Uns wird doch niemand etwas tun

Vergessenes inferno Krajina Zwei alte Frauen flohen 26 Tage durch Wälder und niedergebrannte Dörfer

Nun rollen sie wieder Stoßstange an Stoßstange der Adriaküste zu. Erstmals seit Beginn der Kriege im einstigen Jugoslawien vor zehn Jahre bewegen sich die gewohnten Blechlawinen wieder in die dalmatinischen Zentren. Die Hauptverkehrsader zwischen Zagreb und Split führt ausgerechnet durch das Gebiet der Krajina. Der vom Stau demoralisierte Reisende ahnt nichts von den Verwüstungen unweit seiner Route. In der Gewissheit, dass er noch stundenlang in diesem Verkehrsinferno stecken werde, verfällt er gar nicht auf die Idee, einen Abstecher in Richtung Osten zu machen. In der kroatischen Krajina liegen im Umkreis von zig Kilometern - von den Plitwitzer Seen über Udbina und Gracac bis hinunter nach Knin - noch heute fast alle Gebäude in Trümmern. Da weder die Touristen hinsehen noch, engagierte Journalisten von hier berichten, existiert diese Alptraumlandschaft für die Welt schlicht und einfach nicht.

Ohne Gepäck, mit den Händen in der Tasche

Ankica und Dusanka behausen eine fensterlose Garage. Das zur Hälfte geöffnete Blechtor lässt genug Licht in den Raum, um auf dem Betonboden und entlang der kahlen Wände ein bunt zusammengewürfeltes Mobiliar erkennen zu können: einen Herd mit Ofenrohr und Blechtöpfen, ein paar Kästen, einen Tisch mit wackligen Stühlen. Doch das beklemmende Gefühl, das diese düstere Ärmlichkeit eigentlich auslösen müsste, stellt sich nicht ein angesichts der Herzlichkeit, mit der mich die beiden Frauen empfangen. Ankica ist Kroatin, Dusanka Serbin, beide gut in den Sechzigern, erstaunlich rüstig und lebhaft. Die Kroatin unterrichtete ihr Lebtag lang Klavier und Literatur, während die Serbin die einzige Pension der Umgebung führte.

Mich hat Stevina, der in der nahe gelegenen Geisterstadt Srb den "Bürgermeister" ohne Bürger abgibt, ein Typ vom Schlage des Alexis Sorbas, auf sie aufmerksam gemacht "Die musst du besuchen", meinte er, "sie haben viel zu erzählen."

Auch der Heimatort von Ankica und Dusanka besteht fast nur aus Ruinen - steinerne Skelette, von einer wild wuchernden Natur zum Teil gnädig verdeckt. Dabei war Suvaja vor noch gar nicht so langer Zeit eine stolze Gemeinde. Hier, nahe der bosnischen Grenze, entspringt der Fluss Una. Dessen Ursprung soll die größte, jedenfalls die wasserreichste Quelle von ganz Europa sein. Ich weiß inzwischen, dass am Balkan gern übertrieben wird, doch immerhin: Kein namhafter jugoslawischer Politiker hat es sich leisten können, nicht wenigstens ein Mal eine Nacht in Suvaja verbracht zu haben. Tito war etliche Male hier, auch Franjo Tudjman und der jetzige Präsident Kroatiens Stipe Mesic´.

Sechs Jahre vor meinem Besuch kam der Krieg über Suvaja. Alle sind damals geflüchtet, im Spätsommer des Jahres 1995, als es plötzlich hieß, die kroatische Armee sei im Anmarsch. Fast alle: "Nur wir zwei sind geblieben", erzählt Ankica, die Kroatin, in zaghaftem Deutsch. "Wir sind alt, uns wird niemand etwas tun, dachten wir. Und jemand musste doch auf die Haustiere schauen ..." 200.000 Menschen, die den Landstrich einst bevölkerten, haben damals Hals über Kopf in großen Trecks die Krajina verlassen, darunter auch Ankicas Tochter Vesna, die mit Dusankas Sohn Jovo verheiratet ist.

"Ja, wir sind von einer Stunde auf die andere weg", erinnert sich Stevina, "ohne Gepäck, mit den Händen in der Tasche, denn wir waren davon überzeugt, dass wir nach drei, vier Tagen zurück können." Aus den Tagen sind Jahre geworden - der weitaus überwiegende Teil der damals Geflüchteten darbt noch heute in einem der vielen schlecht versorgten Flüchtlingslager in Serbien.

