So sieht Ungleichheit aus

Verteilung Von wegen Fleiß und Talent: Neoliberale Narrative verhindern die Sicht auf gesellschaftliche Ungleichheit. Höchste Zeit, gegenzusteuern – zum Beispiel mit Wissen. Eine Visualisierung
Ungleiche Startvoraussetzungen: Für den (Ver-)Lauf des Lebens ist es von großer Bedeutung, in welche Familie jemand hineingeboren wird, ob als Mann oder Frau, oder auch welcher Religion man zugehörig ist
Ungleiche Startvoraussetzungen: Für den (Ver-)Lauf des Lebens ist es von großer Bedeutung, in welche Familie jemand hineingeboren wird, ob als Mann oder Frau, oder auch welcher Religion man zugehörig ist

Grafik: Luzie Bayreuther / ungleichheit.info

Jahrzehntelang wurde hierzulande wirtschaftliche Ungleichheit nicht als drängendes Problem erkannt. Es herrschte das Narrativ vor, dass es in Deutschland in erster Linie um Fleiß und Talent der Einzelnen ginge und Ungleichheit das Ergebnis unterschiedlicher Anstrengungen wäre. Eine fatale Vorstellung, denn die Präferenzen für Verteilungspolitik gehen mit der Deutung vermeintlicher oder tatsächlicher Ursachen von Ungleichheit einher.

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  • Wenn die Wahrnehmung dominiert, dass Arme von der Couch hochkommen sollten und Steuern eine Last seien, dann wird das Gros der Bevölkerung keine höheren Steuern auf Einkommen befürworten.
  • Wenn die Wahrnehmung dominiert, dass höhere Steuern auf Erbschaften alle gleichermaßen treffen würden und das Haus der Großmutter an den Staat ginge, dann wird das Gros der Bevölkerung keine höheren Steuern auf Erbschaften befürworten.
  • Wenn schließlich die Wahrnehmung dominiert, dass eine Vermögensteuer schlecht für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre und Arbeitsplätze gefährden würde, dann wird das Gros der Bevölkerung keine Reaktivierung der Vermögensteuer befürworten.

Grafik: Luzie Bayreuther / ungleichheit.info

Obwohl die Wissenschaft gegensteuert, verfangen diese Erzählungen, die für eine starke, solidarische Gesellschaft reines Gift sind, nach wie vor. „Mehr Netto vom Brutto“; Omas Häuschen sei dann weg; und selbst Finanzminister Christian Lindner behauptet, dass höhere Steuern für Firmenerben Arbeitsplätze gefährden würden – auch wenn das Gutachten aus seinem eigenen Hause dies empirisch nicht bestätigt.

Aktuell – wie der Blick auf den Trend der Statistiken einerseits und die Vorhaben der aktuellen Regierung andererseits verrät – wird politisch noch immer nicht die Handbremse gezogen oder gar eine Trendumkehr der wachsenden Ungleichheit forciert.

Grafik: Luzie Bayreuther / ungleichheit.info

Zuletzt verzeichnete der Paritätische Verband in seinem Jahresgutachten einen neuen Rekord der Armut. Mittlerweile steht jede:r sechst:e Deutsche an oder unter der Armutsgrenze und auch jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Gleichzeitig wächst das Vermögen der Überreichen in schwindelerregende Höhen. Allein während der anderthalb Jahre Coronapandmie von März 2020 bis September 2021 haben die zehn reichsten Deutschen ihr Vermögen um durchschnittlich über 75 Prozent wachsen sehen.

Mehr als die Hälfte aller privaten Vermögen in Deutschland wird heutzutage vererbt oder verschenkt und nicht etwa selbst erarbeitet. Und auch die soziale Mobilität hierzulande ist eine der niedrigsten aller OECD Staaten. Deutschland ist somit eher eine Erben- denn eine Leistungsgesellschaft, in der es zunehmend darauf ankommt, in welche Familie jemand hineingeboren wird.

Grafik: Luzie Bayreuther / ungleichheit.info

Steuerprivilegien, so das Netzwerk Steuergerechtigkeit, „verursachen hohe Profite für eine kleine Anzahl von Personen und kosten die Gesellschaft 80 Milliarden Euro jährlich.“ Die bestehende Privilegierung von Überreichen und Firmenerben funktioniert ähnlich dem Matthäuseffekt: Wer hat, dem wird weniger genommen.

Wie kann man gegensteuern? Durch Wissen, wie es sich auch in den Grafiken im Artikel niederschlägt. Wissen bedeutet Macht, eine eklatante Unwissenheit über Ungleichheit lässt die Gesellschaft im Umkehrschluss ohnmächtig erscheinen. Es tut also Not, wertvolles Wissen über Ungleichheit zusammenzutragen und allgemeinverständlich zu vermitteln. Denn erst wenn wir die wachsende Ungleichheit als gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstehen und es uns gelingt, das Wissen in die Breite der Gesellschaft zu vermitteln, wird sie eines ihrer größten Probleme bewältigen können. Das gilt über Deutschland hinaus. So heißt es zum 10. Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Natonen: Die „Reduzierung der Ungleichheit“ stellt „nicht nur ein moralisches oder ethisches Problem dar; sie wird zunehmend als Haupthindernis für nachhaltige Entwicklung und Armutsbeseitigung angesehen“.

Martyna Berenika Linartas ist Doktorandin am Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script (SCRIPTS)“ an der Freien Universität Berlin. Sie ist Gründerin und Projektleiterin von ungleichheit.info

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