Christoph D. Brumme
08.12.2006 | 00:00 1

Unter Disteln und Brennnesseln

Spurensuche Bogdan Staschynskij wurde 1962 in der Bundesrepublik wegen Mord im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes verurteilt. Die Reise in sein Heimatdorf ist eine Reise ins Abseits der Geschichte

Nicht weit von Lwiw (Ukraine), dem früheren Lemberg, befindet sich das Dorf, aus dem der Giftmörder Bogdan Staschynskij kam. 1959 hatte er im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes KGB den ukrainischen Exilpolitiker Stepan Bandera in München mit einer Giftpistole getötet. Das Mittel damals: Blausäuregas.

Bandera wird heute in der Ukraine als Nationalheld gefeiert. Er saß von 1941 bis 1944 im KZ Sachsenhausen, weil er mit der Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) sowohl gegen die sowjetischen als auch gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte. 1944 wurde er aus der Haft entlassen und tauchte in Deutschland unter. Wegen seiner antisowjetischen Aktionen verurteilte ihn die Sowjetunion in Abwesenheit zum Tode; in der Bundesrepublik Deutschland erhielt er Asyl. Boulevards in Lwiw und anderen Städten der Ukraine tragen heute seinen Namen.

Johannes, mit dem ich im Jeep durch die Ukraine fuhr, hatte mir von dem Mord erzählt. Er kennt wohl jede politische Splittergruppe, die zwischen 1920 und 1960 in der Ukraine irgendeine Bedeutung hatte, selbst die Biographien von Bataillonskommandeuren und Anarchistenführern. Die ukrainische Bauernkultur hat es ihm angetan. "Kommunismus gab es hier schon, bevor die Kommunisten kamen", so formuliert er die Tragik vieler Landstriche im Osten. Der Gedanke der Gleichheit war in den slawischen Dorfgemeinschaften ebenso wie unter Kosaken weit verbreitet.

Die Landschaft östlich von Lwiw ist flach, manchmal hügelig. Schotterwege verbinden die Dörfer. Straßenschilder gibt es keine. Man muss sich durchfragen. Auf jedem Dorfteich schwimmen Enten und Gänse.

Wir wollten das Dorf besuchen, aus dem der Mörder kam, wollten wissen, ob noch Verwandte dort leben und wie man heute im Dorf über den Mord denkt.

Unser Auto, ein indischer Jeep der Marke Mahindra, erregt wie immer Aufsehen, als wir an einem heißen Augusttag vor dem zentralen Geschäft im Dorf parken. Dunkel und angenehm kühl ist es im örtlichen "Magazin", die Ladenfläche beträgt kaum sechs Quadratmeter. Ich kaufe Mineralwasser und erkundigte mich nach der Lage des Friedhofs. Es gibt zwei auf einem Hügel am Dorfrand, erklärt die Verkäuferin.

Wir entscheiden uns, zuerst auf dem linken Friedhof nach Gräbern mit dem Namen Staschynskij zu suchen. Die meisten Steine sind zugewachsen von Gras und Brennnesseln. Den Sterbejahren nach wurde der Friedhof gut 40 Jahre lang nicht benutzt. Wir suchen eine halbe Stunde, wollen schon aufgeben. Dann stehe ich vor einem Stein mit dem Namen Staschynskij. Bald darauf ein zweites Grab mit diesem Namen. Johannes fotografiert, wir überlegen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die Verstorbenen zum Mörder gestanden haben könnten. Beide verstarben nach dem Mord.

Johannes hat die richtigen Bücher mitgenommen. Auch eine Schrift mit Presseberichten und Kopien aus dem Prozess, der Staschynskij in München gemacht wurde. (Karl Anders, Mord auf Befehl, Verlag Fritz Schlichtenmayer, Tübingen 1963.) Staschynskij war als Student bei einer Schwarzfahrt im Zug erwischt worden, lese ich. Man stellte seine Personalien fest und bestellte ihn zum KGB. Denn er war jetzt erpressbar. Mitglieder seiner Familie kämpften im ukrainischen Widerstand gegen die Sowjet-Herrschaft. Man versprach Staschynskij, seine Familie zu schützen, falls er zur Mitarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst bereit sei. Er wurde in Widerstandsgruppen eingeschleust, verriet einen wichtigen Politiker. Seine Familie habe wohl geahnt, für wen er arbeitete, doch habe man nicht darüber gesprochen.

Nach dieser ersten Bewährungsprobe erhielt er eine weitere Spezialausbildung, in das Dorf kam er nur noch selten. Sein Dienstort war anfangs Moskau, sein späteres Einsatzgebiet die DDR, dann die Bundesrepublik. Sein Auftrag: Den in München lebenden ukrainischen Journalisten Levrebet der Tageszeitung Sukasna Ukraina (Heutige Ukraine) zu töten. Später Bandera.

Staschynskij observierte sein Opfer auf einem Friedhof in Rotterdam, wo eine Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag der Ermordung von Konowalez stattfand. Dort trafen sich wichtige Exilanten. Konowalez war der Vorgänger Banderas in der Widerstandsbewegung.

Auf den Mord bereitete sich Staschynskij vor, indem er die Giftpistole an einem Hund ausprobierte, in einem Wald in der Nähe von Berlin und im Beisein seines Führungsoffiziers. Der Hund habe ihm leid getan, schilderte er vor Gericht. Die politische Begründung für den Auftrag, den er in München ausführen sollte, akzeptierte er. In der Sprache der Propaganda wurden diese Feinde der Sowjetunion als Faschisten bezeichnet.

Staschynskij reiste nach München, um die Gewohnheiten seines Opfers und die Örtlichkeiten zu erkunden. Ganz wohl sei ihm dabei nicht gewesen. Er habe sich schon die Frage gestellt, ob er bereit war, zum Mörder zu werden. Doch sei er selbst überrascht gewesen, wie leicht ihm das fiel. Am 12. Oktober 1957 spritzte er Levrebet das Gift mit der Pistole ins Gesicht, als dieser ihm auf der Treppe entgegenkam.

Zwei Jahre vergingen, dann bekam er den Auftrag, Bandera zu ermorden. Wieder in München. Jetzt habe er doch Gewissensbisse gehabt. Bandera sei ihm sympathisch gewesen, das sei ihm während der Observationen klar geworden. Außerdem hatte sich Staschynskij kurz zuvor verlobt. Seine Verlobte war DDR-Bürgerin.

Er führte die Tat nicht aus. Die Aufregung sei doch zu groß gewesen, auch habe er geglaubt, die Dosis reiche nicht aus, um Bandera zu töten. Er warf die Giftpistole in die Isar und reiste unerkannt ab.

Der zweite Versuch war "erfolgreich". Die Durchschlagskraft der Pistole war noch einmal erhöht worden, auch die Dosis des Gifts, wie ihm stolz der Führungsoffizier erklärt habe. Der Mörder sollte sich auf seine Waffe verlassen können. Doch wieder gab es Probleme. Der Schlüssel zu Banderas Haustür passte nicht. Ein Stück vom Bart brach ab und fiel in das Kastenschloss. Bandera wohnte in einem normalen Mietshaus in der Kreittmayrstraße. Er wusste, dass er gefährdet war. Staschynskij gelangte doch ins Haus. Am 15. Oktober 1959 schoss er Stepan Bandera die tödliche Dosis ins Gesicht, als der seinen Briefkasten öffnete.

Auf dem zweiten Friedhof stehen die frischen Gräber. Das Gras reicht bis zu den Knien, Blumen bedecken einige Erdhügel. Ein Staschynskij-Grab finden wir nicht. Johannes bittet mich, vorübergehende Trauergäste anzusprechen. Er hat ein ziemlich sachliches Verhältnis zum Tod, er übt seinen Beruf in diesem Gewerbe aus. Ich aber nicht. Ich erfreue mich nur an den Anekdoten, die er über Sargträger und über die nächtlichen Besucher auf Berliner Friedhöfen erzählt.

Drei Frauen, Großmutter, Mutter und Enkelin, kommen uns entgegen. Sie haben offenbar noch einmal Abschied von einem nahen Verwandten genommen. Genau der richtige Moment, sich als Journalist vorzustellen. Doch die Großmutter ist einverstanden mit der Störung, sie zeigt freundlich auf einen Grabstein.

Jeder im Dorf kenne die Familie Staschynskij, meint sie. Es seien auch schon Journalisten hier gewesen. Aus Amerika. Der Priester wisse mehr über die Familie. Sie zeigt auf die Kirche, wo der Priester wohnt. Wir gucken uns das Grab an, es ist das falsche, wie sich später herausstellt. Ich bedanke mich noch einmal, verspreche, den Priester zu besuchen.

Wir fahren ins Dorf zurück. Den steilen Schotterweg zur Kirche hoch schafft unser Jeep mit Leichtigkeit. Das Kirchentor ist verschlossen. Auf dem Grundstück nebenan sortierten drei Leute Zwiebeln. Die ganze Hoffläche ist mit Zwiebeln bedeckt. Die jüngere Frau, Mitte dreißig, fragt, ob sie uns helfen könne. Wir schwatzen über die Ernte, über den heißen Sommer. Olga heißt sie. Unser Auto findet sie seltsam.

Solch ein Auto hat in der Ukraine noch niemand gesehen. Der Mahindra wurde von den Amerikanern im Korea-Krieg eingesetzt. Kinder lieben dieses Auto, wohl weil es plump und witzig aussieht. Es hat den Vorteil, dass es nicht geklaut werden kann, dafür ist es zu auffällig.

Einmal ließen wir den Mahindra mit offener Plane am Rande eines Marktplatzes stehen. Unser Gepäck war nur mit einem dünnen Drahtseil gesichert. Zehn Männer begutachteten ständig das Auto, standen drum herum, klopften auf die Kühlerhaube, fachsimpelten. Johannes hatte sich ein Motorboot gemietet und war auf eine Insel gefahren, um Vögel zu beobachten. Ich saß in einer finsteren Kaschemme, trank mit einem Mann, den ich nicht kannte, ein Gläschen Wodka, denn er hatte mich eingeladen, weil er gerade Großvater geworden war. Großvater, und das in meinem Alter, wir waren der gleiche Jahrgang! "Und du?" fragte er. "Ja sabil scheniza", ich vergaß zu heiraten, antwortete ich. Unser Auto hatte ich auch vergessen. Das Gepäck war aber auch nach einigen Stunden noch da, als Johannes von seiner Insel zurückkam.

Olga nickt verstehend, als ich sage, wir seien wegen Bandera und wegen Staschynskij gekommen. Ja, die Familie lebte noch hier, sehr zurückgezogen, ohne Fernseher und Radio, erklärt sie. Die Schwester Staschynskijs sei aber schon gestorben. In der ganzen Ukraine ist diese Geschichte jetzt bekannt. Banderas Sohn hat hier im Dorf einen Film gedreht, er lebt heute in Amerika. Der Film ist auch im ukrainischen Fernsehen gesendet worden. Der Priester könne noch mehr Auskünfte über die Familie geben.

Später vielleicht. Wir wollen noch einmal zum Friedhof. Staschynskij-Gräber gibt es mehrere, nicht alle Verstorbenen waren mit dem Mörder verwandt.

Olga ist gern bereit, uns das richtige Grab der Staschynskijs zu zeigen. Wir laufen diesmal über die Felder. Sie erzählt, sie habe schon in England gearbeitet, auch in Spanien, wie viele Leute aus der West-Ukraine. Aber hier im Dorf sei es am schönsten. Viele Feste würden gefeiert, am Wochenende schon das Apfelfest.

