„Unsere Identität ist okay“

Interview Der US-amerikanische Bestsellerautor Jonathan Safran Foer ringt mit seiner Rolle als Vater und mit Loyalitätsfragen

Jonathan Safran Foers Geschichten handeln von Katastrophen. In seinem ersten Roman Alles ist erleuchtet schrieb er 2002 über den Holocaust, da war er 25 Jahre alt. Drei Jahre später folgte der 9/11-Roman Extrem laut und unglaublich nah. Beide Bücher wurden verfilmt. Elf Jahre schrieb Foer keinen Roman mehr. In der Zwischenzeit hat er zwei Kinder bekommen, war zehn Jahre verheiratet und ist wieder geschieden, er wurde Vegetarier und hat darüber das Sachbuch Tiere essen geschrieben. In Berlin hat er nun seinen dritten Roman Hier bin ich vorgestellt, in dem ein Erdbeben den Nahen Osten erschüttert.

der Freitag: Herr Foer, Sie haben vor acht Jahren für ein paar Monate in Berlin gelebt. Haben Sie hier einen Lieblingsort?

Jonathan Safran Foer: Also, es gab mal einen Ort, den ich sehr gemocht habe, der hieß Dr. Pong. Das war eine Art Tischtennisbar, ein Musikclub. Ich weiß allerdings nicht, ob es den noch gibt.

Den gibt es noch, bei mir um die Ecke in Prenzlauer Berg. In Ihrem neuen Roman geht es um die Suche nach dem Gefühl, geborgen, zu Hause zu sein. Die Geschichte spielt vor allem in Washington, wo Sie selbst aufgewachsen sind. Inzwischen leben Sie in New York. Wie ist Ihre Beziehung zu diesen Städten?

Washington liebe ich. Ich hatte dort eine tolle Kindheit. Auf eine bestimmte Weise wünschte ich, ich wäre dort. Aber wissen Sie, ich habe an einem gewissen Punkt die Entscheidung getroffen, in New York zu leben, und hier werde ich bleiben. New York ist das Gegenteil von langweilig.

Sie mögen es nicht langweilig?

Es gibt auch eine Zeit und einen Ort für Langeweile.

In Ihrem Roman muss sich eine Familie in Washington entscheiden, wie sie zu Israel steht, als ein Erdbeben im Nahen Osten zu einem internationalen politischen Konflikt führt. Viele Juden auf der ganzen Welt empfinden gegenüber Israel Heimatgefühle. Wie ist das bei Ihnen?

Israel ist kompliziert. Ich habe eine besondere Verbindung dazu, es ist für mich nicht nur irgendein Ort. Offensichtlich habe ich mich entschieden, nicht dort zu wohnen. Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Das Ringen mit der Politik, zumindest der derzeitigen Regierung, ist problematisch. Es ist eine Herausforderung, meine verschiedenen miteinander konkurrierenden Gefühle der Treue und Loyalität mit meinen liberalen und weltlichen Werten auszubalancieren. Darüber habe ich in meinem Roman geschrieben.

Zur Person

Jonathan Safran Foer, 39, ist der Enkel von Holocaust-Überlebenden. Er studierte Philosophie und Literatur in Princeton. Seit seinem Debüt Extrem laut und unglaublich nah (2002) zählt er zu den wichtigsten zeitgenössischen US-Autoren

Sie haben einmal gesagt, Katastrophen zwängen uns dazu, Entscheidungen zu treffen und eine Identität zu wählen.

„Katastrophe“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, so etwas kann auch passieren, wenn etwas Gutes geschieht. „Schlüsselmoment“ trifft es besser. Vater zu werden war für mich so ein Moment, der extremste, der mir einfällt. Man muss sich entscheiden, wie man in Zukunft seine Zeit verbringen möchte. Bevor man ein Kind hat, widmet man sie vor allem sich selbst. Danach kann man so weitermachen wie zuvor, oder man konzentriert sich selbstlos auf die Kindererziehung. Oder man findet einen Zwischenweg. Das ist etwas, womit ich immer noch ringe.

Seit 2014 sind Sie von Ihrer Frau, der Schriftstellerin Nicole Krauss, geschieden. Auch in Ihrem Buch lassen sich die Eltern scheiden. Dennoch betonen Sie, dass „Hier bin ich“ nicht autobiografischer sei als Ihre anderen Romane. Wie sehr war Ihre Scheidung unbewusstes Material, das sich ins Buch geschlichen hat?

