Unter guten Leuten

Mexiko Wer als Ausländer ohne Pass durch das Land reist, muss auf einen Alptraum gefasst sein
Unter guten Leuten
Mexikanische Gefängnisarchitektur

Foto: Yuri Cortez/AFP/Getty Images

Erschöpft von einem emotionalen Besuch bei Indígenas in Chiapas, saß ich in einem Bus nach Mexiko-Stadt. Die Kontrollen durch die Migrationsbehörden merkte ich nur am Rande. Die ersten drei verliefen ruhig, obwohl ich meinen Pass in der Hauptstadt gelassen hatte, mein Personalausweis schien zu reichen. Doch dann gab es diese vierte Kontrolle kurz nach Mitternacht. Ein schmächtiger, gereizter Beamter des Staates Veracruz fragte mich nach Beruf und Reiseziel. Nachdem ich angegeben hatte, Filmemacher zu sein, wurde ich in einen schlauchartigen Transporter ohne Fenster gesetzt, in den bereits fünf müde Honduraner gesperrt waren, die man auf dem Weg in die USA aufgegriffen hatte.

Mit nur einem Anruf hätten die Polizisten meine Identität sicher feststellen können, ich hatte schließlich ein Visum, doch sie taten es nicht. Während der Fahrt ohne Licht und ins Ungewisse rutschten wir in wilden Schlenkern hilflos im Gefährt umher. Vor einem größeren Gebäude empfing uns ein uniformierter Mann und fauchte mich an, dass dies kein Gefängnis sei. Gerade dem Transporter entstiegen, hatte ich ein flaues Gefühl im Magen.

Auf den steinernen Bänken des Vorraums wurden wir zwischen Schalen mit Essensresten verhört. Ich war auf Recherchereise für einen deutsch-mexikanischen Spielfilm. Bei der Aussage über meine Aktivitäten in Mexiko sparte ich das jedoch aus, ebenso den Besuch in Ayotzinapa, wo ich den Dokumentarfilm Esperanza 43 gedreht hatte, bei dem es um die 43 Studenten der Universität Ayotzinapa ging, die 2014 von Polizisten entführt wurden und nie wieder auftauchten.

Mein Name kam abhanden

Die Wärter nahmen mir alles weg bis auf die Kleidung, die ich am Leib trug. Auch mein Name kam abhanden – ab jetzt war ich nur noch „el alemán“. Es war nach drei Uhr morgens, als mich ein Polizist allen Ernstes vor Vergewaltigungen durch Mitgefangene warnte. Das Ganze wirkte so lange wie ein schlechter Witz, bis ich in eine Zelle fast ohne Licht geführt wurde. Von der Decke baumelte ein brennender geflochtener Faden, dessen dichter Rauch den Raum ausfüllte. Im Lichtkegel der Taschenlampe des Wärters zählte ich ein halbes Dutzend Männer, die ihre Köpfe aus den Betten erhoben und mich mit um den Schlaf gebrachten Gesichtern anstarrten. Ich sagte, als Asthmatiker könne ich hier nicht bleiben, und hoffte auf Freilassung. Aus dem Dunkeln kam die Retourkutsche in Gestalt einer bedrohlich strapazierten Stimme. Also gab ich mich mit einem Schlafplatz zufrieden, der vorher als Abstellfläche gedient hatte, als der Wärter vorschlug, mir in einigem Abstand von der Lichtquelle ein Etagenbett mit ebenjener aggressiven Person zu teilen. Dann wurde abgeschlossen.

Das Gefühl, nicht mehr nach draußen zu können, war ein nachhaltiger Schock. Von nun an schwieg ich und atmete tief durch, als sich die bedrohliche Stimme einem Mithäftling, einem Chinesen, der weder Spanisch noch Englisch sprach, zuwandte. Ich konnte nicht schlafen, wollte aber keine Angst zeigen, weder gegenüber den Zelleninsassen noch gegenüber den Wärtern.

