Unheimliches Europa

Reisen Im Zweiten Weltkrieg wurden Landschaften zu Komplizen der Täter. Martin Pollack will diese Geschichten endlich ans Licht holen
Michael Girke | Ausgabe 34/2014 1

Um den Blick aus seinem Haus im österreichischen südlichen Burgenland ist Martin Pollack eigentlich zu beneiden: Zwetschken- und Apfelbäume, Felder, Streuobstwiesen und Wälder. Gut fürs Auge, gut für den Seelenfrieden. Doch da ist noch etwas. Martin Pollack ist bei Reisen durch Osteuropa immer wieder auf Orte gestoßen, an denen während des Zweiten Weltkriegs Menschen umgebracht und vergraben wurden. Seither ist ihm bewusst: Mit ihrer anheimelnden, noch dazu von unseren Sehnsüchten eingefärbten Schönheit überdeckt die Landschaft die Leichen.

Martin Pollack ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller, der bevorzugt Reportagen schreibt. Wie meisterhaft er sein Metier beherrscht, hat er zuletzt mit Kaiser von Amerika, einem buchlangen Bericht über die Auswanderung von Galiziern in die Neue Welt bewiesen. Sein jüngstes Werk Kontaminierte Landschaften ist ein Essay – also wiederum ein Format, das dem Autor ein hohes Maß an Objektivität abverlangt. Am greifbarsten jedoch wird Pollacks Thema immer dann, wenn er den Duktus des neutralen Berichterstatters abstreift und zum Beispiel das Verhältnis zu seinem Großvater in Worte fasst. Ein warmherziger, den Enkel mit Liebe überhäufender Mann. Und ein flammender Antisemit und Nazi dazu, der auch nach dem Weltkrieg und in Kenntnis des Holocaust nie ein Jota von seiner Überzeugung zurückgenommen hat. Dieses nicht auflösbare Zugleich von Schönem und Schrecklichem prägt auch Pollacks Verhältnis zur Landschaft.

Ohne Gedenktafel

Selbst im Reich der Toten gibt es Klassenverhältnisse. Privilegiert sind diejenigen, an die Grabsteine, Gedenktafeln oder Museen erinnern, die also auch nach dem Tod als Individuen kenntlich bleiben. Andere hingegen, die Opfer der Weltkriege vor allem, liegen irgendwo anonym verscharrt, das Recht auf Gedenken wurde ihnen von ihren Peinigern aberkannt. Landschaften mit solchen Toten nennt Martin Pollack kontaminiert. „Die kontaminierten Landschaften sind überall. Mitteleuropa, Ostmitteleuropa, Südosteuropa, wie immer wir diese Teile unseres Kontinents nennen, sind übersät davon, manche haben traurige Berühmtheit erlangt. Ein paar Gräber wurden geöffnet, Reste von Opfern geborgen, teilweise sogar identifiziert, hier und da wurden Jahre später Monumente zum Gedenken errichtet, doch die meisten Orte sind nach wie vor unbekannt. Wir wissen, dass es sie gibt, aber ihre genaue Lage kennen wir nicht.“

Pollacks Buch lässt sich mit einem bei uns außer Mode gekommenen, beinahe schon verbotenen Begriff bezeichnen: Es ist engagierte Literatur. Pollack will etwas verändern, er will die Menschen dazu bewegen, Verbindung mit den Ermordeten aufzunehmen. Letzteres löst vielleicht Befremden aus, es hat einen Beigeschmack von Esoterik. Wie es gemeint ist, kann vielleicht der Verweis auf Alexander Kluges Film Die Patriotin verdeutlichen. Darin wandert eine Frau namens Gabi Teichert (Hannelore Hoger) mit einem Spaten durch Deutschland, um die Geschichte des Landes auszugraben, alle ihre Aspekte sichtbar zu machen.

