Ungefähr anständig

Sprache „Bürgerlich“ ist ein Un-Begriff, er umschreibt keine Agenda, nur einen Stil. Besser wäre „machtnah“ – das zeigt sich an den Beispielen Jörg Meuthen oder Sebastian Kurz
Ungefähr anständig

Collage: der Freitag; Material: Yay Images/Imago Images, Eric Isselée/Adobe

Wieso „gilt“ – nach seiner Rückzugs-Ankündigung von der AfD-Spitze las man das wieder oft – Jörg Meuthen als „bürgerlich“? Und Alice Weidel eher nicht? Geht es um Polit-Agenden, etwa „Patriotismus“ und „Nationalismus“? So sieht es der Verfassungsschutz, der seine Teilbeobachtung der Partei mit „völkischem Nationalismus“ begründet, der Eingebürgerte nicht als staatsbürgerliche Subjekte anerkennt.

Nun mag Meuthen jenes Papier initiiert haben, in dem sich die AfD jüngst etwas gequält zur Verleihbarkeit staatsbürgerlicher Rechte bekennt, um dem Geheimdienst etwas Wind zu nehmen. Doch spielt auch er gern mit dem Erb-Nationalen, wenn er etwa eingebürgerten Fußballern die innerliche Zugehörigkeit zur Nation abspricht. Dass er dennoch „als bürgerlich gilt“, zeigt eins: Selbst die formale Minimaldefinition – Bekenntnis zur vollen „citizenship“ aller Menschen mit Pass – greift nicht recht. So ist denn die bequeme Wendung „gilt als bürgerlich“, die im Zitat eines vagen Tenors ein Urteil vermeidet, dem vorherrschenden Bürgerlichkeitsbegriff ganz angemessen: Es gibt gar keinen mehr.

Die Bedeutung „politisch engagiert, kritisch und verantwortlich“ – „citoyen“ – hat sich verflüchtigt. Die meisten dieser Leute finden „bürgerlich“ zu spießig. Und auch der Begriff der „Bourgeoisie“ ist perdu, also die Bestimmung des Bürgerlichen anhand der gesellschaftlichen Produktion. Übrig ist im öffentlichen Reden ein zwar nur schemenhaft gefühltes, grundsätzlich aber positives Geschmacksurteil. „Bürgerlich“ heißt konservativ, nicht „extrem“, halbwegs vernünftig, gesittet und fair. Rechts, aber geht noch. Ungefähr anständig.

Dieser Un-Begriff ist unverwundbar, weil er nichts Messbares beschreibt: keine konkrete Agenda, keine soziale Schicht, sondern bloß einen Stil. Erweisen sich Bürgerliche als inakzeptabel, dann waren sie halt nie bürgerlich. Und bösartige, korrupte Politiken werden nicht als solche erkannt, solange sie sich bürgerlich vollziehen. Man sieht das gerade sehr deutlich in Wien. Wenn dort das Burgtheater die Chats der „Prätorianer“ des Ex-Kanzlers Sebastian Kurz vorliest, empört man sich weniger über die Straftaten. Der Reiz ist das Belauschen des „Vulgären“, der „Gossensprache“ (Spiegel). Symbolisch wird im Ekel vor den „Emporkömmlingen“ (taz) das Despektierliche abgespalten und nach unten durchgereicht. Wie schon im frisch verfilmten Fall des „prolligen“ (Süddeutsche) Ex-Vizekanzlers Heinz-Christian Strache: Hätte der nicht im Schlabbershirt um Bauaufträge und Kronen-Zeitung gedealt, sondern im Anzug von „strategischen Partnerschaften“ salbadert – der Skandal wäre erheblich kleiner.

Ist Österreich ein Sonderfall? Oder eher die heimliche Regel? Ein Plädoyer für den Generalverdacht: Es ist noch nicht lang her, dass etwa der einstige CDU-General Peter Tauber als Paradefall zeitgemäßer Bürgerlichkeit galt. Tatsächlich aber hatte seine Karriere mit einem Mobbing-Komplott gegen eine Konkurrentin begonnen, das durchaus an die Garde des Sebastian Kurz erinnert – komplett mit Strategiepapier, zynisch betitelt mit „Kaninchenjagd“. Und weiß man denn, wie „Honoratioren“ der 1950er untereinander sprachen? Vielleicht ist dieser erzdreckige, weil pure Karrierismus in der Tat ganz typisch für die Parteien, deren Programm allein die Macht ist. Moral, Reine Lehre, Gewissen, Verrat: Was im Zoff der Linken zumindest mitschwingt, existiert nicht für die Kurzens und Taubers dieser Welt.

Nun ist es heute Konsens, dass Sprache nicht unpolitisch ist. Sie bildet nicht etwa die Welt der Sprechenden gänzlich neutral ab. Sondern sie bearbeitet diese Welt, indem sie Wahrnehmungen prägt und Handlungen mitsteuert. Worum wir uns bemühen, wenn es um Geschlechtlichkeit und Hautfarben geht, das sollten wir auch beim Kartieren der Politik berücksichtigen. Und Figuren aus den Parteien mit dem eingebauten Regierungsanspruch nicht länger „bürgerlich“ nennen.

„Machtnah“, das wäre eine Alternative, die deren Handeln besser charakterisierte. Und übrigens auch den Blick dafür öffnete, dass zwischen dem konzilianten Meuthen, der schrillen Weidel und auch Gestalten wie einst Peter Tauber tatsächlich keine kategorische Grenze verläuft: So klar sie im Ton zu unterscheiden sind, so sehr dient, was sie tun und sagen, den Immergleichen: denjenigen, die gegenwärtig über die Macht verfügen.

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