Unser täglicher Weltuntergang

Herrschaft Zwischen den mörderischen Taten der Gotteskrieger und dem rasenden Stillstand des Turbokapitalismus leben wir wie gelähmt vor uns hin
Georg Seeßlen | Ausgabe 40/2014 12
Unser täglicher Weltuntergang
Den Weltuntergang vor Augen kann niemand mehr klar und kritisch denken. Wer produziert die Bilder der Apokalypse, für wen und zu welchem Zweck?

Foto: Bernard Meric / AFP / Getty Images

Ist das Ende der Welt nahe? Haben wir es vor lauter Sorgen und Fernsehen gar verpasst? Versuchen wir unsere täglichen medialen Bilder zusammenzusetzen, also all die Barbarei, Ignoranz, Heuchelei und Wahnsinn, würde man auf ihre Rettung wohl nicht mehr viel geben wollen. Aber das Schlimmste ist: Die Bilder passen nicht mehr zusammen, sie erklären nichts und werden von nichts erklärt. Es gibt nicht das eine Bild, wie vielleicht noch das der einstürzenden Twin Towers, stattdessen folgen die Katastrophen und Zivilisationsbrüche immer rascher aufeinander. Ukraine, Syrien, Gaza, Irak, NSA und Ebola. Die Welt geht nun an allen Ecken und Enden unter. Und mit ihr die sogenannten Werte des Westens.

Religionen, Mythen, Literatur und Kino haben sich stets Mühe gegeben, drastische Bilder für das kollektive und selbstverschuldete Verschwinden unserer Spezies zu finden. Paradoxerweise aber haben sich die Verhältnisse schon immer auch umgedreht: Die Welt muss untergehen, damit der Einzelne überlebt. War es der Gerechteste? Oder doch nur der Cleverste? Oder sogar der Verstörteste?

Menschen, die nicht wissen, wie sie leben sollen, wünschen der Welt den Tod. Das ist der Kern von Amoklauf, Terror, Kontrollwahn oder, wenn wir Glück haben, von nur ein bisschen Paranoia. Das magische Narrativ vom Weltuntergang ist immer eine zweischneidige Angelegenheit. Gebildet aus Panik und Wollust, erzählt von Menschen, die sich in ihr rechtfertigen und, nun ja, erlösen wollen. Apokalyptiker sind relativ selten sympathische Zeitgenossen. Die Weltuntergangsidee wird immer dann wirksam, wenn die anderen Ideen ihre sinnstiftende Aufgabe nicht mehr erfüllen können. Apokalypse ist, wenn die Menschen nicht mehr können und die Götter nicht mehr wollen.

Dann treten neben die Katastrophenbilder jene Kriege, die unabwendbar scheinen, weil es so viele gibt, die von ihnen profitieren. Mächtige und Ohnmächtige, solche, die Macht und Reichtum vermehren oder deren Gier zu töten größer ist als die Angst zu sterben. Diese Katastrophen, die immer die Ärmsten treffen, die verzweifelten Fluchtversuche und die unmenschlichen Reaktionen darauf, der Terror, der kein anderes Ziel mehr hat als sich selbst, die Seuchen und der Hunger der Kinder, jene Bilder, die kleiner sind.

Das Modell „Endzeit“ hat viele Nutznießer

Wenn jemand eine gute Zeit hat, derzeit, außerhalb der Finanzdauerblase natürlich, dann sind es Fanatiker, Paranoiker und Kultur- und sonstige Pessimisten. Sie fragen nicht nach der Rettung der Welt, sondern wer oder was die Rettung noch wert wäre. Und ihre Antworten sind furchtbarer als die Katastrophen selbst.

Das rhetorische Modell „Endzeit“ hat indessen viele Nutznießer. Es ist zum einen der große Angstmacher: lähmend und versteinernd. Und somit ist die Vorstellung der Apokalypse nicht nur eine Reaktion auf den Terror, sondern auch sein Ziel, seine Fortsetzung. Der Terror, den der IS so bewusst verbreitet, hat nichts mit Stärke, Vergeltung oder Ritus zu tun, sondern sendet die Botschaft eines Weltuntergangs: Keine Werte, keine Menschlichkeit, nicht einmal eine Ordnung oder Macht.

Der Terrorist verwandelt sich selbst in ein Subjekt des Weltuntergangs. Dass er dazu noch eine religiöse Ausrede braucht, wäre beinahe zweitrangig, wenn es nicht das zweite Element im rhetorischen Modell „Endzeit“ gäbe, nämlich die Entschuldigung. Durch die Verbindung von beidem scheint es möglich, die drohende Endzeit in einen rettenden Endkampf zu verwandeln. Der endzeitliche Krieg zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Regeln und keine Rücksichten kennt, in seinem Alles oder Nichts gibt es auch kaum noch eine Unterscheidung zwischen Freund und Feind.

