Unser Haus brennt

Westjordan Die alte Stadt Hebron ist eingezäunt und zerstückelt. Wie nirgends sonst sind hier die Traumata des Nahostkonflikts spürbar
Hanno Hauenstein | Ausgabe 32/2019

Hebron im Westjordanland ist eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt: Seit dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung leben hier Menschen zusammen, auch in der Bibel findet es Erwähnung. Heute wohnen in Hebron 200.000 Palästinenser und 800 jüdische Siedler. Die Stadt – in Zonen zerteilt, von Stacheldraht umgeben – ist zum Sinnbild für den Nahostkonflikt geworden; für die Traumata zweier Länder und ihrer Bewohner. In Hebron, darin sind sich die Hardliner der israelischen Rechten und die der Linken ausnahmsweise einig, entscheidet sich Israels Zukunft.

Im Frühjahr dieses Jahres entzog Premier Benjamin Netanjahu der internationalen Beobachtermission TIPH (Temporäre Internationale Präsenz in Hebron) ihr Mandat: „Wir verbieten die fortgesetzte Präsenz eines internationalen Akteurs, der gegen uns agiert“, so die Begründung. Die TIPH-Mission war 1997 als Reaktion auf ein Massaker in der Abraham-Moschee ins Leben gerufen worden, bei dem ein rechtsradikaler Siedler 29 Palästinenser erschoss. Als Friedenstruppe sollten die Beobachter den Palästinensern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und außerdem Zeugnis von Menschenrechtsverletzungen ablegen.

Meine Reise nach Hebron beginnt frühmorgens. Obwohl Tel Aviv und Hebron nur knapp 60 Kilometer voneinander entfernt liegen, dauert es etwa vier Stunden, bis ich die Stadt erreiche. Das Sherut, ein busgroßes Sammeltaxi, entlässt mich an einer hektischen Verkehrsinsel. Hupende Fahrzeuge bewegen sich millimeterweise, es ist ein stockendes Chaos aus Autos, Schleppern und wildem Gehupe.

Bis zum Gespräch mit Issa Amro, Gründer des „Hebron Freedom Fund“ – die Beobachtergruppe soll hier die Lücke füllen, die durch die Aufkündigung des TIPH-Mandats entstanden ist –, bleibt noch eine knappe Stunde. Den Treffpunkt hat Amro mir als Standort per Whatsapp geschickt. Doch meine israelische SIM empfängt hier kein Netz. Der blaue Punkt, der Amros Standort markiert, springt über den Bildschirm. In einem nahe gelegenen Restaurant frage ich nach WLAN. Sobald die Verbindung steht, bitte ich eine Gruppe Männer, mir zu helfen, den Standort zu lokalisieren.

Die Männer nicken, wirken aber auch ein wenig ahnungslos. Amros Standort liegt offensichtlich nur einen oder zwei Kilometer entfernt. Es erscheint mir seltsam, dass keiner die anliegenden Straßennamen erkennt. Hebron ist der einzige Ort in der Westbank, an dem Siedler im Inneren einer palästinensischen Stadt leben, beschützt vom israelischen Militär. Dass Amros Standort sich im sogenannten H2-Teil der Stadt befindet, jenem Teil, der durch Checkpoints von H1 abgegrenzt wurde, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Im H2-Teil leben 850 israelische Siedler neben 40.000 Palästinensern unter israelischer Militärkontrolle. Der NGO „B’Tselem“ zufolge sind seit der Teilung der Stadt 1997 mehr als 1.000 palästinensische Familien geflohen. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Palästinensern gehören zum Alltag. Wie sich später herausstellt, befindet sich Amros Standort in Tel Rumeida, einer Siedlung in einem der höchstliegenden Gebiete der Stadt.

Plötzlich fallen Schüsse

Die Männer in dem Restaurant tauschen ein paar Sätze auf Arabisch und winken die Al-Adel Street bergabwärts. Langsam gehe ich die Straße entlang, passiere Marktstraßen mit Verkaufsständen. Hin und wieder spricht mich ein Händler auf Englisch an. Wüsste ich nicht, dass ich in Palästina bin, so könnte die Szenerie jetzt auch im Marrakesch sein. Was diese Straße von den Straßen dort allerdings auffällig unterscheidet, ist das Fehlen von Besuchern.

