Unten ohne

Grundsatzfrage Ein fast vergessenes Kleidungsstück ist wegen der kalten Temperaturen wieder gefragt. Lange Unterhosen sind zurzeit schwer zu kriegen. Dabei haben sie nicht nur Vorzüge

Der harte Winter sorgt für Mangelwirtschaft. Lange Unterhosen sind in vielen Kaufhäusern ausverkauft, meldet der Einzelhandel. Eine spontane Umfrage in drei Berliner Geschäften bestätigt es. Speziell bei langen Herren-Unterhosen komme es zu „Lieferschwierigkeiten“, sagt eine freundliche Verkäuferin. Dabei lächelt sie schelmisch. Ich frage mich, warum sie das macht. Was gibt es bei langen Herren-Unterhosen zu lächeln? Beim Kauf eines solchen Kleidungsstücks geht es offenbar nicht nur um pragmatische Gründe, es geht auch um Scham und Intimität – und irgendwie geht es auch um Sex.

Das Trauma der langen Unterhose beginnt für viele Männer in frühster Jugend. Jungen, die so bekleidet durch den Schnee toben, sind vernünftig. Sie tragen, was ihre Mutter ihnen angezogen hat. Aber sie leiden auch. Denn lange Unterhosen engen ein, sie kratzen und jucken. Sie machen aus zehn Minuten Warten in der Supermarktschlange gefühlte zehn Stunden. Und sie wecken den Traum von der Rebellion. Irgendwann, denken die kleinen Jungs, wenn ich groß bin und keinen Spinat mehr essen muss, trage ich auch keine lange Unterhose mehr.

Für Jugendliche stellt sich die Frage mit oder ohne nicht – lange Unterhosen sind viel zu uncool. Mit ihnen blamiert man sich in der Umkleide beim Schulsport völlig. Und nichts verletzt in der Adoleszenz tiefer als der Spott der Altersgenossen. Die lange Unterhose ist für den Teenager höchstens dann interessant, wenn sie unter der Bezeichnung „Röhrenjeans“ wieder in Mode kommt und so plötzlich oben drüber getragen wird.

Mit zunehmendem Alter und sinkender Außentemperatur kommen einem lange Unterhosen aber wieder in den Sinn. Das Frösteln an den Beinen holt sie aus verdrängten Kindheitserinnerungen zurück ins Bewusstsein. Da gibt es nur ein Problem: das Liebesleben. Was wäre, wenn ich gerade jetzt in eine heiße Affäre stolpern würde? Wie soll ich der Ersehnten im weißen Feinripp um die Beine gegenübertreten? Unvorstellbar.

Zum Glück regelt zurzeit alles der Markt, die intime Entscheidung haben mir andere abgenommen. Lange Herrenunterhosen sind ausverkauft.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:15 15.01.2009

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare