Unter der dünnen Lackschicht der Normalität

An die Nachgeborenen Mieczyslaw Pemper verbürgt die unbekannte Sprache der Überlebenden

Anlässlich des 60. Jahrestages überfluten Stalingrad-Bilder und -Ansichten die deutsche Medienlandschaft. Wenig bekannt ist, dass die Niederlage von Stalingrad manch Todgeweihtem auch das Leben rettete - zum Beispiel den Überlebenden des KZ Krakau-Plaszow.

Als der 23-jährige Schriftsteller und Bauarbeiter Tadeusz Borowski, der Auschwitz und andere Vernichtungslager der Nazis überlebt hatte, 1945 in den Nachkriegsalltag nach Warschau zurückkehrte, befürchtete er, dass ihm niemand die Wahrheit über den Massenmord an unschuldigen jüdischen und polnischen Zivilisten glauben würde: "Ich wollte aufschreiben, was ich erlebt habe, aber wer auf der Welt wird einem Schreiber glauben, der eine unbekannte Sprache spricht? Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen." Borowskis Erzählungen sind inzwischen weltberühmt, doch den Autor konnte kein Trost mehr erreichen, er brachte sich im Alter von 29 Jahren um.

Der 83jährige Mieczyslaw Pemper - dessen Vorname im polnischen liebevoll in Mietek verwandelt wird - stammt aus einer jüdischen deutsch-polnischen Grenzlandfamilie in Krakau. Mietek Pemper ist die Befürchtung vertraut, für einen Phantasten gehalten zu werden. Er hat die Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten zunächst im Krakauer Judenwohnbezirk Podgorze, dann im Zwangsarbeiterlager Krakau-Plaszow erlebt, das Anfang 1944 in ein Konzentrationsstammlager umgewandelt und einige Monate vor Kriegsende als Filiallager von Auschwitz nach Brünnlitz bei Zwittau verlegt wurde.

In Krakau-Plaszow lernte Mietek Pemper die beiden Männer kennen, die sein gespaltenes Bild von der Nazi-Zeit verkörpern: auf der einen Seite der SS-Hauptsturmführer Amon Göth aus Wien, der das Lager bis September 1944 leitete, auf der anderen Seite der sudetendeutsche Nationalist und Unternehmer Oskar Schindler, der seit Sommer 1940 Arbeiter aus dem Lager Krakau-Plaszow in seiner Deutschen Emailwarenfabrik einsetzte.

Der Lagerkommandant Göth war berüchtigt für seine sadistischen Ausfälle und selbstherrliche Machtausübung, die er an den zeitweise 20.000 Häftlingen Tag und Nacht ausließ. Gelernt hatte er als SS-Untersturmführer bei Odilo Globocnik in Lublin und sich Sporen bei grausamen Sonderaktionen im Lubliner Judenwohnbezirk verdient. Die Räumung des jüdischen Wohnbezirks in Krakau, bei der Tausende massakriert wurden, und die Errichtung des Lagers Krakau-Plaszow sind seine ersten Amtshandlungen in der Stadt, die einst "Jerusalem des Ostens" genannt wurde.

Mietek Pemper, der im Rahmen der Zwangsarbeit für die Jüdische Gemeinde in Podgorze stenographische Arbeiten und die Korrespondenz übernommen hatte, musste im Büro des Lagerkommandanten als Stenograph arbeiten. Das war bequem für Göth, der den Häftling zu jeder Tages- und Nachtzeit herbeizitieren konnte. In der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager ist dieser Vorgang einzigartig, da es aus Geheimhaltungsgründen jüdischen Häftlingen verboten war, Einblick in Dienstvorgänge zu nehmen. Für Pemper indessen bedeuteten die 500 Arbeitstage in Göths Nähe die tagtägliche zermürbende Erwartung, wegen irgendeiner Laune Göths erschossen zu werden.

Sein Wissen über Pläne, Verordnungen und Machenschaften des SS-Apparats haben Mietek Pemper aber zugleich zur wichtigsten Informationsquelle für Oskar Schindler gemacht, der mit Hilfe seiner Fabrik und seines im Krieg auch durch Schwarzmarktgeschäfte immens vergrößerten Vermögens so viele wie möglich seiner jüdischen ArbeiterInnen hatte retten wollen. Zwar war Schindler deutscher Nationalist, doch für den wahnhaften Antisemitismus und den blanken Menschenhass der Nazis hatte er nur Verachtung übrig - und leistete Widerstand.

Am Ende konnten an die 1.200 jüdischen Häftlinge auf der durch Steven Spielbergs Film weltbekannt gewordenen Schindlers Liste Verfolgung und Lagerhaft überleben und wurden am 10. Mai 1945 von der Roten Armee in Brünnlitz befreit. Ein einzigartiges Rettungsunternehmen. Mietek Pemper, seine Eltern und sein Bruder gehörten dazu.

Bis heute ist der alte Herr auf der Suche nach Dokumenten, die die Vorgänge im Lager Krakau-Plaszow und rund um die Rettungsaktion belegen, denn er ist der Überzeugung, dass irgendwann wieder jemand kommt, der die ganze Geschichte bezweifelt. Er ahnt, dass die Erzählungen der Überlebenden für Außenstehende nur an ihren Rändern verstehbar sind und ihre Sprache den Unbeteiligten unbekannt ist. Heute kann man sich beispielsweise nur schwer vorstellen, wie in einem Konzentrationslager, in dem jeder Vorgang streng durchorganisiert war und beispielsweise jede Prügelstrafe auf Antrag in dreifacher Ausfertigung vom Berliner SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt unter Oswald Pohl genehmigt werden musste, Hunderte von Häftlingen ihrer geplanten Ermordung entgehen konnten.

Mietek Pemper, der 1958 nach Augsburg übersiedelte, hat nach Jahrzehnten des Schweigens vor einigen Jahren, nachdem das öffentliche Interesse in Deutschland durch Spielbergs Film wieder aufgeflammt war, begonnen, Vorträge vor Schulklassen und in Universitäten zu halten. Gelegentlich erzählt er auch im Fernsehen oder im Radio, wie sorgfältig und geduldig die Rettungsaktion über viele Jahre durchgeführt werden musste und dass sie jederzeit hätte schief gehen können.

Ein bedeutsamer Einschnitt lag in der deutschen Niederlage von Stalingrad im Januar 1943. Einerseits rückte danach die Ostfront wellenartig näher gen Westen, sodass die jüdischen Zwangsarbeitslager im Osten verlegt werden mussten. Zum anderen wurden immer mehr ältere Männer an die Front berufen, was im Deutschen Reich zu Arbeitskräftemangel führte und die ArbeiterInnen in den Lagern immer wichtiger wurden. Ausschlaggebend war schließlich auch, was in einem Lager und den ihm angeschlossenen Fabriken produziert wurde, denn seit Ende 1943 wurden nur "kriegentscheidende" und "siegentscheidende" Rüstungsproduktionen aufrecht erhalten.

Das ursprünglich auf Konfektionsgüter spezialisierte Lager in Plaszow konnte Dank Pempers Informationen und der Beziehungen Oskar Schindlers kurzfristig seine Produktion umstellen und so das Leben seiner ArbeiterInnen schützen. Vor diesem Hintergrund sucht Mietek Pemper heute die Beschlussvorlagen, aufgrund derer Oswald Pohl das Lager Krakau-Plaszow als Konzentrationsstammlager und kriegwichtigen Produktionsort installiert hat. Vielleicht wurden die Unterlagen vor der Kapitulation vernichtet, möglicherweise liegen sie noch unberührt in einem Berliner Archiv.

Heute fragt sich Mietek Pemper zweifelnd, wer sich überhaupt noch für die Berichte der Überlebenden interessiert, obgleich seit den damaligen Ereignissen erst ein halbes Jahrhundert vergangen ist, die Zeitzeugen der Shoah und des Weltkrieges noch leben und viele ZwangsarbeiterInnen und Verfolgte noch immer nicht entschädigt worden sind. "Mir fällt bei den Gesprächen mit Schülern auf, dass nicht allgemein bekannt ist, wie viele deutsche Menschen im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten", erklärt er, "dass es immerhin auch fünf Millionen waren, das sind, prozentual gesehen, zwar nur fünf, sechs, sieben Prozent der Substanz des deutschen Volkes, während die sechs Millionen weit mehr als die Hälfte des gesamten Judentums in Europa unter Einschluss Russlands umfasst haben."

Für Pemper ist das ein Hinweis, dass man in Deutschland offensichtlich nicht gewillt ist, der Bevölkerung das Ausmaß des Schreckens, das die Nazi-Zeit gebracht hat, näher zu bringen. Im Gegenteil, fährt er fort, gebe es "die Tendenz, eine gewisse Gloriole unbeschädigt zu halten: Über die Blitzkriege, die Erfolge der deutschen Wehrmacht, und dass die ganze Welt sich zusammen tun musste, um dieses eine Deutschland zu besiegen. Das sind für mich keine positiven, ermutigenden Zeichen für die Zukunft, aber vielleicht wird es die Zeit mit sich bringen, dass man das eines Tages anders beurteilen wird."

Schon unmittelbar nach Kriegsende und Befreiung war Pemper klar, dass es wichtig sein würde, die Zeugnisse der Überlebenden aufzubewahren und die Hintergründe des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung zu erläutern. Einmal, um der starken Tendenz, die Vergangenheit zu verdrängen und umzuschreiben, etwas entgegen zu setzen, zum anderen als Überlieferung an die nachgeborenen Generationen. Als Zeuge der Anklage und als Dolmetscher beteiligte sich Pemper unter anderem im Herbst 1946 an dem Gerichtsverfahren gegen Amon Göth in Krakau und an den ebenfalls dort stattfindenden Auschwitz-Prozessen 1947/48. Bei letzterem war Professor Johann Paul Krämer angeklagt, der als SS-Arzt in Auschwitz Tagebuch geführt und die Ermordungsmaschinerie aus der Innensicht eines Beteiligten dokumentiert hatte. Obgleich in starken Gewissenskonflikten, unterstützte Mietek Pemper damals das Gnadengesuch Krämers und zeigte so seine Anerkennung für das wichtige Tagebuch-Dokument, das die infernalische Existenz von Auschwitz für die Welt aufbewahrt.

Die Erfahrung, dass die Welt brüchig ist und dass das Normale rasch ins Verbrecherische übergehen kann, hat Mietek Pemper nicht mehr verlassen. Für diese gefährliche Gratwanderung möchte er auch die Aufmerksamkeit seiner jungen ZuhörerInnen schärfen: "Ich verstehe die Welt nicht, wenn ich sehe, wie Fußballspieler, auch wenn sie eine schwarze Hautfarbe haben, aber gut Fußball spielen, auf dem Fußballplatz umarmt werden. Jetzt frage ich mich: Die werden umarmt, aber würden die Leute, die sie umarmen, sie auch nach Hause einladen, würden sie es gerne sehen, wenn sie sich auch für eine Tochter oder Schwester interessieren? Also, diese Sprünge sind für mich interessant, weil ich als Jude schon vor dem Krieg verschiedene Formen des Antisemitismus erleben musste, ohne damals schon gewusst zu haben, wie brüchig, wie dünn diese Lackschicht ist."

00:00 24.01.2003

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