Als seinerzeit die Armee Suvaja erreicht, bekommen Dusanka und Ankica, seit vier Tagen einzige Bewohnerinnen des Dorfes, doch Angst. "Wir liefen hinunter zum Bach und versteckten uns im Gehölz." Gegen Abend wagt es Dusanka, doch vorsichtig zu ihrem Haus zu schleichen, um die Lage zu erkunden. Zum Haus, in dem sie aufgewachsen war, in dem sie als Achtjährige 1941 zusehen musste, wie kroatische Faschisten ihre Mutter erschlugen, und in dem sie während der vergangenen Jahrzehnte ein Rasthaus führte. Jetzt hatten die Soldaten dort ihr Quartier aufgeschlagen.

Nach einigem Zögern habe sie sich aus dem Gebüsch getraut, um die Uniformierten zu fragen, ob sie in ihr Haus zurückkehren dürfe. Die Soldaten pöbeln sie an und lachen höhnisch, einer zieht sie fast fürsorglich zur Seite und meint, es wäre besser, sie würde sofort und für immer verschwinden; er könne für nichts garantieren. Dusanka steht noch ratlos da, sie hat Angst vor der Nacht draußen. Plötzlich sieht sie ihren Hund tot am Boden liegen - erst da sei ihr der Ernst der Lage bewusst geworden. So schnell sie konnte, sei sie davongerannt, zurück zur verstört am Bach wartenden Ankica.

Doch auch in Cvjetnic´ keine Menschenseele, alle Häuser zerstört

Sie hetzen ein paar Kilometer durch die Wälder, wo sie Unterschlupf in einer verlassenen Hütte finden. "Tag für Tag, noch bevor der Morgen graute", erinnert sich die Kroatin, "verließen wir die Hütte und versteckten uns im Wald. In unserer Nähe tauchten immer wieder Soldaten auf, die ganze Zeit waren fürchterliche Explosionen zu hören. Erst in der Nacht wagten wir uns zurück. Ernährt haben wir uns von Birnen, Trauben, Zwetschgen und Beeren." Nur ein paar Mal, während wolkenverhangener Nächte, wagen sie es, sich Kartoffeln zu kochen, die sie mit zwei im Stich gelassenen Hunden teilen.

Nach ein paar Wochen ist es vorbei mit dem unsicheren Zufluchtsort. Offenbar geht die Armee systematisch vor: Jedes Haus, jedes Gehöft bis hinein in den verstecktesten Winkel wird gesprengt, "blown in the air", wie Stevina es nennt. Als Ankica und Dusanka eines Abends wieder ihr Nachtquartier aufsuchen, finden sie dort alles vernichtet. Die beiden Hunde liegen erschlagen nahe der Hütte. In panischer Angst, dass in der Nähe Soldaten sein könnten, laufen sie zurück in den nächtlichen Wald.

Im zwei Kilometer entfernten Lisina, einem winzigen Weiler, der gleichfalls dem Erdboden gleichgemacht ist, finden sie ihr nächstes einsames Refugium. Doch das laute Treiben der Soldaten, die Tanks, die Explosionen dringen immer wieder zu ihnen. Sie leben in ständiger Furcht vor Entdeckung. "Schließlich kamen uns die Soldaten so nahe, dass wir auch diesen Ort aufgaben. An jenem Tag versteckten wir uns am Rande der Straße nach Suvaja, auf der zahlreiche Militärfahrzeuge unterwegs waren. Irgendwann sahen wir ein weißes UNPROFOR-Auto, stürmten auf die Straße und winkten wie verrückt. Doch sie fuhren einfach vorüber."

Da hatten sie schon mehr als einen Monat lang mit keiner Menschenseele gesprochen. "Wenn uns nicht einmal mehr die UNO helfen kann, dann musste die Lage in Kroatien noch schlimmer sein, als wir sie uns auch so schon vorstellten." Nach diesem Schock eilen sie wieder durch den Wald, bis über die bosnische Grenze. Vielleicht würde es dort etwas besser sein. Ihr Ziel heißt Cvjetnic´, das erste Dorf hinter der Grenze. Sie kennen die Bewohner allesamt aus besseren Zeiten. Doch auch in Cvjetnic´ keine Menschenseele, alle Häuser zerstört. Jetzt ist jede Hoffnung dahin.

"Oluja" nannte man die Aktion, bei der das Gebiet ethnisch gesäubert wurde

Während Dusanka und Ankica ihre Geschichte erzählen, decken sie reichlich auf. Klares Bergwasser schon zur Begrüßung, später Slibowitz, Käse und Speck, Oliven und selbstgebackenes Brot. Ihre Freundlichkeit und sogar die Ausstrahlung von Lebenslust sind kaum zu begreifen. Ihre Erzählung aber wird immer düsterer und ungeheuerlicher. Oft hätten sie geglaubt, dass sie alles nur träumten, sich in einem Film befänden oder einfach verrückt geworden seien.

