Unter Ausgebufften

30er Jahre Die Spionageromane von Eric Ambler sind absolute Klassiker – und erscheinen jetzt neu

Kenton heißt der Held, Vornamen hat er keinen. Er ist freier Journalist, Kenner der politischen Situation, sprachbegabt, aber eher mittelerfolgreich. Nun hatte er Pech im Spiel, sitzt im Zug, Wien ist sein Ziel, wo er sich, so seine Hoffnung, bei einem befreundeten, aus Nazi-Deutschland geflohenen Juden Geld leihen kann. Wien wird er niemals erreichen, weil er auf einen Abweg gerät, in ein Abenteuer, in große europäische Geschichten, es ist das Jahr 1937.

Ein Mann im Zug spricht ihn an. Dass er nicht der ist, als der er sich ausgibt, begreift Kenton sehr schnell. Die Bitte, die der Mann an ihn richtet, klingt harmlos. Kenton möge einen Umschlag mit Dokumenten über die Grenze bringen und in Linz an den Mann, der sich Sachs nennt, retournieren. Sachs bietet für diese Gefälligkeit nicht wenig Geld, Kenton schlägt ein, damit beginnt seine Verwicklung in einen veritablen Spionageroman.

Es ist Eric Amblers zweiter Roman. Ambler war ein studierter Ingenieur, stammte aus einer Londoner Entertainer-Familie, war viel durch Europa gereist und „beschloss“, schreibt er selbst, „an einem Regentag in Paris, einen Thriller zu schreiben“. Er kannte die Tradition und nahm sich vor, sie von Grund auf zu erneuern. Autoren wie John Buchan oder William Le Queux waren ihm politisch zu konservativ und literarisch zu simpel, William Somerset Maugham war da schon eher sein Fall. Ambler tendierte nach links, in seinen vor dem Hitler-Stalin-Pakt entstandenen Romanen findet man viele freundliche Kommunisten-Porträts und in Ungewöhnliche Gefahr gibt es eine, wenngleich ziemlich plumpe Kritik am weitreichenden Einfluss des internationalen Finanzkapitals.

Zu den eher positiv gezeichneten Kommunisten in Amblers frühen Romanen gehören der sowjetische Spion Andreas Zaleshoff und seine schöne und kühle Schwester Tamara, in deren Hände Kenton recht bald nach seinem Linzer Abenteuer gerät. In Linz wird der Mann, der sich Sachs nennt, vor der Rückübergabe der Dokumente ermordet. Kenton steht unter Verdacht, der Mörder zu sein, und ist von da an ein Unschuldiger auf der Flucht. Die Dokumente wurden gestohlen, um in Rumänien den Aufstieg der faschistischen „Eisernen Garde“ an die Macht zu befördern. Die Intrige involviert ein zwielichtiges Petroleumunternehmen, einen noch viel zwielichtigeren Agenten und Killer namens Saridza, diverse Mittelsmänner und Helfershelfer. Und zwischen ihnen allen ist Kenton, wird mal von der einen Seite zusammengeschlagen, von der andern entführt, bis es nach rund zwei Dritteln des Buchs einmal heißt: „Er verstand überhaupt nichts mehr.“

Mit Kenton hat Ambler seinen archetypischen Helden geschaffen. Keinen Superagenten, schon gar keinen James Bond, wenngleich Ian Fleming von Ambler, wie er immer zugab, manches gelernt hat. Der Kenton-Held ist aber einer, der in Dinge gerät, von denen er zu wenig versteht, ein naiver Mann unter Ausgebufften; nicht auf den Kopf gefallen, sehr wohl in der Lage, sich in die Situationen, in die er gerät, zu fügen, ja, oft genug kommt ihm die Naivität, mit der er zu Werke geht, durchaus zugute, weil sie ihn für die Profis unberechenbar macht. Es steckt in Amblers Spionagethrillern so immer ein gutes Stück Abenteuerroman mit einem nie ganz erwachsenen Helden. Und das bei allem Ernst der Politik, dessen Hintergrund in Ungewöhnliche Gefahr der Aufstieg der europäischen Faschismen abgibt – und schon im Erstling Der dunkle Grenzbezirk (1936) war es um nicht weniger als die damals für die Öffentlichkeit noch eher als Gerücht existierende Atombombe gegangen. In späteren Romanen, etwa seinem Meisterwerk Die Maske des Dimitrios (1939), hat Ambler die Politik, das Abenteuer und die zusehends situationsmächtiger werdende Heldenfigur um einiges souveräner verknüpft, aber Ungewöhliche Gefahr hat den Charme des Beginns. Hier hat einer das Rezept gefunden, das er später zur Meisterschaft führte.

Vukanisiererkammer

Kenton ist erst ein Held wider Willen, aber er findet Gefallen daran. Seine Geschichte ist als Serie von Bewährungsproben erzählt. Ein paar Mal kommt er nur knapp mit dem Leben davon, gewinnt dabei aber zusehends an Statur, schießgewehrtechnisch wie moralisch. Höhepunkt der Thrillerhandlung, zu der auch ein ziemlich atemberaubend geschilderter illegaler Grenzübertritt gehört: Kenton und Zaleshow sind in eine Vulkanisierkammer gesperrt, in der die Luft langsam knapp wird. Von Szenen wie dieser haben alle späteren Thrillerkönner gelernt.

Zum Klassiker war Ambler ohnehin bald geworden, die meisten seiner Romane wurden verfilmt. Lange Jahre hat sich im deutschen Sprachraum der Diogenes-Verlag höchst liebevoll um Amblers Werk gekümmert. Das scheint vorbei. Wie schön, dass das recht neue Hoffmann-und-Campe-Imprint Atlantik den gerissenen Faden mit neuen Ausgaben wieder aufnimmt.

Info

Ungewöhnliche Gefahr Eric Ambler Matthias Fienbork (Übers.), Atlantik 2016, 336 S, 12 €

06:00 27.04.2016
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