Unser aller Mutter

Reife Ein Sammelband würdigt die Schauspielerin und Regisseurin Ida Lupino
Unser aller Mutter
Als Ida Lupino begann Regie zu führen, war sie die einzige Regisseurin in Hollywood

Foto: Imago

Am Ende ist sie wieder alleine. Sie verabschiedet sich am Hafen von dem Mann, in den sie sich verliebt hat. Ob sich beide jemals wiedersehen werden, bleibt ungewiss. Auch zu ihrer Familie kehrt sie nicht zurück. Einzig ein New Yorker Nachtklub bleibt in ihrem Leben die Konstante. Wer sie finden möchte, der solle ihr dorthin schreiben.

In The Man I love (1947) von Raoul Walsh spielt Ida Lupino die Sängerin Petey. Einmal mehr verkörpert sie eine Überlebende, eine selbstbewusste Frau, die sich ihrer Niederlagen nicht schämt. Es ist einer ihrer schönsten Filme als Schauspielerin, und Walsh, mit dem sie bereits die Klassiker They drive by Night (1940) und High Sierra (1941) drehte, beendet ihn mit einer Liebeserklärung an die Schauspielerin: Nachdem Petey sich verabschiedet hat, verharrt die Kamera in einer langen Einstellung auf ihrem Gesicht. Zuerst sieht man sie weinen, doch mit jedem Schritt, den sie sich vom Hafen entfernt, hellen sich die Gesichtszüge auf – zu einem vorsichtigen Lächeln.

Zwei Jahre später, Lupino hat ihren Schauspielvertrag nicht verlängert und arbeitet fortan als Freelancerin, sind wir wieder in einem Nachtklub. Auch hier verliebt sich eine junge Frau in einen Pianisten. Lupino steht nun jedoch hinter der Kamera. Not Wanted ist ihr erster Film als Regisseurin, nachdem der vorgesehene Regisseur Elmer Clifton nach wenigen Drehtagen einen Herzinfarkt erlitten hat. Not Wanted lässt das Melodrama von The Man I love hinter sich und strebt einen dokumentarischen Realismus an. Eine ungewollte Schwangerschaft stößt die junge Frau ins Unglück. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem alleinerziehende und unverheiratete Mütter ein Tabu darstellen, findet sie sich alleine auf der Straße wieder.

Nachdem in den vergangenen Jahren Retrospektiven in Wien, Berlin und Zürich ihr Werk gewürdigt haben (die Berliner und Zürcher habe ich mitkuratiert), widmet sich nun ein Sammelband Lupino. Das von Elisabeth Bronfen, Ivo Ritter und Hannah Schoch herausgegebene Buch ist in mehrerer Hinsicht eine willkommene Publikation. So fristet die Analyse der Schauspielarbeit jenseits biografischer Abrisse bis heute ein Schattendasein in der Filmpublizistik. Hier wird in gleich mehreren Aufsätzen Lupinos Arbeit und Entwicklung detailreich nachgezeichnet und beschrieben.

Als Ida Lupino 1949 vermehrt begann Regie zu führen, war sie die einzige Regisseurin in Hollywood. Um diesen lang gehegten Wunsch verwirklichen zu können, sah sie sich gezwungen, zusammen mit ihrem damaligen Ehemann Collier Young und dem Drehbuchautor Malvin Wald die Produktionsfirma The Filmakers zu gründen. Zwischen 1949 und 1953 drehte sie sechs Spielfilme und produzierte weitere. Später kamen zahlreiche Arbeiten für das Fernsehen dazu. Ihre Filme richteten sich an ein erwachsenes Publikum und griffen soziale Konflikte auf: die Folgen einer Vergewaltigung (Outrage), den schmerzhaften Heilungsprozess einer an Kinderlähmung erkrankten Tänzerin (Never Fear), verbissenen Ehrgeiz (Hard, Fast and Beautiful), Sadismus (The Hitch-Hiker) und Bigamie (The Bigamist). Nicht nur wegen ihrer Produktionsumstände, sondern auch ihrer Haltung gegenüber der amerikanischen Gesellschaft nehmen diese Filme das unabhängige Kino vorweg, wie es sich ab den späten 1960er Jahren entwickeln sollte.

Das Buch analysiert ausführlich und kenntnisreich diese heute leider in Vergessenheit geratenen Klassiker des feministischen Kinos. Ihr weiblicher Blick, so die Herausgeber, manifestierte sich dabei besonders in der kritischen Distanz zu Filmindustrie und Gesellschaft. Gleichzeitig unterlief sie patriarchale Rollenmodelle mit Humor und Selbstironie. Nicht wie üblich stand der Name auf ihrem Regiestuhl, sondern: „Mother of All of Us“.

Info

Ida Lupino. Die zwei Seiten der Kamera Bronfen / Ritzer / Schoch (Hg.), Bertz +Fischer, Berlin 2018, 236 S., 25 €

06:00 15.04.2018

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