassisch männlich, furchtbar vernünftig und autoritär.

Arno Schmidt schien dagegen fragil, versponnen, witzig, unberechenbar und eigensinnig zu sein. Mit seiner Meinung über Schriftstellerkollegen hielt er sich nicht zurück, sondern polterte munter drauflos: Die Prosa von Gertrude Stein bezeichnete er als „Tinnef“, Marcel Proust und Samuel Beckett lehnte er ab. Hermann Hesse schätzte er – bis dieser einen frühen Arno-Schmidt-Text einmal skeptisch beurteilte. Schmidt revanchierte sich mit einem Brief. Am 22. Mai 1950 schickte er dem einst Hochgeschätzten die Retourkutsche: Hesse sei, erklärte er diesem, „ein begabter Dichter; reich und faltig.“ Doch fehle ihm das Erlebnis folgender „Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Kriegsgefangenschaft, Hunger.“

Die Beatles? „Krampfhennen!“

Auf diese „Urerfahrungen“ vertrauend – 1940 war er zur Wehrmacht eingezogen worden – verachtete Schmidt die neuen Jugendkulturen der Sechziger Jahre. Die Beatles bezeichnete er als „Krampfhennen“. Mit seiner Frau Alice verband ihn ein patriarchalisches Verhältnis, eine „ideale vertikale Liebe“, wie Schmidt selbst es nannte. Als er 1973 den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main erhielt, ließ er Alice die Dankesrede vorlesen, weil er selbst gesundheitlich angeschlagen war.

In jener Rede wetterte er gegen die Kulturpolitik der DDR. Schon die marxistische Formulierung vom „schreibenden Arbeiter“ sei eine Diffamierung des Schriftstellerberufes, es klinge, als ob man das Schreiben ohne mühsame jahrelange Ausbildung einfach so, nach Feierabend ausüben könne. Den Westdeutschen warf er Faulheit vor. Das Volk, erst recht die Jugend, sei „typisch unterarbeitet“: „Ich kann das Geschwafel von der ‚40-Stunden-Woche‘ einfach nicht mehr hören: Meine Woche hat immer hundert Stunden gehabt.“

Auf mich wirkt der Vergleich heute grotesk. Auch wenn ich als freiberuflicher Künstler kaum eine 40-Stunden-Woche kenne, so ließe sich meine Tätigkeit niemals mit der Arbeit meines Vaters vergleichen: Genau wie der berühmte Schrifststeller Arno Schmidt verfügte Rudolf Müller über die Erfahrung des „Urphänomens“, er war Soldat in Norwegen gewesen, später Kriegsgefangener. Danach schuftete er 25 Jahre lang am Fließband bei VW in Wolfsburg, bis zu seinem Tod im Jahr 1977.

Zwei Jahre später starb Arno Schmidt. Sein Schriftstellerkollege Elias Canetti notierte dazu in seinen Aufzeichnungen: „Arno Schmidt gestorben. Aus Eigensinn?“

Schmidt für Einsteiger

 Arno Schmidt zum Vergnügen Susanne Fischer (Hg.) Reclam 2013, 191 S., 5 €
Wer sich an Schmidts MonumentalWerk nicht sofort herantraut, kann sich mit diesem kleinen, feinen Band an seine Sprach-Anarchie herantasten

Arno Schmidt. Das große Lesebuch
Bernd Rauschenbach (Hg.) Fischer Klassik 2013, 448 S., 9,99 €
Für Fortgeschrittene. Eine Textsammlung, die Schmidt auch als Essayist und Analytiker zeigt

Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV: Das Spätwerk. Band 1
Arno Schmidt Suhrkamp 2010, 1536 S., 100 €
Der harte Stoff, die reine Kunst: Zettel’s Traum in Gänze

Und auf der Webseite arno-schmidt-stiftung.de finden Sie eine Fülle von Fotos, Zitaten und Texten.

Wofgang Müller, 1957 in Wolfsburg geboren, spielt auch gern mit Sprache. In den 80ern war er Mitbegründer des Musik- und Kunstkollektivs Die tödliche Doris. Heute lebt er als Autor, Künstler und Elfenforscher in Berlin und Reykjavik.

 

06:00 17.01.2014

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