Fünf Schüsse unterbrechen meine Überlegungen abrupt. Sie hallen scharf und laut nach, wie Schläge auf Metall. Fahrzeuge um mich herum stoppen, Menschen bleiben reflexartig stehen, die meisten drehen um. Die plötzliche Reaktion der Leute wirkt, als hätten ihre Körper sich längst an derartige Vorkommnisse gewöhnt. Nur ein paar Jugendliche sausen auf BMX-Rädern an mir vorbei und nach vorn, in Richtung der Schüsse.

Vorsichtig gehe ich ihnen nach. An der Straßenkrümmung erkenne ich eine Gruppe von knapp zehn israelischen Soldaten, allesamt Männer um die 20. Drei haben sich mit Gewehren in Stellung gebracht – gegen ein Ziel, das ich nicht erkenne. Ein weiterer untersucht einen gleichaltrig wirkenden Palästinenser, der gegen eine Blechtür gedrückt dasteht, zwei Palästinenser dahinter reden auf den Soldaten ein. Die anderen Soldaten stehen Posten, ein älterer Anwohner filmt die Szene mit einer Handkamera.

Dass hier gefilmt werden darf, dass die Soldaten dabei nicht intervenieren, irritiert mich. Die Gewalt wirkt so routiniert wie ihre Dokumentation. Ich denke an Susan Sontags Essay über Kriegsfotografie, Das Leid anderer betrachten. Sie schreibt dort über die vereinnahmende Problematik der Fotografie, aber auch über die in ihr liegende Kraft: „Das Bild als Schock und das Bild als Klischee sind zwei Aspekte derselben Präsenz.“ Ich stelle mir vor, wie die Bilder der Handkamera zur moralischen Verurteilung der Besatzung herangezogen und zum Mittel werden, das die Illusion eines Konsenses suggeriert, einer einfachen politischen Antwort.

Und wie die andere Seite reflexhaft versuchen wird, sie als Fälschung zu entlarven. Was beiden Seiten gemein ist: Das Bild wird zur Funktion der Erzählung. Dazwischen liegt Gleichgültigkeit: die des Soldaten, dem die Handkamera egal zu sein scheint, und die der anderen, die solcher Bilder überdrüssig sind.

Tatsächlich drängt sich die Frage auf, wieso andere, nicht weniger gewalttätige Konflikte der vergangenen Jahrzehnte im Gegensatz zum Nahostkonflikt vergleichsweise unterrepräsentiert sind – der Bürgerkrieg im Sudan etwa oder das Eingreifen Russlands in Tschetschenien. Woraus ergibt sich das übergroße Medieninteresse an den Bildern aus Israel?

Ich folge der Straße auf einen Anhang, stehe jetzt nur knapp 25 Meter von den Soldaten entfernt, als plötzlich zwei weitere Schüsse fallen, diesmal so ohrenbetäubend laut, dass ich wie angefahren zusammenzucke. Ich entferne mich langsam, versuche, ein Video mit meinem Telefon zu machen. Durch die Linse erkenne ich, wie einer der Soldaten sein Gewehr in meine Richtung hält. Angst übermannt mich. Ich stecke mein Telefon weg und gehe den Abhang hinauf.

Der Versuch, in Hebron einen kritischen Abstand einzuhalten, ist kläglich gescheitert. Noch immer weiß ich nicht, wie ich zu Amro gelange. Es vergehen noch ein paar Minuten, bis ich verstehe, dass ich dafür einen Checkpoint durchqueren muss, der hinter den in Stellung gebrachten Soldaten liegt. Langsam nähere ich mich und passiere die Männer, die ihre Waffen noch in Stellung halten. Ob es sich bei alldem um eine Übung, tägliche Routine oder einen Ernstfall handelt, ich kann es nicht sagen.