Wer sich im echten Leben an eine Archäologie des Mordens macht, stößt auf mannigfaltige Schwierigkeiten. Vor Jahren, so berichtet Pollack, wurde in einem stillgelegten slowenischen Bergwerkstunnel eine große Anzahl verwester Leichen entdeckt. Um zu ihnen vorzudringen, mussten Bergleute Sperrmauern aus Stahlbeton mühselig durchbrechen. Bei den Toten, stellte sich heraus, handelte es sich um Verbündete Hitlers, ermordet in der letzten Phase des Weltkriegs. Was tun? Grenzen zwischen den Toten zu ziehen, die Schwere der jeweiligen Verbrechen abzuwägen oder gegeneinander aufzurechnen, davon hält Pollack nichts. Allen Toten steht ein ordentliches Grab, sprich: ein Ort in unserem Gedächtnis zu.

Blutrote Donau

Auch Menschen können wie Sperrmauern sein. Ein Beispiel: In dem burgenländischen Ort Rechnitz wurden 1945 rund 200 ungarische Juden ermordet und vergraben, alle Spuren beflissen beseitigt. Heutzutage ist der Ort wunderschön anzusehen und zugleich einer des beharrlichen und unheimlichen Schweigens. Die Bewohner weigern sich, die Lage des Massengrabs preiszugeben, auf diesbezügliche Fragen reagieren sie unwirsch. Manchmal kommt es auch vor, dass die Behörden die Suche nach Opfern behindern, sie verzögern oder ganz und gar unmöglich machen. Wer Geschichte ausgraben will, wühlt unwillkürlich auch im Seelischen und muss mit Widerständen rechnen. Die zu brechen, kann die Lebenszeit von Generationen in Anspruch nehmen.

Eine Besonderheit von Martin Pollacks Essay: Er widerspricht der lange dominierenden Haltung, die, etwas verkürzt wiedergegeben, besagt, dass die Vernichtung der europäischen Juden und Roma ein alle Begriffe übersteigendes Ereignis ist, das sich nicht abbilden, nachzeichnen, porträtieren ließe. Pollack hält dagegen: Sowohl die Ermordeten als auch die Mörder waren ganz konkrete Menschen, deren Geschichte ans Licht gebracht werden kann, selbst dort, wo die Landschaften regelrechte Komplizen der Täter sind. Sümpfe und Flüsse zum Beispiel. Sie bringen Tote noch spurloser als Äcker oder Wälder zum Verschwinden. „Ende 1944 wurden von den Pfeilkreuzlern am Ufer der Donau Tausende Juden erschossen – die Leichen wurden in den Fluss geworfen, der sich den Berichten von Augenzeugen zufolge in diesen Tagen blutrot färbte.“ Solche Gräuel ereigneten sich an unzähligen Orten in Osteuropa. Das Becken der Donau, sagt der von Pollack zitierte ungarische Autor László Vége, gleiche einem Massengrab. Gerade deshalb sollten wir Europäer die uferlose Arbeit auf uns nehmen, sollten Namen und Geschichte der Ermordeten so weit wie möglich in Erfahrung bringen und von ihnen erzählen. Bleibende Anonymität der Toten, sie zu vergessen – das ließe ihre Mörder endgültig triumphieren. Der Kampf gegen Hitler findet auch in der Gegenwart statt.

Der Literaturbetrieb legt großen Wert auf Distinktion. Roman, Lyrik, Sachbuch – das alles wird fein säuberlich voneinander getrennt. Darunter muss ein Essaybuch wie Kontaminierte Landschaften leiden. Es ist in einer sehr eigenen und schönen Prosa verfasst und höchst kunstvoll montiert, und doch wird es nach Lage der Dinge niemals für einen ausgemachten Literaturpreis in Frage kommen. Warum nicht? Martin Pollacks Ton, der ohne Donnerworte auskommt, leise und einfühlsam ist, bewirkt bisweilen kleine Lektürewunder. Wendet man nämlich den Blick von diesem Buch ab und lässt ihn in der Landschaft schweifen, zeigt sich diese verändert. Mit einem Mal sieht man ihre dunkle Seite, ihre blutige Geschichte. Jeder künftige Europareisende sollte dieses Buch mit sich führen.

Kontaminierte Landschaften Martin Pollack Residenz 2014, 118 S., 17,90 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 03.09.2014

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1