Unser Kind soll klüger sein

Bildung Die Zahl sogenannter freier Schulen wächst. Das führt zu einigen Ehekrächen, gerade bei linken Eltern
Susanne Berkenheger | Ausgabe 39/2016 1
Unser Kind soll klüger sein
Anti-Establishment oder einfach wenig Geld? Wenn die Schulwahl zum politischen Statement wird
Foto: Rolf Zöllner/imago

Jeremy Corbyn hat sich mit seiner zweiten Frau zerstritten, weil die die Kinder auf eine Privatschule schicken wollte!“, rufe ich maliziös aus dem Arbeitszimmer dem in der Küche wurschtelnden Mann zu. „Corbyn, der britische Labourchef?“, knurrt es zurück. „Ist der nicht schon über 100?“ – „Ja, die Scheidung liegt schon bisschen zurück, aber ich weiß es erst jetzt. Wie findest du das?“ – „Mhhhm“, antwortet der Mann vorsichtig. Er kennt ja meine Haltung: Erstens: Privatschulen gehören verboten, weil sie unfassbar ungerecht sind. Zweitens: Hätte ich das Geld, würde ich unsere Tochter sofort auf einer anmelden. Drittens: Seit Jahren überlege ich, ob wir uns dann trennen würden. Der Mann in der Küche ahnt wohl Schlimmes. Wahrscheinlich erinnert er sich an den Tag, an dem ich zum Infoabend der Privatschule Phorms in Berlin-Mitte ging.

Nachdem ich von anderen Müttern gehört hatte, wie zerrüttet ihre Kinder von der staatlichen Schule waren und wie begeistert sie nun auf die private gingen, wollte ich herausfinden, wie diese Schulen das machten: Gehirnwäsche? Verteilen sie Drogen? Oder reden die Leute sich das Glück ihrer Kinder nur ein, weil sie so viel Geld dafür bezahlen? Marketing-Placebo-Effekt heißt das Phänomen. Um dagegen gewappnet zu sein, hatte ich im Internet recherchiert. Dort hieß es, dass hinter besagter Phorms-Schule ein übles Geschäftemachermodell stecke. Angeblich gemeinnützig, aber dann sahnten sie über eine übergeordnete Aktiengesellschaft ab. Den Leuten werde Geld aus der Tasche gezogen, das gar nicht bei den Schülern ankomme.

So geimpft schritt ich zum Infoabend. Als ich hörte, die Schüler lernten mit Word umzugehen, grinste ich noch hämisch. Aber dann: Kleine Klassen, flexibler Stundenplan und bilingualer Unterricht von Native Speakers – das finde auch ich besser als große Klassen, strenge Schulglocken und gar kein Englischunterricht in bröckelnden Gemäuern. „Wir Deutsche müssten erst noch lernen“, brüllte ich später den verdatterten Mann an, „dass Schulbildung eben etwas koste, haben die bei der Phorms erzählt. Sie erwähnten Chinesen, die ihr letztes Geld für die Schulbildung ihrer Kinder ausgeben! Unfassbar! Was ist denn mit Kindern, deren Eltern kein ,letztes Geld‘ haben? Das ist so widerwärtig und ...“ Nur widerwillig willigte ich ein, weder eine Bombe auf die Phorms noch eine auf die uns zugeteilte staatliche Schule zu werfen.

Als ich dann zur Berlinwahl stapfte, geriet ich in den „Tag der freien Schulen“ hinein und erfuhr: An keiner Privatschule, die staatliche Zuschüsse bekommt, dürfen Kinder aus finanziellen Gründen abgelehnt werden. Ist Gesetz. „Hör mal hier“, so riss ich den Mann aus seinen Fluchtgedanken, „sogar die Linke findet, dass Privatschulen zu einem vielfältigen Bildungsangebot gehören. Schau, unterschrieben vom Fraktionsvorsitzenden Udo Wolf persönlich. Vielleicht sollten wir noch mal überlegen?“ Der Mann guckte entnervt: „Meine Tochter geht nicht mit so eingebildeten Fressen wie dem Star XY oder dem Großunternehmer F. in eine Klasse.“ Ich konterte: „Also erstens gehen ja nicht die eingebildeten Fressen selbst, sondern deren Kinder. Und zweitens bleibt der Schulstress ohnehin vor allem an mir hängen! Laut Konrad-Adenauer-Stiftung geht das 75 Prozent aller Mütter so, deswegen sind auch immer die Mütter für die Privatschulen. Und zwar für bilinguale ...“ In diesem Moment kam unsere Tochter hinzu: „Hallo Leute, wir halten jetzt in Bio Referate auf Englisch! Ist das nicht super?“ Ah, der Trickle-down-Effekt: Die Vorlieben der Reichen sickern irgendwann nach unten durch – ganz, ganz langsam.

Ich verkrümelte mich wieder ins Internet. Wer brutto monatlich nur 1.250 Euro verdient, las ich, der muss etwa für das private Europa-Gymnasium Berlin nur 149 Euro abdrücken. Wem die übrig gebliebenen 1.101 Euro Bruttofamilieneinkommen nicht reichen, der dürfe auch handeln. Eigentlich denke ich, sollten das mal alle mit diesem Einkommen machen: um die Kosten für die Schulbildung feilschen. In Berlin würde das jedes dritte Kind betreffen.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 12.10.2016

Kommentare 1