Am Checkpoint werde ich durchgewunken. Dahinter ist Stille. Das Chaos und die Lautstärke von eben wechseln so schlagartig, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Vor mir liegt eine abgeriegelte und menschenleere Straße. Auf den ersten paar hundert Metern H2 bin ich komplett allein.

Amros Standort scheint sich weiter zu verschieben. Tel Rumeida ist auf einem Hügel gelegen, und je weiter ich nach oben laufe, desto mehr erkenne ich Leute. Inzwischen dämmert es. Ein orthodoxes Paar steht neben einer Gruppe Kinder vor einer Jeschiwa. Hier ist das Ende der Straße. Ich drehe um, an einem Soldaten vorbei, der regungslos in einem Kontrollhäuschen sitzt und ins Nichts starrt.

Ich komme an einem kleineren Supermarkt vorbei, drei palästinensische Jugendliche sitzen hinter der Kasse. „Kennt ihr Issa Amro?“, frage ich. „Issa!“, rufen sie aufgeregt, Amro ist hier so etwas wie ein Lokalheld.

Einer will mich zu ihm bringen, der Junge spricht gut Englisch. Wir verlassen den Laden auf einen Treppenanhang. Er erzählt von seinem Traum, in Europa zu studieren. Wir gehen vom Weg ab, durch eine Zaunöffnung folge ich ihm auf ein sandiges Feld, entlang an weißen Steinfragmenten. Die Steine gehören zu einer Ruine, die von Muslimen und von Juden für ein eigenes religiöses Narrativ beansprucht wird. Den einen zufolge soll sich hier die Al-Arba’een-Moschee befunden haben. Für die anderen handelt es sich um den Grabstein von Jesse und Ruth – ausgerechnet Ruth, jene biblische Figur, die aus einem arabischen Land stammte und deren Geschichte oftmals als eine der interreligiösen Toleranz interpretiert wird.

Wir gehen den staubigen Schotterweg hinauf. Die Lichter Hebrons funkeln von diesem höchsten Punkt in Tel Rumeida aus. Die Türen des Aktivisten-Treffpunkts stehen offen. Amro sitzt allein auf einer Couch in einem Vorraum und blickt konzentriert auf sein Telefon, daneben unterhält sich eine Gruppe Männer mit einem Schweizer Vertreter einer NGO für Wasserreinigung.

„Bitte“, sagt Amro und deutet auf einen Stuhl vor sich. Ich erkundige mich nach den Schüssen, frage, ob so etwas hier öfter vorkomme. Nicht täglich, sagt Amro, in letzter Zeit aber immer öfter. Die Aufgabe des Militärs, erklärt er, bestehe darin, die Siedler in der H2-Zone zu beschützen, nicht den Checkpoint nach H1 zu verlassen. „Sie suchen Probleme, da muss nur ein Jugendlicher einen Stein werfen, und schon geht es los.“ Amros Körperbau betont seine Präsenz, die Sätze sind knapp.

Gandhi googeln

Er erzählt, wie er 2003 im Alter von 22 Jahren zum Aktivisten wurde, während seines letzten Semesters an der Palestine Polytechnic University. Im Januar desselben Jahres wurde die Uni auf Anordnung des Militärs geschlossen. Die Computer seien zum Herunterladen von Handbüchern zur Bombenherstellung verwendet worden, so die Begründung der Armee. „Ich komme aus einer armen Familie“, sagt Amro, „mein Abschluss bedeutete mir alles.“

Also googelte er, wie man eine Revolution macht. Die Suchmaschine spuckte ihm Ergebnisse zu Gandhi und Martin Luther King aus. Davon inspiriert, stellte er ein Komitee gegen die Schließung zusammen. Sieben Monate später, als die Universität wiedereröffnet war und Amro seinen Abschluss machen konnte, hatte er das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Wenig später gründete Amro „Youth Against Settlements“. Die Idee der Gewaltfreiheit wollte er unbedingt beibehalten. In Hebron gibt es drei Sorten von Opposition: Die erste ist der bewaffnete Terrorismus. Die zweite Sorte bilden Gruppen, die als gewaltfrei bezeichnet werden, aber lediglich unbewaffnet sind, nicht wirklich gewaltfrei. Die dritte sind „Youth Against Settlements“, die tatsächlich gewaltfrei agieren.

„Wir wollten vor allem die Jugend erreichen“, sagt Amro, „sie ist die Zukunft des Landes.“ 2018 trat der heute 38-Jährige als Leiter zurück, um Jüngeren das Feld zu überlassen. Zugleich gründete er den Hebron Freedom Fund, als Nachfolger der TIPH-Beobachter. Ob er mit den TIPH-Leuten in Kontakt stand, frage ich. „So gut wie täglich“, sagt er. Knapp 40.000 Vorfälle sollen die 64 Beobachter, die aus der Schweiz, Schweden, Norwegen, Italien und der Türkei entsandt worden waren, dokumentiert haben. Umgerechnet wären das knapp fünf Vorfälle pro Tag.

Diese Anzahl, erklärt Amro, lässt sich auch auf das bestehende Rechtssystem zurückführen. Hebrons Bewohner unterstehen verschiedenen Rechtsprechungen. Es herrscht Militärrecht für Palästinenser, Zivilrecht für Siedler. Bei Übergriffen seitens der Siedler darf das israelische Militär nicht eingreifen. „Das TIPH-Mandat bestand im Schutz der Palästinenser. Netanjahu wollte, dass sie sich auf die Seite der Siedler schlagen. Das ist natürlich nicht passiert, also hat man ihnen das Mandat entzogen.“

Beim „Hebron Freedom Fund“, sagt Amro, handele es sich, anders als bei den TIPH-Beobachtern, nicht um eine offizielle Organisation. „Wir sind Palästinenser“, sagt er, „nicht bloße Beobachter.“ Wenn Siedler angreifen, stellen Amro und seine Kollegen in den blauen Westen sich dazwischen. „Nicht mit Gewalt“, betont er, „aber schützend.“ Ein weiterer Unterschied: Was die TIPH-Beobachter dokumentierten, landete meist in vertraulichen Aktenordnern.

Der „Hebron Freedom Fund“ hingegen veröffentlicht Bildmaterial auf Youtube und diversen Social-Media-Kanälen. Ob Amro jemals versucht habe, mit Siedlern vor Ort ins Gespräch zu kommen? Immerhin spricht er gut Hebräisch. Manchmal versuche er es. „Gott soll deinen Namen auslöschen“, so ähnlich laute in den meisten Fällen die Antwort.

Kritische Israelis, erzählt Amro, würden genauso behandelt. „In Hebron geht es nicht um Juden gegen Muslime, sondern nur um die Frage, ob du für die Besatzung bist oder dagegen.“ Die Konflikte verschärfen sich, sagt er. Unter Netanjahu mit seinen Bündnissen zur extremen Rechten im In- und Ausland hätten die Siedler in Hebron kaum mehr das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen.

Die Kahanisten, Antreiber des Massakers von 1994, würden nun von Netanjahu hofiert. Die einzige Lösung sei Empowerment für Frauen und Jugend. Amros Traum ist eine gewaltfreie Intifada. Dafür müssten sich mehr Israelis dem gewaltfreien Widerstand anschließen. Als ich Amro nach der Zwei-Staaten-Lösung frage, lacht er. „Unser Haus brennt, und da fragst du mich, in welcher Farbe wir es anstreichen wollen?“

Netanjahu hat eine Mission

Am nächsten Tag treffe ich Yehuda Shaul, Gründer der israelischen NGO „Breaking The Silence“, für eine Tour durch Hebron. Als Sigmar Gabriel 2017 während eines Israel-Besuchs zu einer Gesprächsrunde mit der Zivilgesellschaft auch Shaul einlud, ließ Netanjahu mitteilen, er werde sich nicht wie geplant mit Gabriel treffen. Der damalige Bundesaußenminister hofiere Vertreter radikaler Randgruppen.

Das Ziel von „Breaking The Silence“ besteht darin, die israelische Öffentlichkeit durch Berichte und Führungen auf die Realität der Besatzungspolitik in der Westbank aufmerksam zu machen. Shaul gründete „Breaking The Silence“ 2003, in jenem Jahr, als auch Amro aktiv wurde. Wie Amro ist Shaul ein stämmiger Mann, anders als Amro spricht er ein schnelles, gestochen scharfes Englisch.

Shaul beherrscht die Kunst, die in Hebron zusammenlaufenden Stränge von Religion und politischer Historie aus den Fakten heraus zu erklären. Er ist einer der Stichwortgeber der besatzungskritischen Linken, und seine Schlussfolgerungen sind keineswegs objektiv. Doch in Hebron objektiv zu sein, das ist kaum möglich.

Im Auto von Jerusalem nach Hebron sitzt neben Shaul und dem Fahrer noch ein Besucher, Rabbi Douglas E. Krantz, ein freundlicher älterer Mann. Während der Autofahrt erzählt Krantz von seinem letzten Besuch in Hebron 1970, während seiner Rabbiner-Ausbildung. Jetzt will er sich ein Bild von den Veränderungen in der Region machen. Die Aufkündigung demokratischer Prinzipien in Israel sei eine der größten Gefahren für seine Existenz, sagt Krantz. Wem heute wirklich an Israel liege, der müsse sich gegen diesen Rechtsruck aussprechen.

Auf dem Weg passieren wir Checkpoints und Straßen, auf denen nur noch Autos mit israelischer Plakette erlaubt sind. Wir umfahren die acht Meter hohe Sperranlage, die US-Präsident Donald Trump kürzlich als Vorbild für seine Mauer an der mexikanischen Grenze bezeichnete: Palästinensische Selbstmordattentate gingen seit dem Bau der Anlage zurück.

Netanjahus Bestrebungen im Namen der Sicherheit gehen heute weiter. Er hat eine Mission: Kurz vor seiner Wiederwahl im April versprach er, die nächsten Teile palästinensischen Territoriums zu annektieren. Hebron, schätzt Shaul, werde davon weniger betroffen sein. So ein Prozess würde, wenn überhaupt, in Orten wie Ma’ale Adumim oder Ost-Jerusalem beginnen.

Hebron ist heute verregnet und kalt. Wir parken kurz vor der Al-Shuhada Street, einer Straße, die am Gebäudekomplex der Machpela anliegt, des religiösen Wahrzeichens der Stadt, das für alle drei abrahamitischen Religionen ein Heiligtum darstellt. Gegenüber der Machpela nehmen wir Platz in einem Souvenirgeschäft. Der Besitzer kennt Shaul, sie begrüßen sich in einer herzlichen Mischung aus Hebräisch und Arabisch, man bringt uns Zucker und Tee. In der kommenden Stunde hält Shaul einen scharfkantigen Vortrag über die Stationen in Hebrons Geschichte, die zur heutigen Situation beigetragen haben.

Den Lebensentwurf der Siedler, erklärt er, müsse man als einen der historischen Rückeroberung erklärbar machen. Das dafür wichtigste Datum liege 3.700 Jahre in der Vergangenheit, als Abraham die Machpela erwarb. Der Erzählung nach liegen hier sowohl Abraham als auch seine Frau Sara begraben. Der Ort hat im Judentum immense religiöse Bedeutung.

Das zweite Ereignis habe im Jahr 1929 stattgefunden. Damals ereignete sich in Hebron ein brutales Massaker gegen die dort lebende jüdische Gemeinde. 67 Menschen wurden getötet. Die Tat besiegelte das Ende der jüdischen Präsenz vor Ort. Mit der Errichtung einer neuen Gemeinde sollte in den Augen der Siedler der nationale Stolz restauriert werden.

