Unsere Zeit gehört uns!

Revolution Unser Zeitmanagement gehorcht noch immer dem Takt der Maschinen, obwohl das Industriezeitalter längst vorbei ist und wir eigentlich in einer Wissensgesellschaft leben
Stephan Lessenich | Ausgabe 21/2013 8

Es ist schon seltsam: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den reichen Ländern der Welt steigt beständig weiter an. Und doch ist die Klage über strukturelle wie akute Zeitnöte hier geradezu allgegenwärtig. Wer von uns führt sie nicht auch selbst?

Die Tage sind demnach so voll, dass man wieder nicht alles oder „gar nichts“ geschafft hat. Der Sommer so kurz, dass er schon wieder vorbei ist, ehe er überhaupt richtig angefangen hat. Das Leben so schnell, dass man den richtigen Zeitpunkt – fürs Kinderkriegen, Umschulen, Umdenken – eigentlich schon verpasst zu haben meint.

Die Zeit rennt, fließt, zerrinnt uns zwischen den Händen: Sicher, das Gefühl gab es auch schon früher. Dass Zeitarmut aber zum Zeichen der Zeit geworden ist, dass der Zeitnotstand von vielen Menschen empfunden wird und dass dies hier bei uns geschieht, also in Ländern, in denen es jedenfalls im Prinzip so viele Möglichkeiten gibt, sein Leben zu gestalten, wie nie zuvor – das ist historisch doch neu.

Alles andere als neu ist hingegen die Tatsache, dass soziale Zeitstrukturen und die persönliche Art und Weie, wie man mit seiner Zeit umgeht, immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse sind. Das noch aus der Industriezeit – also mit Schichtarbeit und Maschinen und Ähnlichem verbundene – stammende Zeitregime hat dabei bis heute überlebt. Selbst unsere reichen, vermeintlich postindustriellen Wissensgesellschaften sind bis auf den heutigen Tag ganz wesentlich von jenem gar nicht mehr existierenden Takt der Maschinen geprägt. Das ist ein überaus handgreifliches Instrument der Herrschaft.

Denn es greift rigoros in den Lebensalltag der Leute ein. Kinder, die auch heute noch – niemand weiß mehr so recht warum – zu eigentlich nachtschlafender Zeit in die Schule gehen müssen, können als kleine Symbolfiguren einer institutionalisierten Tagesstruktur gelten, in der die industrielle Welt noch arg lebendig ist.

Wir sind stets erschöpft

Hinzukommt, dass in jenen gesellschaftlichen Schichten und Milieus, die den Ton angeben, weil sie erfolgreich sind, Zeitnot zu einem der wichtigsten Bestandteile der Selbstinszenierung geworden ist. Wer hier etwas auf sich hält, für den ist Zeit ein knappes Gut. Zeitnot ist bei den Besserverdienenden zum Statussymbol geworden – wer mit der Zeit geht, hat keine. Und wer einen tollen Job hat, auch nicht.

Aber das ist noch nicht alles, dieses Szenario ist noch nicht vollständig. Denn obendrein greift die Zukunft ständig die Gegenwart an, unterminiert sie, spült sie aus. Unsere Nachhaltigkeitsdebatten werten im Kern künftige Zeiten gegenüber der Gegenwart auf.

Dieser Prozess lässt sich als ein weiterer zeitpolitischer Herrschaftsmechanismus verstehen: Die Kultur des modernen Kapitalismus zielte schon immer auf den Belohnungsaufschub statt auf eine sofortige Bedürfnisbefriedigung. Die abstrakte Vorstellung, dass wir durch gegenwärtigen Verzicht nachfolgenden Generationen gleichsam „Zeit erkaufen“ könnten, wird gegen die realen Wünsche und Möglichkeiten ausgespielt, ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt zu führen. Ein erfülltes Leben, zu dem wesentlich auch die Verfügung über unsere Zeit, ihre effektive Aneignung und Wiederaneignung gehören würde.

Lebensweltlich betrachtet ist die Sache klar: Fragt man ältere Menschen danach, was ihnen der „Ruhestand“ bedeutet, so nennen sie zuallererst ihre Befreiung aus dem Zeitkorsett der Erwerbsarbeit. Ausschlafen können, lange frühstücken, dabei Zeitung lesen oder sich in Ruhe mit dem Partner unterhalten – das sind die immer wieder und stets in gleicher Weise bekundeten kleinen Freuden des Nacherwerbsalltags.