Puh, die Natur des Unbewussten ist ja, dass wir es nicht wissen. Aber vieles von dem Scheidungsmaterial habe ich geschrieben, bevor ich geschieden war. Daher ist es unmöglich, dass mein Leben mein Schreiben beeinflusst hat. Ich schreibe nicht über mein Leben – nicht, weil ich glaube, dass es falsch ist, es wäre voll in Ordnung. Es fesselt mich nur nicht. Ich mag es, mein Leben zu leben, und ich mag es, mithilfe meiner Fantasie zu schreiben. Es gibt allerdings eine kleine Verbindung, und zwar über die Figur des Großvaters, der in vielerlei Hinsicht meiner Großmutter ähnelt, und über verschiedene Dinge zur Kindererziehung. Nicht unbedingt die Emotionen oder Erfahrungen, aber einfach Details, etwa, wie sich ein Kinderwagen zusammenfalten lässt oder was für eine Creme man benutzt ... ich könnte 100 Beispiele nennen. Diese spezifischen Dinge habe ich aus meinem Leben geborgt.

Die Charaktere in Ihrem Buch sorgen sich sehr um ihr Aussehen. Pickel, eine Glatze oder Hängebrüste – sie entwickeln Rituale, um dem entgegenzuwirken. In meiner Wahrnehmung neigen Menschen dazu, sich mehr für ihre Körper zu schämen als für moralisches Fehlverhalten wie eine andere Person zu belügen, Kleidung zu kaufen, die von Kindern hergestellt wurde, Fleisch aus Massentierhaltung zu essen.

Ich glaube, Sie haben absolut recht damit, dass wir unsere Scham falsch platzieren. Genauso, wie wir oft unsere Wut an die falschen Stellen setzen, aber auch unseren Respekt und unsere Liebe, das betrifft nicht nur negative Emotionen. Ich habe darüber viel im Zusammenhang mit der Wahl nachgedacht. Ich habe liberale Freunde, die total ausrasten bei dem Gedanken, Trump könnte das Klimaschutzabkommen von Paris oder das Kyoto-Protokoll boykottieren. In Wirklichkeit haben doch die Entscheidungen, die sie in ihrem alltäglichen Leben treffen, zum Beispiel Fleisch zu essen, einen viel größeren Einfluss auf die Umwelt als irgendetwas, das ein Präsident tun könnte oder würde. Man könnte also sagen: Hey, wenn du dein lustiges Plakat machst und am Times Square protestieren gehst, solltest du auch erwägen, Veränderungen in deinem Alltag vorzunehmen, die einen echten Effekt auf die Umwelt haben.

Sie haben nicht damit gerechnet, dass Trump Präsident wird, oder?

Trump hat nicht erwartet, dass Trump Präsident wird.

Würden Sie seine Wahl als Katastrophe bezeichnen? Wird seine Präsidentschaft die US-amerikanische Identität verändern?

Die eigentliche Katastrophe ist, dass wir nicht genau wissen, mit welcher Katastrophe wir es zu tun haben und welche Ausmaße sie hat. Was die US-amerikanische Identität angeht: Sie ändert sich nicht über Nacht und auch nicht im Zuge der nächsten vier Jahre. Für Hillary haben drei Millionen Amerikaner mehr gestimmt als für Trump – das ist die amerikanische Identität. Und demografisch gesehen, wächst die Zahl der Menschen, die für Hillary gestimmt haben: Es gibt immer mehr Menschen, die einen Collegeabschluss haben, in Städten leben und mehrere Sprachen sprechen. Die Wählerschaft von Trump nimmt ab. Ich glaube, die US-Identität ist eigentlich ganz in Ordnung. Was sich dramatisch verändern wird, sind die Wahrnehmung Amerikas und die US-Agenda. Und das sind Dinge, die wirklich amerikanische Ideale und Ängste formen können.

Welche Rolle spielt Trump für Sie als Schriftsteller?

Ich versuche gerade einen neuen Roman zu schreiben, finde aber nur langsam meinen Weg hinein. Ob ich über Trump schreibe, weiß ich nicht. Ich schreibe letztendlich nie über das, wovon ich dachte, ich werde darüber schreiben.

06:00 22.02.2017

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