Unser neuer Mann im Osten

Von München nach Dalichow Der Kunstglaser Michael Maurer erlebt die Hoffnungen der Wende und den Verfall einer Region

Im Bruch der Zeiten wandelte sich Leben in Davor und Danach. Träume wurden wahr oder zu Albträumen, manchmal entstand aus Enttäuschung Mut.
Wendezeit - Lebens-Wende: Eine Serie über Menschen und ihre Geschichten in der Geschichte.
Heute: 2.Teil

Am Freitag, den 13. August, so gegen 16.00 Uhr, setzt sich Michael Maurer an seinen Computer und surft durchs Internet, liest in verschiedenen Seiten, bleibt in der aktuellen Ausgabe des Freitag. Dann schreibt er eine Mail an die Redaktion: "Ich bin 52 Jahre alt und Hartz-Betroffener. Ich freue mich, meine Gedanken in Ihren Artikeln wieder zu finden. Das entschärft ein bisschen das Gefühl der Ohnmacht. Ich weiß, Sie würden sich über ein Abonnement mehr freuen, aber meine finanzielle Lage lässt das nicht zu."

Einige Tage später fahre ich zu Michael Maurer. Nach der Wende ist er aus München in den Osten gekommen. Im Auftrag eines westdeutschen Unternehmens sollte er eine Filiale aufbauen. Heute lebt er in Dalichow, einem Ortsteil der Gemeinde Niedergörsdorf im Brandenburgischen, Landkreis Teltow-Fläming. Dalichow hat 11 Häuser und 30 Einwohner. Ringsherum ist Landschaft.

Der Himmel ist hoch und weit. Ruhe und Gleichmut liegen über dem Land. Michael Maurer sitzt gern auf der Bank am Ende seines Gartens und schaut über die Felder. Manchmal verfliegt hier seine Wut, manchmal bohren die Gedanken nicht mehr so schmerzhaft, manchmal ebbt die Unrast ab. Dann rafft er sich auf. Am Montag, den 16. August, fährt Michael Maurer nach Jüterbog zur Protestdemonstration gegen Hartz IV. Er ist seit sieben Jahren arbeitslos, bezieht Arbeitslosenhilfe, ab Januar 2005 ALG II. Er hat sich informiert und einen Schreck bekommen. "Ich bin nicht neidisch auf die, die mehr haben. Ich komme mit wenig aus, aber das will ich mir mit eigener Arbeit verdienen. Ich habe Angst, dass ich durch diese Zwangsarbeit nicht mehr frei über mein Leben entscheiden kann." Er meint die Ein-Euro-Jobs, von denen Minister Clement so begeistert ist, und fühlt sich erpresst. Dagegen müsse er einfach was tun.

Jüterbog hat 13.500 Einwohner. Etwa 400 Menschen sind auf dem Marktplatz. Michael Maurer stellt sich dazu. Er ist neugierig. Um ihn herum wird diskutiert. Vor dem Rathaus steht ein Wohnwagen mit Lautsprechern. Ein junger Mann erzählt, wie es ihm mit ALG II gehen wird. Nach ihm sprechen zwei Frauen. Jeder kann hier sagen, was er denkt. Alle reden von Arbeit, die sie nicht haben, nicht mal die Aussicht darauf. Im Landkreis Teltow-Fläming gibt es 12 869 Arbeitslose, etwa 7.840 Arbeitslosenhilfeempfänger, 2.673 Menschen beziehen Sozialhilfe. Per 1. Januar 2005 werden 9.716 Menschen ALG II beziehen, sie bilden dann 7.590 so genannte Bedarfsgemeinschaften. Die mit Abstand niedrigste Zahl gibt Auskunft über das Stellenangebot der Agentur für Arbeit: 559 Arbeitsplätze im Landkreis.