Die Wünsche lassen sich ohne Weiteres nachvollziehen: Träumen wir nicht alle von einem geruhsamen, stressfreien Start in den Tag? So klein sind diese Freuden denn auch gar nicht, stehen sie doch für die Selbstbestimmung der Alltagszeit, für die Unabhängigkeit von fremdgesetzten Zeitregimes, für die bei genauerer Betrachtung durchaus große Macht, Herr über seine eigene Zeit zu sein.

Es handelt sich um eine wirkliche Machtressource, wenn man über seine Zeit frei verfügen kann. Wer nicht nur „Zeit hat“, sondern auch die Mittel, um mit ihr nach eigenem Gutdünken zu verfahren, kann sein Leben selbstbestimmt führen. Dass diese Überlegung so selbstverständlich erscheint, spricht für die überragende alltagspraktische Bedeutsamkeit der Zeit. Zeitmangel wird allseits als negativ erfahren, die Vorstellung von „freier Zeit“ ist durchweg positiv konnotiert.

Andererseits erscheint eine wirkliche persönliche Verfügungsmacht über die eigene Zeit utopisch. Das hat kulturbedingte Gründe: Die „enteignete Zeit“, wie der Soziologe Oskar Negt einmal schrieb, wird als institutionell zementierte Normalität empfunden. Auch wenn wir mal Zeit haben – sie gehört eben nicht uns, sondern erscheint uns letztlich immer als geliehen: vom Betrieb, wenn wir „Urlaub nehmen“ oder „früher“ gehen; von Freunden und der Familie, wenn wir „zu spät“ kommen oder nur „kurz angebunden“ sind; oder aber von uns selbst, wenn uns nach einer Zeit des „Abhängens“ das schlechte Gewissen oder gleich nach Beginn einer „Auszeit“ die große Leere ereilt.

Wir leben nur einmal

All dies sind Symptome dafür, wie unwirklich – wie unendlich weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt – uns die Idee freier Verfügbarkeit über die eigene Zeit erscheint. In der Folge nimmt auch ihre effektive Wiederaneignung utopische Züge an. Und doch ist es genau diese Utopie, die es zu denken gilt und nach der es zu handeln gälte. Man müsste sich das jeden Tag auf der Zunge zergehen lassen: Wir leben nur einmal. Unsere Lebenszeit ist begrenzt, unsere Tage sind gezählt, unsere Uhr tickt – was läge da näher, als uns die Zeit, die wir haben und die uns bleibt, auch tatsächlich zu eigen zu machen? Was spricht dagegen, zu Zeitrevolutionären zu werden, also unser eigenes Zeitregime und das dieser Gesellschaft zu revolutionieren?

Revolutionen beginnen bekanntlich im Kleinen. Die anstehende Zeitrevolution könnte zum Beispiel – wie schon angedeutet – bei den Kleinen beginnen: Fürsorglich-selbstbewusste Eltern weigern sich, um sechs Uhr morgens aufzustehen und ihre Kinder aus dem Schlaf zu rütteln, nur damit sich diese zeitgleich mit schlaftrunkenen Schichtarbeitern auf die Straße begeben und in aller Herrgottsfrühe auf Lehrerinnen treffen, die ebenfalls zu wenig Schlaf bekommen haben.

Die Angestellten der Marketingabteilung eines nach eigener Aussage arbeitnehmerfreundlichen Unternehmens verweigern systematisch die gängige Überstundenpraxis und verlassen pünktlich um fünf das Büro, um in der Kneipe nebenan ihren Frust über die ausufernden Arbeitszeiten auszutauschen. Die Deutsche Bahn gibt öffentlichkeitswirksam ihre Pünktlichkeitsoffensive auf, sieht grundsätzlich längere Umsteigezeiten vor, gestaltet ihre Bahnhöfe von Tempeln der Hetze in Oasen des Verweilens um und trägt durch radikale Fahrpreissenkung dazu bei, dass „Entspannt ankommen“ vom Werbeslogan zum Lebensgefühl mutiert.

Doch zur Revolution der Lebensverhältnisse einer ganzen Gesellschaft braucht es mehr als einige Avantgardisten, die mal hier, mal dort die Zeitstruktur des Alltags subversiv unterwandern. Darüber hinaus müssen sich die Annahmen darüber ändern, was in sozialen Zeitfragen „normal“ ist beziehungsweise sein soll. Dazu kann subversives Handeln allerdings durchaus viel beitragen.

