Unsichtbar und tot

Verdachtsmomente Frauen betrügen Männer mit der Staatssicherheit, Informanten wählen den Suizid: zur filmischen Darstellung Inoffizieller Mitarbeiter nach dem Ende der DDR

„Es ist nur Werbung“, sagt Jan Landers im Fernsehfilm Die Nachrichten (D 2005) und wirft die kopierten Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in seiner Küche in den Müll. Sie wurden ihm soeben mit der Post von einer Spiegel-Journalistin zugestellt. Die Nachrichten in der Regie von Matti Geschonnek ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Alexander Osang. Der Film inszeniert zwei Monate im Leben des Nachrichtensprechers Jan Landers (Jan Josef Liefers). Am 22. September 1995 liest er das letzte Mal die Abendnachrichten und wird dann beurlaubt, weil das Gerücht an seinen Chef lanciert wird, er habe als inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit gedient.

Landers ist sich sicher, kein IM gewesen zu sein, zugleich erinnert er sich an nichts. In der Folge ist er gezwungen, sich seiner Vergangenheit gewahr zu werden, und er versucht die Zeit als Soldat beim Militär in Neubrandenburg zu rekonstruieren. Er sucht Orte wie die ehemalige Kaserne auf, kontaktiert einstige Offiziere – und geht gerade nicht ins Archiv. Im Archiv sind andere mit dem Vorgang „Landers“ beschäftigt: ein Archivalien entwendender Archivar, ein dienstbeflissener Behördenleiter, die Spiegel-Journalistin und ein Lokalreporter. Sie konkurrieren um das Wissen, das zur Enthüllung Landers’ führen soll.

Lange Zeit ist im Archiv nur eine Karteikarte zu ihm auffindbar, dann ein IM-Vorlauf. Er macht deutlich, dass Landers als IM von der Staatssicherheit angeworben werden sollte, was jedoch misslang. Zwei Monate nach der Beurlaubung kehrt er zurück in den Sender; das Rumoren hat sich als haltlos erwiesen.

Die Nachrichten ist ein Film über die zerstörerische Kraft des Gerüchts, identitätspolitische Effekte von MfS-Akten und eine sensationshungrige Presse. Erstmals am 3. Oktober 2005 ausgestrahlt, ist es kein Zufall, dass der Film 1995 spielt: Gerade zu Beginn der 1990er Jahre gehörte die Entlarvung von IM zum Tagesgeschäft zahlreicher Zeitungen und Magazine. Daran erinnert der Film.

Anders als eine Vielzahl von Spielfilmen, in denen das MfS zum Sujet wird, erzählt Die Nachrichten weniger über die Staatssicherheit selbst als vielmehr über den Umgang mit dem Archiv des MfS nach 1989. Die Mitarbeiter der Staatssicherheit werden gerade nicht zur Zeit des Existenz des MfS (1950 bis 1989) dargestellt und in actu beim Erfassen, Sammeln und Auswerten von Informationen gezeigt. Geschonnecks Film imaginiert vielmehr Ausschnitte des Lebens der drei Figuren Major Zelewski (Henry Hübchen), Oberfähnrich Lau (Ralf Dittrich) und Major Lange im Herbst 1995.

Geringe Kenntnisse

Mit ihnen hatte Landers während seiner Militärzeit Kontakt als Mitarbeiter des MfS für die Nationale Volksarmee (NVA). Ihre Tätigkeiten werden im Gespräch verschiedener Figuren vermittelt, ohne Rückblenden oder Visualisierungen der Vergangenheit. Lange hat sich zu Beginn der 1990er Jahre „totgesoffen“, Lau hat eine Fahrschule eröffnet und Major Zelewski lebt in piefigen Verhältnissen in einem Plattenbau.

Zelewski stirbt am Ende von Die Nachrichten. Er stürzt sich vom Balkon und hinterlässt einen Abschiedsbrief. Sein zunächst beabsichtigter scheinbarer Verrat von Landers an die Spiegel-Journalistin, Geldprobleme und das Gefühl, aus der Gegenwart zu fallen, werden als Gründe vermittelt. Sie nähren sich nur aus Gegenwartsbezügen. Der Film sieht für Stasi-Mitarbeiter also genau zwei Fügungen vor: soziale Unscheinbarkeit oder den selbstverschuldeten Tod – eine Fantasie, die symptomatisch für die „vereinigte“ Gesellschaft zu sein scheint.

Eine Gesellschaft, die nicht besonders viel über die ehemaligen MfS-Mitarbeiter weiß. Die entsprechende Literatur gibt für einen Teil der ehemaligen MfS-Mitarbeiter eine Beschäftigung nach 1990 im Staatsdienst an (inoffiziell in BND, Polizei, Arbeitsämtern, BStU) und in der Wirtschaft (etwa Sicherheits- und Maklergewerbe). Die alten Kader haben sich in Vereinen organisiert und publizieren Erinnerungen, in denen sie sich als „unbequeme Zeitzeugen“ entwerfen, wie ein Buch von Reinhard Grimmer und Wolfgang Schwanitz heißt.

Dabei geht es zumeist um Aussagen zum MfS, seltener zur Zeit danach. Diese Lücke füllen Filme, die ein Millionenpublikum erreichen. Und Mitte der nuller Jahre sind darin verstärkt Bilder zu sehen, in denen die Nutzung des Archivs der Staatssicherheit durch die Oberservierten die Präsenz des MfS vor und nach 1989 markiert.

Unscheinbarkeit und Selbsttötung der MfS-Mitarbeiter sind wiederkehrende Motive in Filmen wie Der Stich des Skorpion (2004) oder Das Leben der Anderen (2006). Ersterer ist die Verfilmung der Autobiografie Ich war Staatsfeind Nr. 1 von Wolfgang Welsch. Der Film in der Regie von Stephan Wagner inszeniert die Geschichte des hier Wolfgang Stein (Jörg Schüttauf) genannten Fluchthelfers, der 1971 von der BRD freigekauft wird und von Unna aus für 200 Menschen die Flucht aus der DDR organisiert.

Das MfS überwacht Stein auch im Westen und plant seine Ermordung durch den vermeintlichen Freund Volker (Matthias Brandt). Mit der Öffnung der „Gauck-Behörde“ nimmt Stein Akteneinsicht. Nicht nur der Verrat des Freundes wird entlarvt, auch der seiner Frau (Martina Gedeck), die sich erschießt. An ihrem Grab bilanziert Stein, für ihn lasse sich mit der eingeleiteten Strafverfolgung aller Beteiligten keine Gerechtigkeit herstellen. Der den Vorgang leitende Generalmajor Fink (Volkmar Kleinert) erhängt sich in der Zelle.

In Das Leben der Anderen verkörpert wiederum Martina Gedeck die Rolle der sterbenden IM, diesmal als Schauspielerin. Die kurz zuvor unterzeichnete Verpflichtungserklärung, der Verrat an ihrem Partner, dem Dramatiker Dreyman (Sebastian Koch) und das Erscheinen des MfS in der gemeinsamen Wohnung lassen sie auf die Straße fliehen. Dort wird sie von einem Lkw überfahren. Der Film stellt die Beobachtung der Berliner Kulturszene der 1980er Jahre dar und imaginiert die Metamorphose von Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) vom MfS-Hardliner zum einfühlsamen Überwacher, der sich nach 1989 als Zeitungsausträger verdingen muss.

Wie in Der Stich des Skorpion steht am Ende des Films die Akteneinsicht des Observierten. Diese deckt für Dreyman nicht nur den Verrat der Frau auf, sondern auch das Ausmaß der Überwachung. Zugleich scheint auf, wie eng Fantasie und Aktenführung miteinander verwoben sein können: Wiesler hat in den Protokollen einen subversiven Text von Dreyman über Selbstmorde in der DDR als Festschrift zum 40. Jahrestag getarnt. So geht die Wirklichkeitsbeobachtung in Fiktion über. Zum Schutz der Überwachten.

Myriam Naumann ist Kulturwissenschaftlerin an der HU Berlin. Dieser Beitrag ist eine gekürzte, bearbeitete Fassung ihres Vortrags auf der Tagung Bilder der Allmacht über mediale Inszenierungen der Stasi in Leipzig

06:00 30.11.2016

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