Unsere gefühlte Freiheit

Widerspruch Am Sonntag erhält der Internetpionier Jaron Lanier den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine falsche Entscheidung
Byung-Chul Han | Ausgabe 41/2014 19
Unsere gefühlte Freiheit
Wo ist jetzt gut, und wo ist böse? Fragt sich auch der Herpetologe
Foto: Francois Guillot / AFP / Getty Images

Jedes Medium hat zwei Gesichter. Es ist sowohl Emanzipationsmedium als auch Herrschaftsmedium. Besonders sichtbar wird diese Doppelbödigkeit des Mediums beim digitalen Medium. Bisher haben wir das digitale Medium vor allem als ein Emanzipationsmedium wahrgenommen, das eine grenzenlose Kommunikation und Informationsfreiheit verspricht. Aber die Überwachungsskandale der jüngsten Vergangenheit und die kritischen Diskussionen zu Big Data zeigen, dass das digitale Medium nun dabei ist, sich als ein sehr effizientes Herrschaftsmedium zu etablieren.

Die Anfänge des digitalen Mediums waren nicht von Dystopismen, sondern von Utopismen beherrscht. Bereits Vilém Flusser, der Medienphilosoph, hatte die Vision des kreativen Schwarms. Mensch-Sein heißt ihm zufolge „Verknüpft-Sein mit anderen, ein gegenseitiges Anerkennen zwecks Abenteuer der Kreativität“. Die digitale Kommunikation soll eine Art Pfingstgemeinschaft hervorbringen, indem sie den Menschen aus dem für sich isolierten Selbst befreit und einen Geist der Nächstenliebe hervorruft. Die digitale Technik ist für Flusser eine Technik der Nächstenliebe. Die digitale Vernetzung ist eine Strategie, die Ideologie des Selbst abzuschaffen zugunsten der Erkenntnis, dass wir einer für den anderen da sind und keiner für sich isoliert ist. Sie soll das Selbst abschaffen zugunsten gegenseitiger Verwirklichung.

Totale Ökonomisierung

Zu jenen Utopisten der digitalen Vernetzung gehört auch der Internetpionier Jaron Lanier. Sein neues Buch Wem gehört die Zukunft? beginnt mit dem Satz: „Bereits als Teenager in den siebziger Jahren wurde ich zum digitalen Idealisten.“ Schuld daran seien die Trommeln der afrikanischen Sklaven gewesen, die als Kommunikationsmittel dienten. Die Sklavenbesitzer fürchteten, dass die Trommeln dazu verwendet werden könnten, Revolten zu organisieren. So verboten sie sie. Jaron Lanier dachte sich dann, die digitalen Netzwerke könnten als Trommeln fungieren, die niemals verboten, niemals zum Schweigen gebracht werden könnten. Er glaubte, dass die digitalen Netzwerke einen Raum freier Kommunikation jenseits der Macht eröffnen würden. Heute ist das Gegenteil eingetreten. Wir leben in einem digitalen Panoptikum, in dem keine Freiheit möglich ist. Die digitale Vernetzung hat eine Gesellschaft totaler Überwachung hervorgebracht.

Das Urteilsvermögen von Jaron Lanier ist offenbar sehr begrenzt. Ihm bleibt die Janusköpfigkeit des digitalen Mediums verborgen. In seiner Naivität lag er vollkommen falsch mit seiner Vision der freien, grenzenlosen Kommunikation im Netz. Angesichts der Internetmonopole wie Google und Facebook, die uns ausbeuten, uns einer digitalen Leibeigenschaft unterwerfen, bietet Jaron Lanier nun eine Lösung an. Sie ist wieder verblüffend und grandios naiv. Er schlägt vor, ein universales System der Mikrozahlung aufzubauen, das uns für die von Großkonzernen genutzten, von uns generierten Daten belohnt. Dadurch soll die verloren gegangene Machtsymmetrie wiederhergestellt werden. Wir liefern unsere Daten nicht mehr als kostenlosen Rohstoff an die Großkonzerne. Vielmehr werden wir bezahlt für Daten und Informationen, die wir generieren. Dadurch glaubt Lanier, jene Mittelschicht retten zu können, die durch die zunehmende digitale Automatisierung der Produktionsverhältnisse in ihrer Existenz bedroht sei. Auch diese Vision wird sich als grundfalsch erweisen.

Byung-Chul Han, geboren 1959 in Seoul, gehört zu den momentan meistrezipierten deutschsprachigen Philosophen und Essayisten der Gegenwart.

Die hier abgedruckte Rede hielt Han, der als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Berliner Universität der Künste arbeitet, am Dienstagabend auf dem Empfang des Freitag zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

Jaron Laniers abstruse Idee der Mikrozahlung würde zu einer totalen Ökonomisierung des Lebens, zu einer totalen Unterjochung der Kommunikation unter das Kapital führen. Wir würden dann in einer Welt leben, die schlimmer wäre als die heutige. Es gäbe nichts, das sich der Logik des Geldes entzöge. Dieses System der Mikrozahlung stellt weder unsere Freiheit noch unsere Souveränität wieder her, die bedroht sind durch das digitale Panoptikum. Es lässt vielmehr das digitale Panoptikum und den Markt in eins fallen. Das Problem, das wir heute mit dem Internet haben, lässt sich nicht ökonomisch lösen. Es ist vor allem ein politisches Problem. Die Politik überlässt die Digitalisierung der Gesellschaft der Ökonomie. Es findet keine politische Steuerung statt. Die weitgehende Untätigkeit der Politik, ja deren Lähmung ist der eigentliche Skandal.