Der nächste Zeitsprung führt Shaul ins Jahr 1968, das Jahr der jüdischen Rückkehr: Eine Gruppe Jeschiwa-Studenten unter Rabbi Levinger begeht in einem palästinensischen Hotel in Hebron das Pessach-Fest, erstmals seit Ende des Sechs-Tage-Krieges 1967. Nach dem Fest weigert sich die Gruppe, das Hotel zu verlassen. Für Shaul manifestiert sich hier der Beginn eines Musters, das noch andauert. Im Laufe der Jahre wurden in Hebron vier Kernsiedlungen errichtet: Avraham Avinu, Beit Romano, Beit Hadassah und Tel Rumeida. Shaul berichtet vom Massaker von 1994 und vom Hebron-Protokoll von 1997, das die Einteilung der Stadt in Zonen einleitete.

Töten wie im Videospiel

Nach dem historischen Exkurs führt Shaul auf die Al-Shuhada Street, wo sich einst die größten Märkte von Hebron befanden, ein Großhandels- und ein Gemüsemarkt. Die garagenartigen Vorsprünge sind noch als Marktfassaden erkennbar. Die grünlichen Metalltüren sind verriegelt. Die Straße ist leer. Yehuda holt eine Fotografie von vor 1994 aus seinem Rucksack und hält sie vergleichend vor sich.

Auf dem Bild sind Menschen zu erkennen, Kinder, Alte, ein Soldat. Die Leere dieses Straßenzugs steht in krassem Kontrast zum lebhaften Treiben auf dem Bild. „Um Gottes willen!“, ruft Krantz, als wir die Al-Shuhada hinablaufen. Er könne sich noch an die Zeit erinnern, bevor die Straße für Palästinenser geschlossen wurde.

Die Räumung des Marktes, erklärt Shaul, war eine direkte Folge des Massakers von 1994. „Wie beschützt man jetzt 850 Siedler vor 200.000 Palästinensern?“, fragt er und gibt die Antwort selbst: „Sterile Pufferzonen!“ Er berichtet von militärischen Maßnahmen, die mit der Politik der Segregation einhergingen: Hausarreste für palästinensische Familien, teils für bis zu sechs Monate. Oder eine Militärtaktik, die er „unsere Präsenz fühlbar machen“ nennt: Eine Gruppe Soldaten bricht in ein Haus ein, weckt die Familie, durchsucht die Wohnung, klettert über Balkone ins nächste Haus. „So kann man seine Acht-Stunden-Schicht gut rumkriegen.“

Wir laufen die Al-Shuhada Street weiter entlang, Shaul deutet auf ehemalige palästinensische Geschäfte, die „sterilisiert“ und von Siedlern besetzt wurden. Bei dem Wort „Sterilisierung“ stellt sich bei mir ein innerer Widerstand gegenüber Shauls Erzählung ein. Das, sagt Shaul, sei ein Wort, das die Armee selbst verwende. Ob er mehr von seiner eigenen Dienstzeit berichten kann, will ich wissen. Bei der Antwort scheint Shaul in eine andere Erzählung zu fallen, die von der palästinensischen Gewalt. Er leistete seinen Militärdienst zur Zeit der Zweiten Intifada ab, einer Zeit, als Palästinenser in Hebron in drei Jahren 17 Soldaten und fünf Siedler töteten. Im März 2001, erinnert er sich, wurde genau hier ein zehn Monate altes Baby von einem palästinensischen Scharfschützen erschossen.

Daraufhin sei, was noch vom Markt übrig war, geschlossen worden. 13 Geschäfte wurden Wohnhäuser. „In Hebron ist es egal, von wem die Gewalt ausgeht“, sagt Shaul, „eine Seite verliert Territorium, die andere Seite gewinnt. Nur die Seiten sind hier immer dieselben.“

An einem der ehemaligen Geschäfte passieren wir eine Infotafel, die das Siedler-Narrativ spiegelt – eine andere Geschichte: „Nach dem Hebron-Protokoll von 1997 wurde Hebron geteilt“, steht dort, „Juden haben seitdem nur noch Zugang zu drei Prozent der Stadt. Im September 2000 starteten Araber den Oslo-Krieg (Zweite Intifada), einen Terrorkrieg gegen Hebrons jüdische Bewohner. Nach und nach wurden die Geschäfte dieser Straße aus Sicherheitsgründen geschlossen.“