Wo sie damals die folgenden Nächte verbrachten, im Wald, in Unterständen, in Hütten - sie wissen es selbst nicht mehr so genau. Jedes Zeitgefühl ist ihnen verloren gegangen. Wo immer sie hinkommen, ob in Dörfer oder einsam gelegene Höfe, überall ist alles niedergebrannt.

Nach 66 Tagen im Wald - am 13. Oktober 1995, wie sich herausstellt -, die Nächte sind länger und kälter geworden, treffen sie nahe der gleichfalls in Schutt und Asche liegenden Stadt Srb - einstmals Heimat von mehr als 3.000 Menschen - auf einen alten Bekannten. Dem wollen sie sich zu erkennen geben, doch er erkennt sie nicht. Erst jetzt bemerken sie, dass sie nur noch aus Haut und Knochen bestehen, die Kleider in Fetzen, die Augen in tiefen Höhlen. Sie brauchen eine ganze Weile, um zu erklären, dass sie tatsächlich die vermissten zwei Frauen sind, deren Kinder aus dem fernen Belgrad schon überall - sogar bei den kroatischen Behörden - Nachforschungen nach ihnen angestellt haben.

Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Wie in Suvaja, Lisina und Srb hat die Armee des Franjo Tudjman in der ganzen Krajina ihren Plan durchgezogen. Sie hat damit die Habsburger Kaiser korrigiert, die in diesem Grenzland Jahrhunderte zuvor zum Schutz vor den nach Norden drängenden Osmanen Zehntausende serbische Wehrbauern ansiedelten. Ihre Nachkommen hatten, nachdem sich Kroatien 1991 als unabhängiger Staat von Jugoslawien trennte, geglaubt, dasselbe Recht auch für sich in Anspruch nehmen zu können: Sie riefen die Republik Krajina aus. Eine internationale Anerkennung, wie sie Kroatien erhielt, blieb dieser Republik jedoch versagt. Im Gegenteil, Kroatien erhielt für die militärische Lösung der sogenannten "Krajina-Frage" Unterstützung von den USA und Deutschland. "Oluja" , Sturm, nannte man die Aktion, bei der das Gebiet ethnisch gesäubert wurde.

Von jenen, die damals nicht wie Ankica und Dusanka fliehen, werden Hunderte erschlagen, wofür sich fünf Jahre später auch das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu interessieren begann. Nach dem Tode von Präsident Tudjman 1999 wird der Forderung weltweit Nachdruck verliehen, dass die vertriebenen Serben wieder zurückkehren dürfen. Doch wohin? Die Häuser unbewohnbar, keine Schulen, keine Geschäfte, keine medizinische Versorgung. Nur die größeren Städte - Knin etwa oder Gracac - sind von Zerstörung verschont; doch hier leben jetzt vorwiegend Kroaten, die ihrerseits aus Bosnien fliehen mussten.

Zwar bemühen sich einige internationale Hilfsorganisationen um den Wiederaufbau - unter ihnen der Deutsche Arbeiter Samariter Bund, der Lutherische Weltbund. Auch die OSZE ist mit einigen engagierten Fieldofficers präsent -, doch ihre Anstrengungen konnten bisher nicht mehr sein als Tropfen auf einen heißen Stein. Die kroatische Regierung hat kein Geld für Kredite. Sie versprach zwar, alle Häuser wieder aufzubauen, die während "Oluja" zerstört wurden. Doch das ist ein Scherz: Denn während des Blitzkrieges wurden nur wenige Häuser zerbombt - die Bewohner sind ja kampflos geflohen. Für die anschließenden Zerstörungen übernimmt die Regierung keine Verantwortung, es handelte sich ja um Vandalismus. Dass es staatlich betriebener Vandalismus war, wird geleugnet.

Gibt es denn - so meine Frage - gar keine Hoffnung auf Rückkehr und ein neues Miteinander? "Wir sind doch der lebende Beweis", sagt Ankica, die Kroatin, "wie gut Serben und Kroaten zusammenleben können" - und Dusanka, die Serbin, nickt dazu: "Kroatische Ustaschas haben meine Mutter umgebracht, doch ich habe meine Kinder stets gelehrt, Kroaten zu achten. Denn ich wusste schon damals, dass das nicht Kroaten getan haben, sondern Verbrecher. Und solche gibt es leider überall."

In diesen Tagen erscheint ein Buch von Kurt Köpruner Reisen in das Land der Kriege - Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien (Vorwort von Peter Glotz), Espresso, Berlin, 352 Seiten, DM 38,90

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00:00 12.10.2001

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