Als es heller wurde, erkannte ich Kakerlaken auf den Betonvorsprüngen, und an den Wänden die Kürzel „MS“ für „Mara Salvatrucha“. Diese Gang zählt zu den gewalttätigsten der Welt. Gehörte der ältere, großflächig tätowierte Schreihals von letzter Nacht, auf dessen Rücken der Name „Alvarez“ prangte, eventuell dazu?

Außer dem Chinesen gab es in der Zelle noch einen kahlgeschorenen Mann, der „Gringo“ genannt wurde. Dazu einen „Spanier“, der mit einem lauten „Ein neuer Tag im Knast“ aufwachte, Mitte 20 schien, abgemagert und ohne Shirt war. „Wir sind gute Leute, du hast Glück“, wandte sich „Kolumbien“ mir zu. Er war Tourist, auch seine Dokumente lagen in Mexiko-Stadt.

Bald strömten Hunderte, fast ausschließlich Migranten aus Südamerika, auf den Innenhof des Gefängnisses und sammelten sich rund um ein Fernsehgerät. Auf Bänken und in den Betonwaschbecken sitzend, schauten sich alle eine Soap-Opera an, als wäre es Morgenroutine. Wie lange waren sie wohl schon hier?

Der Kolumbianer Antonio wusste, an welcher der Eisentüren wir klopfen mussten, um nicht ohne jede Aussicht auf einem Termin bei einem Rechtsbeistand zu bestehen. Offenbar wussten viele Insassen nicht, wer ihnen helfen konnte, und warteten einfach ab. Antonio aber stand unter Druck: Sein regulärer Flug in die Heimat sollte noch am Abend abheben. „Alemán“ raunte es mal neugierig, mal drohend, wo immer ich mich bewegte. Ich passierte mit Antonio den Hof und das verwaiste Basketballfeld. Mehrmals wurden wir von den Wachen abgewimmelt, bis wir schließlich doch ein Büro betreten durften. Dort konnte ich einem grauhaarigen, stets lächelnden Beamten meine Geschichte schildern. Ich entschuldigte mich zurückhaltend dafür, den Pass in der Hauptstadt gelassen zu haben. Aber war ich deswegen im Gefängnis? Auf meine Frage erfuhr ich lediglich, dass ich bald „draußen“ sein würde. Dann durfte ich eine Freundin anrufen, damit sie eine Kopie meiner Papiere schickte. Danach kontaktierte ich auch den ausgebufften Anwalt Luis, den ich durch den Film über den Fall Ayotzinapa kannte. Ich verstand Luis nicht und gab den Hörer an den lächelnden Mann weiter, der sich höflich vorstellte. Das Lächeln verging ihm. Danach wurde ich mehrfach ins Büro gerufen, um gleich wieder in die Zelle zu müssen. Ich fühlte mich vorgeführt, denn alles, was ich tun konnte, bestand darin, mich zu entschuldigen.

Obwohl der Spanier Samuel wegen seines illegales Aufenthalts im Land bereits zwei Wochen im Gefängnis war, las er ruhig sein Buch. Er bemerkte meine steigende Unruhe und unterhielt sich mit mir. Als er überraschend ins Englische wechselte, taute der bis dahin stumme „Gringo“ auf und stellte sich sowohl als „Ken“ wie als „Logan“ vor. Er sei ehemaliger US-Soldat und habe in Mexiko um Asyl gebeten. Da er aber laut den mexikanischen Behörden in seinem Heimatland nicht existiere, habe er sich für einen alternativen Namen entschieden.

Der Kolumbianer und ich wurden abermals nach „oben“ gerufen. Vor dem Büro wartete Antonios frühere Kommilitonin Alejandra mit Tränen in den Augen und seinem Reisepass in der Hand. Auch meine Dokumente kamen per E-Mail an. Während des Wartens erzählte mir Alejandra von ihrem Muskelkater, den sie einer Partie Beachvolleyball verdanke. Für die exotisch klingenden Worte aus einer anderen Welt hätte ich sie am liebsten umarmt. Gleichzeitig wurden mir der Druck und die Wut der letzten Stunden bewusst.