Sie erklärt, dass es eigentlich drei Friedhöfe gibt. Auf dem dritten Friedhof sind die ganz alten Gräber und die sowjetischen Soldatengräber. Eine Leninstatue und die Sowjetsterne wurden dort abgelegt. Dieser Friedhof liegt weiter entfernt vom Dorf, am Rande einiger Felder. Wir erkennen ihn aber noch mit bloßem Auge.

Ich frage Olga, ob sie noch Komsomolzin gewesen sei, Mitglied im kommunistischen Jugendverband. Aber sicher doch, es war doch eine andere Zeit damals, meint sie. Die kommunistischen Ideen befolgte man nur, weil man das musste. Auch der Familie Staschynskij mache heute niemand einen Vorwurf. Diese Familie habe für beide Seiten Opfer gebracht, für die Sowjets und gegen sie.

Staschynskij erhielt in Moskau einen Orden für seine Tat und wurde befördert. Doch man misstraute ihm, denn er hatte Skrupel gezeigt. Seine deutsche Verlobte bekam ein Kind von ihm, außerdem war sie christlich engagiert. Sie habe mit ihm sehr kritisch über die kommunistische Politik diskutiert. Die Frau und ihre Verwandten hätten ihn schließlich überzeugt, die Flucht aus der DDR anzutreten und sich den Behörden der Bundesrepublik zu stellen.

Genau wegen der Fluchtgefahr habe man ihn wohl nicht zur Entbindung nach Berlin fahren lassen. Seine Frau habe bei einem Besuch in Moskau entdeckt, dass er überwacht wurde, sein Hotelzimmer sei verwanzt gewesen.

Staschynskij fuhr noch einmal in sein Dorf, um Abschied zu nehmen. Die Flucht nach West-Berlin gelang ihm, und zwar am 12. August 1961, einen Tag vor dem Mauerbau. Sein Kind war im März geboren worden und am 8. August gestorben. Man hatte ihn zur Beerdigung nach Berlin fahren lassen. Staschynskij vermutete, sein Kind sei im Auftrag des KGB getötet worden, um seine Verbindung zu der deutschen Frau zu lösen.

Er stellte sich der bundesdeutschen Justiz und legte ein Geständnis ab. Man wollte ihm anfangs nicht glauben, dass er im Auftrag der sowjetischen Regierung zum Mörder geworden war. Aber er konnte einen Beweis seiner Aufregung vor dem Mord liefern: Die Reste des nachgemachten Schlüssels, den er benutzt hatte, die man im Kastenschloss fand.

Am 19. Oktober 1962 wurde er in München zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine mildere Strafe wurde dadurch ermöglicht, dass er im staatlichen Auftrag gehandelt hatte, er wurde als Gehilfe eingestuft. Täter ist, wer die Tat als eigene will, lautete die Definition des Gerichts. In diesem Sinne war Staschynskij kein Täter. Er lebt womöglich noch heute unter anderem Namen in Deutschland.

Auf dem dritten Friedhof hilft die Natur beim Vergessen. Johannes kämpft sich durch meterhohe Disteln und Brennnesseln. Die entsorgten Sowjetsterne von den Soldatengräbern und die Leninstatue will er noch finden. Nur die Mücken scheinen sich über Besuch zu freuen. Im Auto schlage ich rasch ein Dutzend von ihnen tot. Ein Heuwagen braucht Platz, weil der etwa zwölfjährige Kutscher Feierabend machen möchte. Ich parke den Jeep beinahe im Straßengraben. Johannes gibt die Suche auf.

Den Priester besuchen wir nicht mehr, obwohl ich es Olga versprochen hatte.

Quelle u.a.: Karl Anders, Mord auf Befehl, Verlag Fritz Schlichtenmayer, Tübingen 1963

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