Ungewollte Verhütung?

Chemiekeule Hormonähnliche Substanzen machen angeblich unfruchtbar und schädigen Babys. Aber nicht nur die Industrie verhindert gründliche Studien

Das Geschlecht ist Teil der menschlichen Identität. Und die Fruchtbarkeit auch, denn nur wer fruchtbar ist, kann auf Kinder hoffen, auf Familie und das damit verbundene Glück. Angriffe auf die Fruchtbarkeit gefährden so nicht nur das Fortbestehen der Menschheit, sondern beschränken das Leben des Individuums. „Wenn Chemikalien die Fruchtbarkeit mindern, müssen wir uns Sorgen machen“, sagt Gilbert Schönfelder, Toxikologe an der Berliner Charité in Berlin. Und Sorgen macht sich durchaus auch die Politik: So spürten Umweltaktivisten die verbotene hormonähnliche Chemikalie DDT im Blut von EU-Abgeordneten auf. Das versetzte die Politiker zuverlässig in Aufruhr.

Soweit die Gefühlslage. Offen bleibt, ob die Fakten der Furcht auch echte Nahrung geben: Nach Angaben der Europäischen Kommission wirken von rund 100.000 derzeit zugelassenen Chemikalien genau 299 wie Hormone. Darunter sind Pestizide, kosmetische Wirkstoffe und Substanzen für Kunststoffe. Sie werden endokrine Disruptoren genannt, weil sie die hormonelle Kommunikation zwischen Zellen unterbrechen. Dazu gehören Stoffe, die beispielsweise an den Östrogenrezeptor in Zellen binden wie das berüchtigte Bisphenol A und Phthalate. Aber auch Stoffe wie Dioxine und Schwermetalle zählen hinzu, weil sie den Auf- oder Abbau von Geschlechtshormonen indirekt stören. Es gibt zudem Chemikalien, die den Insulin-Haushalt sabotieren und deshalb dick oder dünn machen könnten. Entdeckt wurden viele endokrine Disruptoren eher zufällig, weil hormonelle Effekte für die Zulassung von Chemikalien und Pestiziden kein Kriterium waren. Es ergab sich entweder als Nebenbefund an Ratten, Fischen oder aus Beobachtungen in der Umwelt: Schiffsfarben mit Tributylzinn ließen Meeresschnecken, Seesterne und Ruderfußkrebse verweiblichen. Männliche Alligatoren verschwanden in nur vier Jahren fast vollständig aus dem Apoka-See, was auf Pestizide wie DDT und Dicofol zurückgeführt wurde. Fischotter und Nerze bringen bei hoher Belastung mit polychlorierten Biphenylen weniger Junge zur Welt. Was lässt das für den Menschen erahnen?

Meistens verweiblichend

„Der menschliche Reproduktionszyklus unterscheidet sich grundlegend vom Tier und ist nur mit wenigen Affenarten vergleichbar“, sagt Wolfgang Schäfer von der Universitätsklinik Freiburg. Um die Effekte für Menschen zu erforschen, testet Schäfer die Substanzen an humanen Zellen. Die meisten echten Disruptoren wirken hier verweiblichend. Sie imitieren Östrogene, verstärken deren Wirkung oder unterdrücken männliche Hormone. Forscher finden auch Stoffe (wie Bisphenol A aus Plastik, oder den UV-Filter Benzylidencamphor), die Progesteron hemmen – ein Hormon, das die Schwangerschaft aufrechthält. „Diese Substanzen haben dann eine empfängnisverhütende Wirkung“, sagt Schäfer. Sie sei aber recht schwach im Vergleich zu körpereigenen Hormonen oder Arzneimitteln wie der Anti-Babypille oder dem Brustkrebsmedikament Tamoxifen. So gelten Bisphenol A und die Reinigersubstanz ­Nonylphenol als die stärksten Hormonchemikalien, dabei wirken sie 10.000 Mal schwächer als körpereigene Hormone. „Der Mensch ist diesen Substanzen aber nur in Spuren ausgesetzt“, erklärt Schäfer. Nur Bevölkerungsstudien können klären, ob das unsere Fruchtbarkeit beeinträchtigt.