Meine Angst vor den anderen Eingesperrten war mittlerweile weg, wenngleich ich mich in den Toiletten ohne Schloss nach wie vor nicht sicher fühlte. Samuel, der Spanier, erzählte mir schließlich von einer Liste von Beschwerden über die „Haftbedingungen“. Die Insassen hatten sie heimlich zusammengetragen. Ich wollte die Liste sehen. Bei der Suche danach kam uns Antonio, der Kolumbianer, mit betrübter Miene entgegen. Er musste nichts sagen, allein der Umstand, dass er noch nicht entlassen war, bedeutete: Sein Flug nach Kolumbien würde ohne ihn abgehen.

Zellenkollege „Venezuela“ – einst der Star einer Showtanz-Gruppe in Cancún, wie er erzählte – wusste von der Beschwerdeliste und führte mich zu einem kleinen Salvadorianer, der unter einem Stück Schaumstoff einen karierten, zusammengefalteten Zettelstapel hervorkramte: mit Bleistift notierte Hilferufe der Migranten, Beschwerden über die Behandlung durch die Wärter, Klagen über den Zustand der sanitären Anlagen, bis zur Geschichte einer Schwangeren, die um etwas mehr Essen gebeten hatte, erfolglos geblieben war und daraufhin eine Abtreibung versucht hatte. „Du kannst die Liste mitnehmen“, meinte der kleine Salvadorianer. Als Europäer würde ich eher freikommen und gehört werden als die anderen. Nach kurzer Bedenkzeit versprach ich Hilfe und nahm die Notizen an mich.

Als könnte ich meine Freilassung nun durch Hartnäckigkeit erzwingen, belagerte ich die Eisentür. Doch statt mich zu meinem Gepäck zu lassen, unterzogen mich die Wärter einer Leibesvisitation. Die Hände an die Wand gestreckt, dachte ich an die geheimen Papiere in meiner Tasche, aber sie fanden nichts. Es dauerte noch Stunden, bis ich den Zellentrakt endlich verlassen durfte. Die Wärter konnten angeblich meine Ausrüstung samt Filmmaterial nicht finden. Zum Glück hatte ich mir die Nummer des Schließfachs gemerkt.

Das sei völlig normal, heißt es

Die Gefängnisleitung wollte mich ohne Entlassungspapiere gehen lassen. Begründung: Niemand würde diesen Ort mit Dokumenten verlassen. Wer es anders wolle, müsse das schriftlich beantragt haben. Papier und Stift wurden mir verwehrt, doch wollte ich mich ohne einen Nachweis dieser entwürdigenden Vorkommnisse nicht abschieben lassen. Ich ließ nicht locker und wollte wissen, ob bei meinem Vergehen, kein gültiges Visum bei mir gehabt zu haben, Gefängnis angebracht war. Währenddessen schwirrte ein älterer Wachmann um mich herum und versuchte, mit der pantomimischen Andeutung meiner erneuten Festnahme zu provozieren.

Das beeindruckte mich nicht, ich wollte den Grund für meinen Freiheitsentzug und die Namen der Gefängnisleitung wissen und hatte plötzlich ein Papier in der Hand. Ich stellte mich den verdutzten Personen noch einmal mit meinem kompletten Namen vor und verließ das Gefängnis. Die letzten Stunden über hatte ich mir diesen Abgang genau so ausgemalt.

An einem Samstagmorgen übergab ich die Beschwerden der Migranten in einem öffentlichen Park von Mexiko-Stadt an einen mexikanischen Journalisten, doch der konnte mit dem Material nicht viel anfangen. Es war schlichtweg keine Nachricht wert. Dass Migranten schlecht behandelt würden, das sei doch völlig normal.

Oliver Stiller (40) hat u. a. in Flensburg Internationales Management und Mediengestaltung studiert. Seit 2003 dreht er Kurzfilme, darunter Schlepper, Die Spinne, Cuba al Corazón, Der Alte und Der Zombie. 2009 entstand mit Vagabund sein erster Spielfilm

06:00 21.02.2018

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