Die Endzeitkrieger können nur die Welt als solche, den Menschen, vor allem aber das produktive Leben, Frauen, Kinder, Friedfertige, Helfende, Liebende als Feind sehen. Wenn wir uns fragen, warum sich aus den westlichen Gesellschaften so viele junge Menschen eifrig als Kanonenfutter, Propagandainstrumente, Selbstmordkandidaten und lebende Bomben für einen Krieg zur Verfügung stellen wollen, an dem nichts Heiliges ist, dann liegt womöglich auch hier die Antwort: Äußeres Subjekt eines Weltuntergangs werden, den irgendetwas vorher im Inneren angerichtet hat.

Genuss der Weltuntergangsbilder zur Essenszeit

Das „Endzeit“-Modell kann aber auch für Menschen, die weniger mord- und todessüchtig sind, wie eine Droge wirken. In der Fantasie von der „letzten“ Katastrophe heben sich die widerstrebendsten Gefühle auf: Gier und Angst, Vergehen und Strafe, Kontrolle und Freiheit, Sexualität und Unterdrückung, Chaos und Ordnung. Die immergleichen Weltuntergangsbilder – Fluten, Feuer, wilde Horden, die alle Dämme der Zivilisation einreißen, Menschen als Dämonen, die ihresgleichen zerreißen und zerstückeln, die Schändung der Tempel und Kulturgüter – begleiten den Zusammenbruch der Beziehung von Innen- und Außenwelt. Wer die Vernunft bekämpfen will, huldigt den apokalyptischen Bildern.

Auch darum gibt es einen perversen, panischen Genuss der Weltuntergangsbilder, am Beginn des Fernsehabends, zur Essenszeit: Die Welt erklärt ihre Unerklärbarkeit. Draußen herrscht das unbegrenzte Chaos und währenddessen tastet die Datenkrake den Innenraum aus; droht der Terrorist die Unschuldigsten in ihrer Heimat zu treffen; versucht sein Antipode im Krieg gegen den Terror, die Welt in ein Gefangenenlager zu verwandeln. Apokalypse genug?

Es gibt gewiss eine Neigung zu diesem wollüstigen Schmerz. Wenn man niemandem mehr vertrauen kann, ist ein sicheres Ende etwas, an das man sich halten kann. Und doch sollte man nicht vergessen, dass es in den Bildern ökonomische, politische und militärische Interessen gibt. Dass die Lähmung, die von ihnen ausgeht, manchenorts nicht unerwünscht ist. Den Weltuntergang vor Augen kann niemand mehr klar und kritisch denken. Darum ist es durchaus hilfreich, die Bilder der Apokalypse zu dekonstruieren. Wer produziert sie, für wen und zu welchem Zweck?

Natürlich ist das „Endzeit“-Modell auch ein didaktisches Unterfangen: Kehrt um! Bessert euch! So lässt sich die apokalyptische Fantasie vielleicht in eine Art von Läuterung, mit etwas Glück sogar zu einer „letzten Chance“ verwandeln. Möglicherweise auch etwas in der Mitte: Symptom dafür mag in Deutschland der Versuch einer Rechristianisierung der Politik und des Krieges, beziehungsweise einer Repolitisierung und Remilitarisierung des Christentums durch die Gaucks und Schäubles sein. Wir haben uns indes, was ökologische Prozesse anbelangt, an das Wort „unumkehrbar“ vor den katastrophalen Ereignissen gewöhnt. Darin liegt die Katastrophe vor der Katastrophe, in diesem: Es ist zu spät. Wir können nichts mehr machen!

Wirklichen politischen Erfolg haben daher derzeit nur zwei Kräfte: jene, die Methoden, Rhetoriken und Instrumente anbieten, das Apokalyptische in der Welt einfach und konsequent zu verdrängen. Sich in immer kleinere „positive“ Areale zurückziehen, während sie nach Kräften der Welt noch ihre Ressourcen entreißen. Und andere, die direkt oder indirekt auf Transformationen des Weltuntergangs und seiner Bilder entweder in Richtung auf „letzte Chance“ oder, vor allem, in Richtung auf „Endzeitkrieg“ setzen.

Die Reiter der Apokalypse können gar nicht anders, als sich gegenseitig an Grausamkeit und terroristischer Konsequenz zu übertreffen. In gewisser Weise wird die Fantasie der Apokalypse zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Und der Mensch vor die Wahl gestellt, sich die Apokalypse von den falschen Leuten einreden oder von den falschen Leuten ausreden zu lassen.

So wie „die Krise“ zum Dauerzustand von Ökonomie und Verteilungskampf geworden ist, so ist der Untergang zum Normalzustand der Welt geworden. Das apokalyptische Gefühl ist selber zum Herrschaftsinstrument umfunktioniert. Als wäre nichts anderes mehr möglich als die Wahl zwischen „weiter so“ und „sowieso zu spät“, zwischen dem rasenden Stillstand des Turbokapitalismus und der mörderischen Regression der apokalyptischen Terrorkrieger. Die Bilder der Welt im Untergang lähmen den Wunsch, sie zu verändern. Und die Unfähigkeit, sie zu verändern, erzeugt den audiovisuellen Dauerrausch der Apokalypse. Aus dieser Falle muss sich das kritische Denken befreien. Es ist nicht das erste Mal. Und das letzte Mal auch nicht.

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06:00 15.10.2014

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