Ich frage Shaul nach der TIPH-Mission. Ob sie ihr Mandat erfüllt habe? „Im großen Maßstab: nein. Wenn sie präsent waren, wurden sie ernst genommen, zumindest seitens der Armee.“ Ihre Aufkündigung sieht Shaul als Effekt der „Normalisierung“, die sich in Hebron eingestellt habe. Die internationale Gemeinschaft habe sich mit einem Dilemma konfrontiert gesehen: „Sie konnten entweder weiter viel Geld für etwas mit eingeschränkter Wirkung ausgeben. Oder die einzige Mission aufgeben, die Israel ihnen erlaubt, was symbolisch schon viel bedeutet.“ Ihm zufolge hätte die internationale Gemeinschaft unbedingt versuchen müssen, die Beobachter in Hebron zu behalten.

Ein Mann Mitte 30 hat sich uns genähert. Er fällt Shaul jetzt mehrfach auf Hebräisch ins Wort. „Wieso sagst du ihnen nicht, auf welcher Seite du wirklich stehst, Yehuda?“ Der Mann wirkt nicht gewalttätig. In seinem Gesicht liegt die Erwartung einer Antwort, aber auch intensiver Hass. Der ist politisch motiviert, doch er trägt ihn zur Schau, als hätte Shaul ihn persönlich verraten. Shaul verliert daraufhin den Faden, setzt von vorn an, wird wieder unterbrochen: „Alle wissen, dass du Israel hasst“, sagt der Mann. Das erste Mal während der bisherigen Tour ist Shaul sichtlich irritiert. Er kenne den Mann, sagt er, „seine Eltern wohnen in Jerusalem im gleichen Haus wie meine“. In diesem Moment wird deutlich, wie schwierig es sein muss, im Israel von heute einer Arbeit wie der Shauls nachzugehen. In den Anfangsjahren von „Breaking The Silence“ stellte die Gruppe noch Bilder von ihrer Arbeit im israelischen Parlament aus. Heute ist es ihr verboten, in Schulen zu sprechen.

Der Mann hat sich entfernt, und Shaul erzählt weiter von seiner Dienstzeit. Auf dem Höhepunkt der Zweiten Intifada sei er in einer stillgelegten Schule an einem automatischen Granatwerfer postiert gewesen. Als er über die Waffe spricht, schleicht sich militärische Präzision in seine Worte. Sie habe eine Reichweite von 2.212 Metern besessen, feuerte 88 Granaten pro Minute ab und konnte Menschen in einem Radius von acht Metern töten.

Shauls Mission sei es gewesen, palästinensisches Feuer aus der Nachbarschaft zu erwidern. „Ein solcher Granatwerfer ist keine akkurate Waffe“, meint Shaul, den Rest könne man sich denken. Am Anfang habe er noch gebetet, so wenig Granaten wie möglich zu verschießen, später sei es zur Routine geworden – „wie ein Videospiel“. Erst am Ende seines Armeedienstes habe er sich von solchen Praktiken distanzieren können.

Nach knapp drei Stunden neigt sich die Tour ihrem Ende zu. Shauls Zeitplan ist eng. Es stehen noch ein Besuch in Ramallah und ein Termin in Jerusalem auf dem Plan. Wenn wir jetzt denken würden, Hebron sei extrem, dann hätte er seine Mission verfehlt, sagt Shaul.

Für ihn sei die Stadt ein Gradmesser, ein Ort, der nichts verschleiere, an dem sich die heutige Tendenz der israelischen Regierung glasklar ablesen lasse. „Niemand kann ernsthaft behaupten, dass das, was wir heute gesehen haben, im Namen der Sicherheit Israels passiert.“ – „Sicherheit!“, sagt Krantz bestürzt, die Hände an die Stirn gelegt. „Sicherheit hat kein Ende. Das Ende der Sicherheit ist Isolation.“

Hanno Hauenstein ist freier Journalist, vorwiegend in Berlin. 2016 gründete er das deutsch-hebräische Kulturjournal aviv Magazin

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06:00 03.09.2019

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