Die grenzenlose Freiheit und Kommunikation, die das digitale Medium versprach, schlagen in totale Kontrolle und Überwachung um. Auch von der Transparenz versprachen wir uns zunächst mehr Demokratie, mehr Informationsfreiheit und Vertrauen. Vertrauen ist aber nur möglich in einem Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Vertrauen heißt, trotz Nichtwissen eine positive Beziehung zu einem anderen aufzubauen. Es macht Handlungen möglich trotz fehlenden Wissens. Weiß ich im Vorfeld alles, so erübrigt sich das Vertrauen. Die Transparenz ist ein Zustand, in dem jedes Nichtwissen eliminiert ist oder eliminiert sein soll. Wo die Transparenz herrscht, ist kein Raum für das Vertrauen vorhanden. Statt „Transparenz schafft Vertrauen“ sollte es eigentlich heißen: „Transparenz schafft Vertrauen ab.“ Die Forderung nach Transparenz wird gerade da laut, wo es kein Vertrauen mehr gibt. In einer auf Vertrauen beruhenden Gesellschaft entstehen gar nicht erst penetrante Forderungen nach Transparenz. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens und des Verdachts, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. Die heutige Kontroll- und Transparenzgesellschaft weist eine besondere panoptische Struktur auf.

Digitale Kontrollgesellschaft

Die Effizienz der digitalen Überwachung besteht darin, dass sie sich als Freiheit gibt. Kontrolle und Freiheit bilden heutzutage überhaupt keine Gegensätze mehr. Die Insassen des Bentham’schen Panoptikums wurden zum Disziplinierungszweck voneinander isoliert und dürfen nicht miteinander sprechen. Die Bewohner des digitalen Panoptikums hingegen kommunizieren intensiv miteinander und entblößen sich freiwillig. Darin besteht die Effizienz des digitalen Panoptikums.

Die digitale Überwachungsgesellschaft folgt genau der Logik der Leistungsgesellschaft. Das Leistungssubjekt ist frei von äußerer Herrschaftsinstanz, die es zur Arbeit zwingt und ausbeutet. Der Wegfall dieses disziplinarischen Zwanges führt aber nicht zu einer wirklichen Freiheit und Zwanglosigkeit, denn das Leistungssubjekt beutet nun sich selbst freiwillig aus. Der Ausbeutende ist gleichzeitig der Ausgebeutete. Täter und Opfer fallen hier in eins. Das sich selbst ausbeutende Leistungssubjekt ist Herr und Knecht in einer Person. Die Selbstausbeutung ist effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie vom Gefühl der Freiheit begleitet wird.

Diese Logik liegt auch der digitalen Kontrollgesellschaft zugrunde. Die freiwillige Selbstausleuchtung und Selbstentblößung sind effizienter als die Fremdausleuchtung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergehen. Diese gefühlte Freiheit ist der Grund, dass wir kaum gegen die Totalüberwachung protestieren. Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Vielmehr macht sie von der Freiheit Gebrauch.

In den 80er Jahren hat man heftigst gegen die Volkszählung protestiert. Aus heutiger Sicht wirken die notwendigen Angaben wie Beruf, Schulabschluss oder Entfernung zum Arbeitsplatz fast lächerlich. Es war eine Zeit, in der man sich dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüber sah, der den Bürgern gegen deren Willen Informationen entreißt. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute entblößen wir freiwillig. Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht.

Jedes Dispositiv, jede Herrschaftstechnik bringt eigene Devotionalien hervor, die zur Unterwerfung eingesetzt werden. Sie materialisieren und stabilisieren die Herrschaft. Devot heißt unterwürfig. Das Smartphone ist eine digitale Devotionalie, ja die Devotionalie des Digitalen überhaupt. Die Herrschaft steigert ihre Effizienz, indem sie die Überwachung an jeden Einzelnen delegiert. Das Smartphone als effektiver Überwachungsapparat ist ein mobiler Beichtstuhl. Beichten war eine sehr effektive Herrschaftstechnik. Wir offenbaren unsere Seele bis in den verborgensten Winkel hinein. Wir beichten weiter und zwar freiwillig. Die Angst vor Hölle und Verdammnis ist dem illusorischen Gefühl der Freiheit gewichen, das aber die Herrschaft noch effizienter macht. Das Smartphone setzt die „sakrale Herrschaft des Beichtstuhls“ (Ernst Troeltsch) in digitaler Form fort.

Was können wir tun? Wie können wir unsere Freiheit, unsere Souveränität wieder zurückgewinnen? Es macht keinen Sinn, gegen das digitale Medium zugunsten des alten Mediums zu opponieren. Das digitale Medium ist das Medium der Zukunft. Niemand kann sich dieser Gewissheit entziehen. Es ist weder möglich noch sinnvoll, das alte Medium zu reaktivieren. Es ist wieder daran zu erinnern, dass jedes Medium ein Befreiungsmedium ist, dass das digitale Medium weiterhin ein großes Emanzipationspotenzial besitzt, das durch Herrschaftsinstanzen immer mehr zurückgedrängt wird. In der Janusköpfigkeit des Mediums liegen nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, das Emanzipationspotenzial des digitalen Mediums zu verteidigen. Die digitale Psychopolitik bemächtigt sich heute unserer Psyche und liefert sie totaler Kontrolle und Steuerung aus. Die heutige Kontrollgesellschaft schreitet von bloßer Überwachung zu aktiver Steuerung der Psyche fort. Was müssen wir tun? Der Kampf für die Freiheit ist noch nicht entschieden. Die Chancen, die Freiheit wiederzuerlangen, liegen im digitalen Medium selbst. Wir müssen das Emanzipationspotenzial des digitalen Mediums wieder aktivieren und gemeinsam digitale Strategien der Freiheit entwickeln.

06:00 09.10.2014

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