Unser soveränes Österreich!!

Reaktionen auf unerträgliche Welten Bislang nie Gezeigtes in der Ausstellung "Schwitters" und Kunstwerke aus der Psychiatrie in der "Sammlung Infeld 2" in Wien

Aus dem tragbaren Kassettenrecorder kommen bloß unverständliche Laute, aber niemand aus der Schulklasse traut sich, das zu sagen. "Man hört nichts raus, keine richtigen Worte", sagt ein Kind schließlich. "Und?" fragt die Dame, die von Berufs wegen Kunst näher bringt, "erinnert euch das an irgendwas in der Malerei?" Sie stoppt das Band und schaut erwartungsvoll in die kleine Runde, nachdem Schwitters´ Stimme verklungen ist. "Kubismus?" rät jemand. "Na", antwortet die Dame, "auf jeden Fall nimmt er sich etwas heraus und kombiniert es neu, das ist schon was Ähnliches." Die Kinder nicken unsicher. "Dieser Kurt Schwitters", fährt sie nach einer kleinen Denkpause fort, "von dem wir reden, war ein Deutscher, der mit seiner Kunst auf eine Welt reagiert hat, die immer unerträglicher wurde."
Diese Aussage fällt nur einige Straßen weit entfernt vom Parlament eines Landes, in dem die an der Regierung beteiligte Freiheitliche Partei gerade fordert, das Asylrecht zu verschärfen und den staatlichen Rundfunk ORF zu privatisieren. Dagegen wirkt es beinahe schon rührend, wenn die Schriftstellerin Elfriede Jelinek im Wiener Standard der "Fratze dieser Regierung" in einem offenen Brief wieder einmal Konturen zu verleihen versucht: "Das ist charakteristisch für die Rechte. Sie schränkt überall ein bisschen Freiheiten und Rechte ein, und wo sie es nicht gleich schafft, probiert sie es sofort woanders, irgendwo." Der Mensch, welcher im ganzen Land das wohl feinste Empfinden für die aggressive Hohlheit der Sprache der Macht hat, wirkt hier selber eigentümlich sprachlos - "eine nicht untersagte Demo von Neonazis auf dem Heldenplatz (na wo denn sonst?!)". Jelinek gelingt es jedoch, dieses verzweifelte Gefühl, gegen die in allen Bereichen überschäumende Dreistigkeit keinen Raum gewinnen zu können, in einem beängstigenden Bild zu fassen: "Vor unseren Augen wird ein unaufhörlich plapperndes Spektakel abgezogen, und unter uns wird derweil der Boden weggezerrt, während wir noch gebannt auf die scheinbar harmlosen Erscheinungen dieser Regierenden starren."
Bevor Schwitters´ Werke in der Nazi-Schau "Entartete Kunst" gezeigt wurden und der dem Dadaismus nahe stehende Künstler in der Folge ins norwegische Exil gehen musste, hatte er in den zwanziger Jahren mit Ausstellungen in Moskau, Berlin, Dresden und Hannover viel Beachtung gefunden. Die Wiener Ausstellung richtet den Blick jedoch nicht nur auf diese Zeit, sondern trägt eine beeindruckende Anzahl von Werken aus allen Schaffensperioden zusammen. Wenn dabei auch der Maler beziehungsweise Collagist Schwitters deutlich im Vordergrund steht, wird doch auch eine Ahnung davon vermittelt, wie vielseitig der ebenfalls als Komponist, Dichter, Schauspieler, Zeitschriften-Herausgeber, bildender Künstler, Typograph und Werbegrafiker Tätige war. Um das weit verästelte künstlerische Leben des 1887 in Hannover Geborenen dennoch fassbar zu machen, greifen die Organisatoren auf das Schlagwort "Merz" zurück. Dieses Konzept kann überzeugen, da das von "Commerzbank" abgeleitete Wort Schwitters von seinen ersten ernst zu nehmenden künstlerischen Anfängen an bis zu seinem Tod begleitet hat. Seit 1918 arbeitete er an "Merzbildern", von 1923 an am ersten "Merzbau" - einer Art begehbarer, grottenähnlicher Raumplastik, die Skulptur und Architektur mit diversen Alltagsgegenständen vereinte und sich über mehrere Zimmer in Schwitters´ Wohnung erstreckte -, von 1923-1932 existierte der "Merz-Verlag", es entstanden Entwürfe zur veränderbaren "Merzbühne" für Theateraufführungen und Hannover wurde zum Standort der "Merz-Werbezentrale". Der erste "Merzbau" fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer, jedoch entstand im Exil noch ein zweiter und ein dritter. Und das Herzasthma, das Schwitters´ Tod 1948 (mit) verursachte, wurde "Merzasthma" getauft. Auch diese Namensgebung entspricht der Definition ihres Schöpfers: "Merz bedeutet, Beziehungen zu schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen dieser Welt."