Michael Maurer denkt, jetzt kannst du es loswerden: Die Angst und die Unruhe und die Gedanken über das Warum. Er geht nach vorn. Noch nie hat er vor so vielen Leuten gesprochen. Er ist fürchterlich aufgeregt. Er sagt, dass er wütend ist und deprimiert und dass das Gefeilsche von Rot-Grün um Details des ALG II ein Ablenkungsmanöver sei. Der große Coup des Sozialabbaus laufe ungehemmt weiter. Die Agenda 2010 diene am Ende der Profitsicherung in den Banken und Konzernen. Der freie Wettbewerb solle von seiner sozialen Verantwortung entbunden werden. Es gehe um die Zurückdrängung eines gestaltenden, sozial steuernden Staates. Fragt euch, ruft er, wem diese Politik nützt. Und fragt auch: Was haben wir davon? Und hört nicht auf zu protestieren, nur weil die Herren über leere Kassen klagen.

Am Schluss ist sein Mund trocken wie die Wüste und sein Selbstbewusstsein größer geworden. Die Erinnerung an diese fünf Minuten macht ihn froh. Die Leute klatschen. Prima Rede haste gehalten, sagen sie, und er fühlt sich nicht mehr allein. "Ein tolles Erlebnis". Das sei der Osten, meint Michael Maurer. Da gäbe es noch ein Gefühl für Gerechtigkeit. "Die DDR-Leute reden von Kälte, die sie jetzt erleben, menschlich und politisch. Wessis sind damit groß geworden. Der Westen war noch nie anders. Es hat manchmal nur anders ausgesehen. Bunter eben." Kapitalismus mit Weichspüler, der nun gespart wird. "Das wird nicht besser. Das wird noch härter." Arm und Reich das ungleiche Paar der Zukunft? Michael Maurer hofft, dass immer mehr Menschen sich dagegen wehren.

Früher hatte er andere Hoffnungen. Er wächst in einem kleinen Ort im Taunus auf. Sein Vater ist Postbeamter. Zu Hause geht es korrekt zu. Der bescheidene Wohlstand wird sorgsam zusammen gehalten. Jeder denkt an sich und lebt so gut es eben geht. Haste was, biste was. Und die Welt ist in Ordnung. Wer es nicht schafft, hat selber Schuld. Das Wertesystem funktioniert bis heute. Die Enge des Lebens damals war auch ein Schutzwall - bis Michael Maurer zur Lehre nach Frankfurt geht und mit einem Freund den Easy-Rider-Traum träumt. Amerika - die Verheißung eines freien und ungebundenen Lebens. Woodstock geistert durch die Pläne, ein bisschen 68er Stimmung kommt dazu, Verliebtheit in das falsche Mädchen - und zwei 19-Jährige hauen sich selbst die Beine weg. Frankfurt/Main ist nicht der Wilde Westen. Aus der Traum.

Ein neuer Anlauf: Michael Maurer absolviert eine zweite Lehre und wird Kunstglaser. Zufrieden macht es ihn nicht. Er kifft, rutscht ab, rappelt sich wieder hoch, besucht eine Aufbauklasse, will das Abi machen, vielleicht studieren, Literatur und Philosophie. Auch diese Hoffnung auf ein anderes Leben wird er begraben und wohl von allen Versäumnissen am meisten bereuen. Er zieht nach München und arbeitet zunächst als Glasmaler, dann wird er Taxifahrer. Aber das schnelle Geld kommt nicht und auch nichts anderes. "Da war nix Aufregendes. Ich hatte falsche Werte und ein einsames Leben."

So wäre es ewig weiter gegangen. Da verändert sich 1989 die Welt. Im Englischen Garten reden er und seine Freunde über Ungarn-Flüchtlinge. Fernsehen wird spannend. Michael Maurer interessiert die politische Entwicklung, und er denkt, hoffentlich wird es keine blutige Sache. An Deutschland, einig Vaterland, denkt er nicht. DDR ist für ihn ein Kürzel für Ferne, Erinnerung an eine Klassenfahrt, Kontrollen auf der Transitstrecke, das merkwürdige Gefühl, "mit unserem Westgeld in Ostberlin privilegiert zu sein". Als die Mauer geöffnet wird, freut er sich über die Bilder - und plötzlich wird auch für ihn alles anders. Er lernt seine Frau kennen. Ein halbes Jahr später ziehen sie nach Berlin. "Das war eine Lebenswende."

