Unschöner Rücken

Westfernsehen Wie die "moral values" das Programm auf den amerikanischen Bildschirmen beeinflussen

Anfangs dachte man noch, es handele sich um den Medienhype von in Erklärungsnot geratenen Wahlkommentatoren. Doch auch sechs Wochen, nachdem gut ein Fünftel der Amerikaner kundgetan hat, dass für ihre Wahl "moralische Werte" den Ausschlag gegeben hätten, lässt die Debatte die amerikanischen Medien nicht los. Die leidlichen "moralischen Werte" sind zu einer kulturellen Kontroverse geworden, die nicht nur in Talkshows und Kulturkommentaren bis zur Ermüdung diskutiert wird, sondern auch die Fernsehlandschaft langsam umkrempelt.

Insbesondere den Abendnachrichten ist der Wille zur Anpassung an das angeblich neue Werte-Klima anzumerken. Zwei der integersten Fernsehjounalisten, Dan Rather (CBS) und Tom Brokaw (NBC), haben nach jahrzehntelanger Arbeit den Dienst quittiert und wurden durch jüngere Anchormänner ersetzt. Aufschlussreich war vor allem der Wechsel bei NBC. Dessen Präsident Bob Wright attestierte seinem neuen Nachrichtenmann Brian Williams, dass niemand die neue red state world besser verstünde. Mit jovialem Lächeln kündigte Williams dann auch an, seinen journalistischen Fokus von Washington und New York mehr aufs ländliche Amerika zu verlegen.

Doch Indiz für den medialen Schmusekurs mit den Konservativen ist nicht nur eine Nachrichtenberichterstattung mit neuen Schwerpunkten. Vorbei scheinen die Zeiten, als ganz Amerika nur noch Sex and the City sehen wollte. Die Serie mit den zur Zeit höchsten Einschaltquoten heißt Desperate Housewives; schon lange nicht mehr war ein derart spießbürgerliches Bildschirmprodukt ein solcher Hit. Die Soap mit ihrer all american Vorstadtidylle inszeniert die moralischen Verfehlungen der Serienheldinnen. Diese vertuschen etwa eine Affäre mit dem 16-jährigen Mitglied eines lokalen High-School-Clubs für sexuelle Abstinenz. Aber die Schaulust wird hier nicht vom üblichen, etwas anrüchigen Camp à la Denver Clan stimuliert. Vielmehr besteht die Spannung darin, wann und wie die verheimlichten Verfehlungen ans Tageslicht kommen und ihrer gerechten Bestrafung zugeführt werden.

Die einzigen negativen Schlagzeilen, für die die Soap bisher gesorgt hat, entstanden, als ihr Sender ABC eine ihrer Darstellerinnen zur schwächelnden Sportsendung Monday Night Football schickte. Mit einem etwas frivolen Werbespot sollte die verzweifelte Hausfrau Nicolette Sheridan die Einschaltquoten ankurbeln, und hätte Amerika damit beinahe ein neues "Nipplegate" geschenkt. Im Gegensatz zum Skandal um Janet Jackson, die Anfang des Jahres mit der Hilfe Justin Timberlakes ihre gepiercte Brust entblößt hatte, kam dieser Eklat jedoch vergleichsweise keusch daher. Im kitschigen PR-Gag, der die Fiktion der Seifenoper mit der Fernsehrealität der Sportübertragung verbinden sollte, entledigte sich die blonde Aktrice in der Umkleidekabine der Footballspieler ihres einzigen Kleidungsstücks, eines Badetuchs, um den knackigen schwarzen Sportstar Terrell Owens zu verführen. Zu sehen waren aber lediglich ihr nackter Rücken und ihre hübschen Beine.

Die ersten Tage nach der Sportsendung verliefen relativ ruhig, man hatte das alberne Werbefilmchen schon fast vergessen. Erst als die Federal Communications Commission (FCC), die Medienaufsichtsbehörde der US-Regierung, sich beschwerte, kam der Stein ins Rollen. Christliche Familienorganisationen stiegen auf die Barrikaden, konservative Talkshowhosts konnten sich vor Empörung kaum beruhigen und die schadenfrohe Medienkonkurrenz spielte für eine Woche unentwegte Wiederholungsloops des zum Skandal aufgeblasenen Filmchens.

Seit den Wahlen gibt sich die Behörde unter der Leitung von Michael Powell, dem Sohn des aus dem Amt scheidenden Außenministers, als besonders strenge Gouvernante, die das Mandat Amerikas auf ihrer Seite zu wissen meint. Neben seinem Engagement gegen "Kleidungsfehlfunktionen" und Schimpfwörter nimmt Powell politischen Einfluss aufs Fernsehprogramm. Die Nachrichtensendung Night Line, die nur aus den Fotos im Irak gefallener Soldaten bestehen sollte, stellte für ihn einen Pietätsbruch dar, und wurde deshalb nicht ausgestrahlt. Erst kürzlich erreichte der FCC-Vorsitzende, dass der Steven Spielbergs Anti-Kriegsfilm Saving Private Ryan aufgrund seiner unpatriotischen Untertöne aus dem Programm genommen wurde.

Auch ohne das Mittel eines Verbotsmandats, das gegen den Pressefreiheit garantierenden ersten Verfassungszusatz verstieße, ist Powells Einfluss enorm - durch manchmal millionenschwere Strafen für die Ausstrahlung solcherart "unanständigen Bildmaterials" und noch stärker durch die Imageverluste, die die Fernsehsender erleiden, wenn die Behörde eine Beschwerde gegen sie einlegt. Ausfälle von Werbeeinnahmen drohen. So hat Powell bisher noch keine Strafe für das Badetuch-Skandälchen der verzweifelten Hausfrau verhängt, sondern lediglich an die mediale Verantwortung für die amerikanischen Kinder appelliert, die gemeinsam mit ihren Vätern das montägliche Football sehen würden. Ohne Pathos zu scheuen, fragte der Moralkommissar, ob Walt Disney, Gründer des Unternehmens, zu dem ABC gehört, wohl stolz auf diese Episode gewesen wäre.

Dass die FCC keine direkte Zensur ausübt, sondern durch geschickten Machtpoker eine ausgiebige Selbstzensur des Fernsehens provoziert, macht den neuen Moraltrend nicht weniger bedenklich. Die von Powell vertretene disneyhafte Anständigkeit ohne entblößte Rücken, erotische Anspielungen und nennenswerte politische Inhalte müsste die Medienunternehmen eigentlich alarmieren. Doch diese, immer noch verwirrt von den rot-blauen Landkarten nach der Wahl und erschrocken vom Erfolg der rechtskonservativen Fox-News, nehmen die Einladung zur Überarbeitung ihrer Werte-Agenda dankbar an.

Selbst liberale Bastionen wie das New Yorker PBS haben aus Angst vor einer Beschwerdeflut christlicher Zuschauer ihre Werbung für einen Film über den Sexualforscher Alfred Kinsey abgesetzt. Und plötzlich werden so lächerliche Begehren zum ernsthaften Nachrichtenthema wie das protestantischer Gruppen, die Weihnachten wieder als "Christmas" bezeichnet haben wollen, nicht mehr als "Holidays", wie es bisher mit Rücksicht auf das jüdische Hannukah-Fest der Fall ist. Im Rennen um die Einschaltquoten der konservativen Wertewähler macht es sich am besten, deren Weltsicht einfach zu bekräftigen. Liberale oder regierungskritische Töne, so die Angst der Fernsehstationen, könnten dazu führen, dass die Mehrheit der amerikanischen Zuschauer einfach zu den Fox-News schaltet.


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00:00 17.12.2004

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