Warum nutzt diese Gesellschaft ihre immensen Potenziale wirtschaftlicher Wertschöpfung nicht, um radikal die Arbeitszeit zu verkürzen? Warum werden die Versprechungen individueller Autonomie, die in dieser Gesellschaft so hochgehalten werden und angeblich so wichtig sind, nicht endlich einmal dazu herangeführt, die Menschen dazu zu bewegen, über ihre eigene Zeit individuell und selbstbestimmt zu verfügen? Warum gibt es eine breite soziale Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, nicht aber eine ähnlich massive Mobilisierung für eine garantierte Grundzeit?

Weil wir alle sozialisiert, ideologisiert und infiziert sind vom Zeitenteignungs- und -ausbeutungsregime der industriellen Erwerbsarbeit. Sogar die bereits beschriebenen Älteren, die sich über kaum etwas mehr freuen als über die späte Entlassung aus den erwerbsbedingten Zeitzwängen, sind gleichwohl getrieben von einer Betriebsamkeitslogik: „Rentner haben niemals Zeit“, hieß nicht zufällig eine in den späten siebziger Jahren entstandene DDR-Fernsehserie. Sie nahm die emanzipatorischen Ideale der „arbeiterlichen Gesellschaft“, wie Wolfgang Engler die DDR nannte, im Osten Deutschlands aufs Korn – am frühen Samstagabend, wohlgemerkt.

In einem alternativen, die Menschen wahrhaft befreienden und zu Gestaltern ihres eigenen Lebens erhebenden Zeitregime hätten wir nicht nur nach dem Erwerbsleben, sondern auch davor und währenddessen gewissermaßen „immer“ Zeit. Wir könnten immer selbst über unsere Alltags- wie über unsere Lebenszeit verfügen. Wir könnten unser Zeitbudget – in den für die Sicherstellung der gesellschaftlichen Reproduktion gebotenen Grenzen – situationsabhängig in „Arbeitszeit“ und „Freizeit“, in Zeit für uns selbst und sozial verbrachte Zeit aufteilen. Wir wären – für uns wahrlich unvorstellbar – zeitsouverän.

Wir haben Angst

Warum erscheint uns die Vorstellung eines solchen Zeitregimes aber so utopisch? Haben wir etwa Angst vor dieser „freien“ Zeit? Weil – wie bei jeder Utopie – herrschende Interessen sich gegen die Veränderungen stemmen und eine grundlegende zeitpolitische Umgestaltung wahrscheinlich massive soziale Konflikte heraufbeschwören würde.

Die Befreiung aus den Zeitzwängen der spätindustriellen Erwerbsgesellschaft kann gleichwohl niemals nur eine Frage des je individuellen Umgangs mit ihnen sein. Selbstverständlich haben all jene heute strukturell bessere Chancen auf eine Flucht aus der persönlichen Zeitnot, die über mehr Geld verfügen und einen besseren Job haben.

Sie sind in der Lage, sich ein Sabbatical ausbedingen, leisten und erholsam gestalten zu können. Diese Möglichkeit dürfte etwa alleinerziehenden Müttern, teilzeitbeschäftigten Kassiererinnen oder pflegenden Schwiegertöchtern aus je unterschiedlichen, aber allemal strukturanalogen Gründen praktisch verwehrt bleiben.

Die Wiederaneignung der Zeit wird daher – bei aller daraus resultierender individueller Freiheit – von Anfang bis Ende eine kollektive Aufgabe sein und bleiben.

Wir leben nur einmal – aber die Gesellschaft lebt weiter. Deshalb wird es nicht reichen, nur die eigene Lebensqualität im Blick zu haben, sondern diese immer als ein Effekt auch der Lebensqualität aller anderen zu verstehen. Daher gilt es, nicht nur die gegenwärtige Zeit gegen den Zangenangriff von industrieller Vergangenheit und einer imaginierten Zukunft zu verteidigen, sondern auch die Chancen der Verfügbarkeit über die eigene zeitgleich zu verteilen. Es ist also Zeit für einen Zeitenwandel.

Stephan Lessenich ist ein bedeutender Soziologe. Der Professor an der Universität Jena ist auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und forscht zu den Themen Wohlfahrtsstaat, sozialer Wandel und Soziologe des Alters und Alterns. Man kann annehmen, dass Lessenich zu viel arbeitet

 

01:00 05.06.2013

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