Unserer Sicherheit zuliebe

Un-sicherheit Im Teufelkreis einer neuen Ordnung der Angst

Sicherheit! Sie scheint uns jedes Opfer wert. 50 Milliarden DM für Rüstung jedes Jahr in Deutschland, die Stärkung der "Kampfkraft" der Bundeswehr zum "Eingreifen" überall auf der Welt, 120 Milliarden Dollar für einen Raketenschutzschild der USA - uns gilt das alles immer noch für "Verantwortung", "Staatsräson", "Bündnistreue" und was sonst. Leute, die dieser verordneten Einheitsmeinung der "Ordnung" widersprechen, riskieren inzwischen wie jener friedlich gesonnene Lehrer in Siegen sofortige Kündigung wegen "Störung des Schulfriedens". Man merke: Friede - das ist die Bereitschaft zum Töten auf Befehl, die permanente Fähigkeit zu massiven "Vergeltungsschlägen", die allgemeine Akzeptanz maximaler Tötungskapazität. Seit den Schrecknissen des 11. September wird die Militarisierung der deutschen Außenpolitik geradezu hektisch voran getrieben - wenn nur endlich die Amerikaner von Kanzler Schröders Angeboten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus Gebrauch machen wollten! Es täte der Wehrbereitschaft der Deutschen - und der darbenden Rüstungslobby - so gut! Doch was ist das, was wir da mit allen Mitteln produzieren?

Sicherheit? Nie hat sich die Welt so dicht am Abgrund befunden wie heute. Wie denn auch nicht, wenn wir uns stetig weigern, an die wirklichen Probleme der Welt auch nur zu rühren? 1963 versprach die Bundesrepublik, für Entwicklungshilfe 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes bereitzustellen. Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass allein vier Prozent für die Werbung zur "Belebung" eines überfüllten Marktes ausgegeben werden. Doch wer würde glauben, dass wir von dieser Zusage in 38 Jahren nicht einmal die Hälfte einzuhalten gewillt waren? 0,4 Prozent - das war das Äußerste. Dabei sterben jährlich über 50 Millionen Menschen an Hunger. Die Hälfte unserer Militärausgaben würde auslangen, sie am Leben zu halten, doch eben dazu kommen wir nicht, unserer "Sicherheit" zuliebe. Derweil staut sich an den Rändern unseres Wohlstandes das Elend, wächst die Gewalt, wächst die Verzweiflung. Kommen die Menschen dann auf der Flucht vor dem Nichts zu uns, definieren wir sie als Wirtschaftsasylanten, die keinen Aufenthalt verdienen. Wir schließen europaweit die Grenzen, ganz als könnten wir nach dem verfehlten Vorbild der Römer einen Limes gegen die Völkerwanderung des Elends errichten. Nur, jeder weiß, dass es so auf Dauer nicht gehen wird.

Mit unserem militärisch definierten Sicherheitsdenken suchen wir uns erkennbar gegen die Folgen dessen zu schützen, was wir durch unser Verhalten selber anrichten. Wir bekämpfen die Symptome einer Krankheit, deren Ursachen wir mit unserer Fixierung auf die Symptome nur mehr verbreiten. Dabei stünde der Ausweg aus diesem Teufelskreis scheunentorweit offen.

Ein Beispiel: Mitte des 19. Jahrhunderts brach in Irland eine schwere Hungersnot aus. Zwei regennasse Sommer hatten die Kartoffeln in der Erde verfaulen lassen, so dass es nicht einmal mehr Saatgut zum Bestellen der Felder gab. Das Elend war unbeschreiblich. In dieser Lage hätten die Briten sich daran erinnern können, dass sie ein ganzes Weltimperium aufgebaut hatten, um über Nahrungsmittel jeder Form und Menge im Überfluss zu verfügen. Ein Weniges hätte genügt, um Menschen der gleichen Sprache und im Grunde gleichen Kultur großzügig zu helfen. Statt dessen stellte man sich auf den Standpunkt, die Iren seien von Natur aus nichts anderes als notorische Faulenzer und Whisky-Säufer. Man kaufte ihre Ländereien auf, man trieb sie von Haus und Hof - das geschah vor über 150 Jahren, aber es hat sich in die Seelen der Menschen eingefressen, bis heute. Es hat die eher unwesentlichen Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten mit sozialem Sprengstoff aufgeladen und sogar die Religion in eine Ideologie der Unversöhnlichkeit verwandelt. Seit Jahrzehnten bekämpft nun Großbritannien, das sich im Kampf gegen den internationalen Terror derzeit in die vorderste Reihe drängt, den Terror vor der eigenen Haustür.

Was lernen wir daraus? Man könnte die Ursachen vieler Formen von Terrorismus relativ leicht ausschalten. Die Gewalt der Verzweiflung, die sich in der Ersatzsprache des Terrors artikuliert, lässt sich nicht mit militärischen Mitteln "eliminieren".

Oder nehmen wir ein Land wie Nordkorea. In den Augen der US-Administration bisher das Musterstück eines "Schurkenstaates", gegen den sich die superteure Raketenabwehr der USA richten soll. Doch in diesem angeblich Raketen starrenden, den Weltfrieden bedrohenden Staat sind in den vergangenen Jahren fast eine Million Menschen verhungert. Was wäre, wir würden ein einziges Mal demonstrieren, dass es uns nicht um wirtschaftliche oder geostrategische Vorteile geht, sondern dass uns an Menschen gelegen ist, denen wir ohne Gegenforderung ganz einfach helfen? Wir hätten gewiss für lange Zeit statt eines unberechenbaren "Gegners" einen zuverlässigen Freund gewonnen. Und wie viele solcher Beispiele gibt es rund um den Globus?

Selbst im Inneren wachsen die Spannungen. Ist vielleicht dein ausländischer Nachbar ein "Schläfer"? Schon sind wir Sinnes, die Kontrolle der Bürger bis an die Grenzen des perfekten Überwachungsstaates zu treiben. Abhöranlagen, Fingerabdrücke, bald womöglich gespeicherte Gen-Dateien, Aufhebung des Bankgeheimnisses - keine Diktatur der Vergangenheit hielt ihre Untertanen derart im Griff wie die Angstordnung, die wir uns derzeit selbst erschaffen.

Doch sicherer werden wir mit all dem nicht. Sicher sein können wir einander nur, wenn wir es lernen, solidarisch miteinander zu leben und anderen Rechte zuzugestehen, die ihnen - jenseits des Egoismus der eigenen Bezugsgruppe - objektiv zustehen. Nur wenn wir unsere Freiheit zu Gunsten der Menschen in Not engagieren, können wir es vermeiden, dass wir durch ein nur noch an Bedrohungssymptomen ausgerichtetes Sicherheitsdenken unsere Freiheit selbst beseitigen und unsere Menschlichkeit an die Permanenz akzeptierter Gewalt delegieren.

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00:00 26.10.2001

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