Er kommt nicht als Absahner, nicht als Abzocker oder Abwickler. Er kommt, um noch einmal anzufangen. Er kommt mit Hoffnungen und Erwartungen. Er ist neugierig und will arbeiten. Der Osten boomt, liest und hört er, blühende Landschaften werden versprochen - es könnte für ihn was werden in dem neuen fremden Land, das nun auch seines ist. Die Glasfirma Derix schickt ihn als Vorboten, um das Terrain für eine Filiale zu erkunden. In Berlin-Köpenick findet er eine geeignete Glasmalerei. Seine Kollegen sind freundlich und offen, der Westchef vermittelt Aufträge, aber der Ostchef will trotzdem nicht verkaufen. Auf der Suche nach einem neuen Objekt wird Michael Maurer in der Nähe von Dalichow fündig. Eine alte Schmiede wird zur Glaserwerkstatt umgebaut, Leute müssen eingestellt und angelernt, Aufträge bearbeitet werden. Michael Maurer hat zu tun. Aufschwung Ost - das Verglasungsgeschäft entwickelt sich. Hauptkunde sind die Kirchen. "Da floss viel Geld. Den Markt konnte man sich nicht entgehen lassen. Ich habe eine Menge Kirchen, bischöfliche Bauämter und Pfarreien kennen gelernt." Er ist der Firmenstatthalter - "unser neuer Mann im Osten".

Michael Maurer kauft ein Häuschen in Dalichow. Ein kleiner Garten, ´ne Schaukel für die Tochter, Felder hinterm Haus, nette und hilfsbereite Nachbarn - hier will er leben. Die Leute gefallen ihm. Er hat das Gefühl, zu Hause zu sein. Aus den Spuren lernt er viel über das verschwundene Land, er versteht jetzt die Fernsehbilder von 1989, er entdeckt, dass die Lebenswirklichkeit der DDR und ihre Bewertung durch den Westen zwei sehr verschiedene Schuhe sind. Ist er selbst ein Ossi geworden? "Ja. Das liegt auch an den politischen Umständen. Die Lage hier im Osten, das ist doch Missmanagement und keiner muss sich dafür verantworten."

Im Juni 1994 ging es los. Die Westaufträge blieben weg. Er fährt kreuz und quer durch den Osten, auf der Suche nach Aufträgen, aber der Boom ist vorbei. "Im kalten Wasser bin ich untergegangen." Mit Mühe kommt er ans Ufer, krank vom Stress des Hausumbaus und vor Sorgen, wie es weiter gehen soll. 1996 wird "unser Mann im Osten" arbeitslos.

Eine Erfahrung, die über die Jahre Hoffnung vernichtet. Monatlich schreibt er zehn bis zwanzig Bewerbungen. Ein großer Ordner hebt die Belege der Aussichtslosigkeit auf. Michael Maurer sucht nach Möglichkeiten. Er befasst sich mit Computertechnik, informiert sich über Netzwerke, hat einen Fortbildungskurs beim Arbeitsamt belegt, kennt sich mit Linux und Firewalls aus, bietet einen Computer-Notdienst an, erhält hin und wieder einen kleinen Auftrag. Nicht genug, um davon zu leben. Über eine Ich-AG hat er schon nachgedacht, aber "ich habe keine Lust, mich zu verschulden". Es gibt soviele Dienstleister in der Branche. Keine Chance. "Momentan bin ich finster drauf. Mein Selbstvertrauen ist im Keller." Politiker reden von Wettbewerb und von den wundersamen Kräften zur Heilung einer kranken Gesellschaft. Er frage sich dann immer: Wo endet das? "Dieser Wettbewerb hat zu viele Verlierer. Ich empfinde mich als Verlierer. Ich will Gerechtigkeit."

In der Stadtchronik hat Michael Maurer gelesen, dass Thomas Müntzer im Jahr 1519 die Pfarrstelle in Jüterbog übernommen hatte. Fünf Jahre später schreibt Müntzer in der "Hochverursachten Schutzrede wider das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg" (gemeint ist Martin Luther): "Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein. Wohlhin!"


00:00 27.08.2004

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