„Was wir zum Beispiel wissen, ist, dass Bisphenol A und Phthalate die Spermienqualität von chinesischen Arbeitern vermindert haben, die mit den Stoffen direkten Kontakt hatten“, sagt Gilbert Schönfelder von der Berliner Charité. Shanna Swan von der University of Rochester fand, dass Jungen, deren Mütter viel Phthalat im Urin hatten, einen kleineren Penis und Hodensack als gleichaltrige Kinder bekommen. Bestätigt sind die Ergebnisse bisher nicht, und das ist symptomatisch für Hormonchemikalien. Mal wird ein Zusammenhang zwischen Chemikalien und Störung gefunden, und dann wieder nicht. Mal gibt es eine Verbindung zwischen Hormongiften im Mann und reduzierter Spermienzahl. Dann wird diese bestritten. Fehlbildungen der Geschlechtsorgane werden mit Sub­stanzen erklärt. Dann heißt es, das sei nicht stichhaltig. „Wir wissen einfach noch nicht, ob die Fruchtbarkeit der Normalbevölkerung – also nicht der hoch belasteten chinesischen Arbeiter in der Plastikfabrik - durch die Umweltchemikalien beeinträchtigt wird“, fasst Schönfelder zusammen, der für eine strengere Regulierung ist. „Es gibt bislang keine klaren Beweise, dass Schadstoffe an der Unfruchtbarkeit schuld sind“, bestätigt Rolf Kreienberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung vertritt diese Ansicht.

Aber warum hat dann jedes sechste Paar in Deutschland Schwierigkeiten, Nachwuchs zu zeugen – ohne dass man Hormonchemikalien als Verdächtige tatsächlich ausgeschlossen, geschweige denn eine andere plausible Ursache gefunden hätte? Die Weltgesundheitsorganisation musste mittlerweile sogar die Kriterien für die Spermienqualität korrigieren. Waren zuvor mindestens 30 Prozent Spermien mit rundem Kopf und beweglichem Schwänzchen nötig, genügen nun vier Prozent. „Es gab kaum noch normale Spermiogramme bei Männern, die zu uns in die Kinderwunschsprechstunde kamen“, berichtet Stephanie Friebel von der Uniklinik Freiburg.

Langzeituntersuchungen in Dänemark konnten zeigen, dass sich die Spermienzahl zwischen 1940 und 1992 halbiert hat. In Deutschland gab es nur 2004 eine Erhebung: In 791 jungen Männern aus Hamburg und Leipzig fand man im Schnitt 42 Millionen Spermien je Milliliter. Schon unterhalb von 55 Millionen kann die Zeugung problematisch werden. Andrologin Andrea Salzbrunn vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sagt: „Ein großer Teil der jungen deutschen Männer scheint eine beeinträchtige Samenqualität zu haben, die ihre natürliche Fruchtbarkeit herabsetzt.“ Warum, wisse bisher niemand. Trotz des Befundes denkt aber auch niemand daran, diese Test in größerem Umfang zu wiederholen. „Die Erhebung hat 300.000 Euro gekostet. Das Geld ist nicht noch einmal da. Es gibt eben keine Fruchtbarkeitslobby“, sagt Salzbrunn. Im Gegenteil: Wenn Frauen nicht schwanger werden, verdient die Reproduktionsindustrie daran.

Unerhörte Rufe der Forscher

Insofern profitiert nicht nur die chemische Industrie davon, dass die Rufe der Wissenschaft ungehört bleiben: Forscher fordern, die Effekte hormonähnlicher Chemikalien an Menschen endlich gründlich zu untersuchen und sie von anderen Einflüssen wie Übergewicht, Medikamenten und Lebensstil abzugrenzen. Aber immer fehlen die Mittel. „Nur deshalb bleibt spekulativ, ob Chemikalien den Menschen unfruchtbar machen“, stellt Schäfer klar. „Das Potenzial dazu haben einige.“

Da hilft es wenig, dass einige Wissenschaftler wie Gilbert Schönfelder auf das Vorsorgeprinzip verweisen und schon jetzt eine strengere Regulierung von endokrinen Disruptoren fordern. Solange die Studien zu schwach für den Beweis sind, wird die Chemieindustrie darauf verweisen. Es droht ein Tauziehen, wie es im Fall Bisphenol A seit Jahren andauert.

Susanne Donner ist freie Autorin in Berlin

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14:30 17.11.2010

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