Viele der gezeigten Exponate sind nicht nur in Wien, sondern überhaupt zum ersten Mal zu sehen. Anhand ihrer Entstehungsdaten lässt sich erkennen, wie geradezu gegensätzlich sich die künstlerischen Phasen zueinander verhalten. Nachdem Schwitters sich von der naturalistischen Malerei befreit hatte, kombinierte er zunächst Papier- und Textilfragmente in Collagen, die stark an den Dadaismus erinnern. Dieser Strömung war er über Künstler wie Hans Arp nahe gekommen. In den zwanziger Jahren zog er dieser Ausdrucksform aber mehr und mehr klare Farbflächen und strenge geometrische Figuren vor. In Norwegen entstanden größtenteils vergleichsweise konventionelle, an den Impressionismus erinnernde Bilder, was damit zusammenhängen mag, dass er in der unsicheren Situation des Exils verstärkt zum Broterwerb malen musste. Als deutsche Truppen 1940 in sein skandinavisches Refugium einmarschierten, zog Schwitters nach England, wo er auch starb. In seinem letzten Lebensjahrzehnt ging er dazu über, historische Werke zu übermalen beziehungsweise mit Holzapplikationen und Zeitungsschnipseln zu überdecken, so bei Das Liebliche Portrait von 1942 und Die Heilige Nacht von Antonio Allegri, gen. Corregio, worked through by Kurt Schwitters von 1947. In einem letzten Raum kann die Ausstellung überzeugend darlegen, wie prägend der Hannoveraner auf spätere Künstler gewirkt hat, auch Gerhard Rühm und Günter Brus, die dem Wiener Aktionismus nahe stehen.
Die Arbeiten von Brus, von Otto Mühl und Arnulf Rainer bilden das Zentrum an bekannten Namen einer kleineren Ausstellung, die im Bezirksamt Margareten zu sehen ist. Der Musiksaitenfabrikant und Kunstsammler Peter Infeld fasst diese Künstler - in Anlehnung an Jean Dubuffet - unter dem Begriff "Art Brut" und stellt sie in unmittelbare Nachbarschaft zu den Werken von Malern, die in der Psychiatrie leben. Deren Bilder sind selten genug zu sehen, weshalb sich die U-Bahn-Fahrt an den Wien-Fluss besonders lohnt. So beeindruckt etwa Johann Garbers Sexi-Blatt von 1994, dessen Grellgrün mit wütenden, dicken Pinselstrichen so stark übermalt wurde, dass es zum Hintergrund geworden ist. Geht man nahe heran, erkennt man aber, dass das noch sichtbare Grün mit einem Netz dünn geschriebener Hass- und Verlangensworte übersät ist: "Loch, Arsch, Tod, Kinderpo, Weibsbusen, ..." Die Verbindung von Sexualität und Schuld spricht auch aus Johann Fischers Unser Austria Österreich! von 1994, das mit Bleistift in Grundschul-Schreibschrift proklamiert: "Dieses sexuelle Vergehen stammt nicht von unseren Österreichern, nicht von unseren Österreicherinnen". Das Bild wird dabei nicht müde, die "Soveränität" des Landes zu rühmen. "Unser soveränes Österreich!! Unser soveränes Vaterland!! Unser soveränes Mutterland!! Unser soveränes Heimatland!! Unser soveränes Österreich!!" Auch in der Arbeit Musik-Musik in unserem schönen Österreich von 1991 ist die Alpenrepublik "Soverän-Subärb-Kollosal-Monumental-Wuchtig!"
1990 wurden die Künstler aus der Landesnervenklinik Gugging für ihre Arbeiten, die inzwischen international anerkannt sind, mit dem Oskar-Kokoschka-Preis ausgezeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass das seit 1981 bestehende Haus der Künstler, in dem die Patienten wohnen und arbeiten, nicht demnächst dasselbe Schicksal erleidet wie der Jugendgerichtshof. Über den Umgang der österreichischen Regierung mit dieser "seit Jahrzehnten bewährten Einrichtung mit einem außerordentlich bewährten Leiter" schreibt Elfriede Jelinek sprachlich treffsicher: "Brauch ma net. Den lösen mir auf. Da schicken mir ein Fax, und weg ist er. Jetzt oder nie, der Herr Jesionek geht jetzt eh in Pension. Zu was brauch ma des."
Das Fragezeichen fehlt. Eh klar. Brauch ma net. Mir fragen nicht, mir machen.

Schwitters: noch bis 16. Juni im Kunstforum Bank Austria, Wien. Informationen unter www.kunstforum-wien.at


Sammlung Infeld 2: noch bis 14. Juni im Bezirksamt Margareten, Wien.
Informationen über das Haus der Künstler unter www.gugging.org

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00:00 10.05.2002

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