Unter ihresgleichen

Gegenentwurf Auf Einladung von Jürgen Elsässer trafen sich Homo-Ehen-Gegner und Feminismus-Kritiker in Leipzig
Jennifer Stange | Ausgabe 48/2013 21
Unter ihresgleichen
Jürgen Elsässer, Herausgeber des Magazins Compact

Foto: picture alliance/dpa

"Mut zu Wahrheit", dieser Anspruch begleitete als riesiges Banner all diejenigen, die am 23. November bei einer von dem rechtspopulistischen Magazin Compact ausgerichteten Konferenz in Leipzig ans Rednerpult traten. Wichtige Fragen, die sonst angeblich niemand zu stellen wage, sollten diskutiert werden: Macht die Homo-Ehe die Familie kaputt? Zerstört Gendermainstreaming die Identität? Und steht Europa deswegen der Untergang bevor?

Nein, dass diese Themensetzung zu völkischem Denken einladen oder in ein Schwulen- und Lesbenbashing abgleiten könnte, hatte Jürgen Elsässer im Vorfeld immer wieder abgestritten. Elsässer ist Chefredakteur und Verleger von Compact. In den siebziger Jahren war er Mitglied des Kommunistischen Bunds, hatte danach für Konkret und auch den Freitag geschrieben.

Es ginge ihm um das Positive, betonte Elsässer. Die gute Stimmung war aber dahin, noch bevor es richtig losging. Gegendemonstranten hatten Teilnehmer der Konferenz auf dem Weg in die Halle geküsst, bespuckt, umarmt, geschubst und den überwiegend älteren, männlichen Besuchern gedroht: „Eure Kinder werden so wie wir!“ Von außen hämmerten die Protestierenden gegen die Wände, als Elsässer die Besucher begrüßte. Das da draußen sei ein „Aufstand gegen die Biologie“ wetterte er mit ausladenden Gesten.

Für die „deutschen Zustände“ entschuldigte er sich bei der folgenden Rednerin: Natalia Narotchnitskaya, Präsidentin des „Instituts für Demokratie und Zusammenarbeit“, ein als Kreml-nah geltender Think Tank, der sich nach eigenen Angaben aus russischen Spendengeldern finanziert. Und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschenrechtslage in den USA und anderen westlichen Staaten zu beobachten.

Dem Untergang geweiht

Das westliche Europa würde sich von der Zivilisation verabschieden, verkündete Narotchnitskaya. Unter dem Druck der „Ultrapostmodernisten“ und ihrer falschen Religion der Menschenrechte, würden die Grenze zwischen Sünde und Tugend, zwischen Schönheit und Hässlichkeit, zwischen Gut und Böse verwischt. Wenn sich die Freiheit an „Paraden sexueller Minderheiten“ messen lassen müsse, Transexuelle und Sodomiten zu Halbgöttern erhoben würden, werde die „Bestialisierung“ des Menschen weiter voranschreiten. Und dann sei die Welt dem Untergang geweiht.

„Schönheit“ werde sie aber retten, Werte, Traditionen, schwärmte anschließend die Duma-Abgeordnete Elena Mizoulina. In Russland würden die familiären Werte niemals fallen, verkündete sie. Mizoulina ist Vorsitzende des Duma-Familienausschusses und war wesentlich an der Ausarbeitung der neuen Familien- und Jugendschutzgesetze in Russland beteiligt, die sogenannte „Homo-Propaganda“ verbieten. Denn was Erwachsene in Russland nicht wahrhaben wollen, davon dürfen Kinder und Jugendliche nichts wissen.

Überdeutlich wurde in Leipzig vorgeführt, wie sehr sich die Radikalisierung traditioneller Werte aus dem Unbehagen an der Unübersichtlichkeit der Gegenwart und ihren komplexen, heterogenen Identitäten speist. Die patriarchalische Familie ist der Fluchtpunkt der fundamentalistischen Gesellschaftskritik. Eingebettet in ein heilsgeschichtliches Drama, das ständig Bilder des spirituellen und moralischen Verfalls aufruft. Fast alle Entwicklungen werden aus dieser Perspektive in ihren Auswirkungen auf die traditionelle Familie betrachtet. Sie gilt als Garant christlicher Kindererziehung und christlicher Gesellschaft. Familie, Glaube, Bibel und Moral werden als unlösbare Einheit begriffen, aus der sich Wohl und Wehe anderer gesellschaftlicher Institutionen unmittelbar ableitet.

Was in Russland Staatsräson sein mag, ist in Deutschland bisher noch weitestgehend religiösen Fundamentalisten überlassen. Die Konferenz zeigte aber, dass sich Fundamentalismus und Konservatismus oft nur graduell unterscheiden. Die größte Gefahr wird von vielen in den Errungenschaften des Feminismus und der Pluralisierung von Lebensformen gesehen.

Das "Schöpfungsgesetz"

Eva Hermann meldete sich per Videobotschaft und redete gegen den "totalitären Gender-Wahnsinn" an. Gendermainstreaming ist ihr zufolge eine U-Boot-Theorie. Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden versprochen, in Wahrheit werden aber andere, im Verborgenen liegende Ziele verfolgt: die Abschaffung der Zweigeschlechtlichkeit, die Auflösung der traditionellen Familie, die Herabwürdigung des Mannes, kurz: alles, was gegen das "Schöpfungsgesetz" verstößt.

Im Vorfeld hatte ein beachtlicher Teil der angekündigten Referenten kurzfristig die Teilnahme wieder abgesagt. Auch die sächsische Landesvorsitzende der "Alternative für Deutschland", Frauke Petry, wollte sich hier lieber nicht sehen lassen. Es blieben einige B-Promis: Monika Ebeling, die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte aus Goslar, hatte ihren großen Auftritt. Sie hatte ihren Job verloren, weil sie sich angeblich zu sehr für Männer engagierte. Sie würde es wieder tun, erklärte sie. Und weil sie nicht länger hinnehmen wolle, dass Männer in der Regel früher als Frauen sterben, sei es nun an der Zeit, dem Feminismus "Dinge wie Ehe, Familie und Mutterschaft" aus den Händen zu reißen.

Jennifer Stange schrieb im Freitag zuletzt über die Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main.

06:00 02.12.2013
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 21

Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community