Unsichere Versicherer

Krise Alle reden von den ­Pleite-Banken – aber auch die Assekuranzen könnten jetzt ins Straucheln geraten

Vorhersagen in unsicheren Zeiten trauen sich heute nicht einmal mehr Versicherer zu. Als Europas größte Assekuranz in der vergangenen Woche zur Hauptversammlung geladen hatte, wagte Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann jedenfalls keine Prognose: „Unser gesamtes Wirtschaftssystem verändert sich, und ich möchte nichts versprechen, was ich nicht halten kann.“

Schon jetzt gehören die Versicherungen zu den Verlierern – jedenfalls an der Börse. Aufgrund einbrechender Kurse seit Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 haben die Assekuranzen rund drei Viertel ihres spekulativen Wertes eingebüßt. Noch schlimmer trifft sie der Wertverlust ihrer eigenen Kapitalanlagen – vor der Krise waren diese mehr als eine Billion Euro wert. Experten warten jetzt auf die erste Versicherungspleite in Deutschland.

Woanders ist man schon einen Schritt weiter. In Japan ging im Herbst 2008 die Versicherung Yamato Life pleite. Der schwer angeschlagene US-Versicherer AIG meldete im März Rekordverluste. Der Konzern galt in der Branche mit seiner aggressiven Anlagestrategie lange als Vorbild und überlebt heute nur noch dank üppiger Hilfsmaßnahmen der US-Regierung.

Auch hierzulande geraten die Sicherheitsverkäufer unter Druck. „Es ist nicht die Frage, ob, sondern wann in Deutschland eine Insolvenz kommt“, warnt Niels Nauhauser, Assekuranzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Ob dann die brancheninternen Rettungsmechanismen ausreichen, ist Nauhauser zufolge ungewiss. Die Gründe für die Krise dagegen liegen auf der Hand.

In der Vergangenheit versuchten viele Versicherer, durch kühne Werbung die umworbene Kundschaft zu gewinnen. Renditeversprechen von sechs oder sieben Prozent lassen sich in der Realität aber nur erfüllen, wenn man bei den Kapitalanlagen hohe Risiken eingeht. Selbst jetzt noch werben einige Lebensversicherer mit hohen Überschussbeteiligungen. „Das geht nur mit großem neuem Risiko“, befürchtet Nauhauser.

Schon länger klaffen die realen Marktpreise der Kapitalanlagen und deren Buchwerte weit auseinander. Nach klassischen Bilanzregeln könnten viele Unternehmen heute sogar insolvent sein. Nur eine noch von der rot-grünen Bundesregierung durchgezogene Reform verhinderte bislang ein Massensterben der Dinosaurier. Für den Stresstest, mit dem die Finanzaufsicht BaFin derzeit auch die Versicherer prüft, soll die Toleranzschwelle deutlich angehoben worden sein. Andernfalls hätten viele Konzerne offenbar Probleme bekommen.

Ein Grund ist die Bankenkrise. „Versicherungen gehören zu den größten institutionellen Investoren in Deutschland“, betont der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. Auf 1.142,8 Milliarden Euro bezifferte man im vergangenen Jahr die Kapitalanlagen der Mitglieder. Zwar ist bei Aktien schon seit dem Börsencrash vom Frühjahr 2000 eine merkliche Zurückhaltung zu spüren. Aber immer noch stecken knapp ein Viertel der Anlagen der Versicherer in Investmentfonds und über 15 Prozent in Anlagen bei Kreditinstituten. Diese mögen im Regelfall grundsolide sein – in der Krise drohen nun schmerzliche Ausfälle. Zudem zehrt ein anderes Gift an den Nerven der Manager: Niedrige Zinsen wie derzeit lassen sich auf Dauer nicht verkraften. Schließlich leben die Assekuranzen vor allem von festverzinslichen Geldanlagen.

Risse im Schlaraffenland

Die hektische Reaktion des Staates, jede noch so bedeutungslose Bank als „systemrelevant“ einzustufen, erklärt sich teilweise aus der Sorge um Deutschlands liebste Geldanlage: die Kapitallebensversicherung. Von ihr hat jeder Bundesbürger durchschnittlich mehr als eine Police abgeschlossen. Die Krise könnte zu den Sicherheitsverkäufern herüber schwappen, weil sie in Bankanleihen erhebliche Mittel angelegt haben. Wenn dieses sogenannte Nachrangkapital von den Kredithäusern nicht mehr bedient werden kann – wie es bei HRE oder HSH Nordbank droht – bekommen auch die Versicherer Schwierigkeiten.

Durch die Liberalisierung des europäischen Binnenmarktes war in den neunziger Jahren der bis dahin abgeschottete deutsche Markt geöffnet worden. Ausländische Konkurrenz strömte in das überaus profitable Schlaraffenland der Assekuranz. Kosten und Personal wurden eingespart und viele Gesellschaften versprachen der Kundschaft fortan das Blaue vom neoliberalen Himmel. Manch Versicherer wurde zum Spekulanten, und risikofeindliche Anleger wie die alte Beamtenversicherung Debeka oder Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit wurden von Analysten und Finanzmedien als antiquiert verspottet.

Das ging nicht immer gut. In der Vergangenheit hatte die Versicherungswirtschaft unter Führung der Allianz AG angeschlagene Unternehmen still und branchenintern gerettet. Der bislang dramatischste Fall ereignete sich im Südwesten. Im Sommer 2003 übernahm die kurz zuvor von über hundert Unternehmen gegründete „Protektor Lebensversicherungs-AG“ den Versicherungsbestand der angeschlagenen mittelgroßen Mannheimer Leben. Der Rest der baden-württembergischen Gruppe landete bei der genossenschaftlichen Versicherungsgruppe Uniqa aus Wien.

Seit 2004 hat Protektor einen gesetzlichen Auftrag als Sicherungsfonds. Während in anderen Ländern der Europäischen Union meist nur (kleinere) Entschädigungen gezahlt werden, muss Protektor notfalls Versicherungsverträge von Pleitefirmen weiterführen. „Das deutsche Sicherungssystem geht in Europa am weitesten“, versichert Vorstandschef Jörg Westphal und verweist auf 511 Millionen Euro im Sicherungsfonds und weitere 6,8 Milliarden Euro an Zusagen der Versicherer für den Notfall.

Ein solcher könnte nun bald eintreten.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:05 08.05.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare