Unter Schafen

Widerstand Satiremagazine wie „Uykusuz“ und „LeMan“ haben in der Türkei Kultstatus. Ihre Zeichner haben viel zu erzählen. Nur einer findet das gar nicht witzig

Schluss mit lustig“ – dieser Satz beschreibt die aktuelle Lage in der Türkei recht treffend. Ein Jahr nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 sind Hunderttausende Oppositionelle im Land von Repressionen betroffen, wurden entlassen, enteignet oder verhaftet. Laut türkischem Justizministerium gab es seither 169.000 Strafverfahren. Die Gewaltenteilung ist aufgehoben, Presse- und Meinungsfreiheit sind ebenfalls weitgehend abgeschafft.

Aber eine kleine Gruppe aus der Medienbranche widersetzt sich weiterhin. Mit sprühendem und bissigem Humor setzen sie der brutalen Staatsmacht hintersinnige Botschaften entgegen: die Karikaturisten und Comiczeichner. Ihre Kernpublikationen sind die Satiremagazine LeMan und Uykusuz, bis vor Kurzem gehörte noch das aus finanziellen Gründen eingestellte Penguen dazu.

Dass der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wenig Spaß versteht, ist bekannt. Er hat eine lange Tradition im Verklagen von Satirikern, das fortgesetzte Prozessieren gegen den Moderator Jan Böhmermann ist dabei nur ein neuer trauriger Höhepunkt. Schon 2005 zerrte Erdoğan den Zeichner Musa Kart vor Gericht, weil dieser ihn als Katze dargestellt hatte. Penguen solidarisierte sich und brachte ein Titelbild mit einem „Tayyip-Zoo“: Erdoğan als Affe, Kuh, Giraffe, Schlange.

Erst Karikatur, dann Haft

Heute ist Musa Kart in Haft, weil er für die oppositionelle Tageszeitung Cumhuriyet gearbeitet hat. Offiziell aber weder wegen Karikaturen noch wegen journalistischer Arbeit. Man wirft ihm vor, die PKK und die Gülen-Bewegung unterstützt zu haben, der die AKP den Putschversuch vorwirft. So gut wie jeder, der eine regierungskritische Einstellung hat, bekommt diesen Stempel aufgedrückt. Zur Einordnung hilft es, zu wissen, dass die kemalistisch ausgerichtete Cumhuriyet sowohl der PKK als auch der Gülen-Bewegung gegenüber kritisch bis ablehnend eingestellt ist.

Schluss mit Lustig. Aktuelle Satire aus der Türkei heißt dementsprechend eine Anthologie, die Sabine Küper-Büsch nun im Berliner Avant-Verlag vorlegt. Zahlreiche der enthaltenen Arbeiten werden außerdem bis Ende August in der Caricatura – Galerie für Komische Kunst in Kassel zu sehen sein.

46 Cartoonisten versammelt die seit einem Vierteljahrhundert in Istanbul lebende Journalistin und Dokumentarfilmerin in der Sammlung, die aktuelle Karikaturen auch in einen historischen Kontext setzt. Die ersten derartigen Zeichnungen gab es im Osmanischen Reich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, bis Sultan Abdülhamid II. ab 1876 die Zensur zuschlagen ließ.

Obwohl heute viele Karikaturisten in Haft sind oder mit Gerichtsverfahren bedroht werden, hat Erdoğan bisher noch nicht zum großen Schlag gegen Magazine wie Uykusuz oder LeMan ausgeholt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen, so erläutert Küper-Büsch, handelt es sich um Kultpublikationen mit Figuren, die landesweit populär sind. Ein Verbot würde höchstwahrscheinlich größere Proteste hervorrufen. Zum anderen haben die Herausgeber einen Vorteil gegenüber anderen Publikationen wie etwa Tageszeitungen. Während die allermeisten Redaktionen in der Türkei zu Großunternehmen gehören, die unter der Kontrolle des Staates stehen, sind die kleinen bunten Hefte unabhängig. Es gibt keine übergeordnete Instanz, die im Zweifel Redakteure feuert oder ihnen sagt, was sie zu schreiben haben.

Trotzdem befinden sie sich in einer schwierigen Lage. Die Auflagen sind zuletzt gesunken, das 2002 gegründete Magazin Penguen musste im Frühjahr dieses Jahres das Erscheinen einstellen. Erhältlich sind die Hefte fast nur noch in den Großstädten wie Istanbul, Ankara und Izmir. Doch sogar dort wird enormer Druck auf Einzelhändler ausgeübt, sie aus dem Verkauf zu nehmen. Hinzu kommt die Selbstzensur. Die Autoren wissen, dass sie längst nicht mehr alles machen können. Immer stärker müssen sie ihre Botschaften verklausulieren, hinter Symbolen und Doppeldeutigkeiten verstecken. Auch die Titelbilder sind harmloser geworden, heftigere Themen wandern ins Heftinnere. Von einer freien Arbeit kann also nicht mehr die Rede sein. Mitarbeiter von LeMan berichteten, dass sie per Mail und in den sozialen Medien heftig angegriffen und verunglimpft werden, dass sie Angst haben vor Angriffen auf ihre Redaktion. Da denkt man fast zwangsläufig an den Anschlag im Januar 2015 auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo in Paris.

Trotzdem wird jeder, der die türkische Satiretradition nicht kennt, von vielen Motiven überrascht sein. Im Januar 2016 zeigte LeMan Erdoğan auf dem Cover, die Verfassung klebte als Hitlerbärtchen über der Oberlippe. Ein Uykusuz-Titel brachte dem Magazin eine Klage ein: Zu sehen ist Erdoğan, der im Fernsehen predigt, davor zwei Schafe, die sagen: „Wir werden dich nicht zu unserem Hirten ernennen!“ Eine eindeutige Anspielung auf das Verfassungsreferendum, das Erdoğan im April 2017 nur knapp für sich entscheiden konnte. Verballhornt hat LeMan 2015 auch das berühmt gewordene Foto, das Angela Merkel und Erdoğan auf goldenen Thronen zeigt – er im Sultansornat, auch sie in osmanischer Pracht und mit dem Ausspruch: „Auweia … wo bin ich denn hier gelandet?“

Verbotene Bücher gefressen

Küper-Büsch zeigt in ihrem Buch Comic-Strips und Karikaturen unterschiedlichster Stilrichtungen. Sie erläutert den Hintergrund der darin auftretenden Figuren, auch die teils geschickt versteckten Anspielungen auf bestimmte Ereignisse der türkischen Politik und Zeitgeschichte, die deutsche Leser sonst wahrscheinlich übersehen würden. Und sie stellt Arbeiten aus jüngster Zeit solchen aus den 1980ern entgegen, die verdeutlichen, wie sehr die heutige Türkei doch dem Putschregime von damals ähnelt. Ikonisch ist das Bild, auf dem eine winzige Maus von einem Polizeitrupp abgeführt wird mit der Begründung: „Sie hat verbotene Bücher gefressen!“

In ihren besten Zeiten verkauften Satiremagazine in der Türkei bis zu zwei Millionen Exemplare pro Woche. Heute kämpfen sie ums Überleben, die Zeichner und Redakteure brauchen längst Nebenjobs, um ihre Arbeit querfinanzieren zu können. Sie haben Angst, aber ans Aufgeben wollen sie nicht denken. Das ist eine Haltung, die man schon aus der Zeit der Gezi-Proteste kennt. Damals reagierten die Demonstranten auf die Polizeigewalt und die Unnachgiebigkeit des Staates vor allem mit entwaffnendem Humor.

Schluss mit Lustig ist eine ambitionierte Anthologie gelebten Widerstands gegen Willkür und Unterdrückung. Sie ist nicht zuletzt ein starker Ausdruck eines demokratisch-pluralistischen Verständnisses in einem Land, das in die Diktatur zu kippen droht. „Die politische Lage verlangt momentan nach einer solchen Publikation“, sagt die Herausgeberin. „Die Zeichner möchten ja gesehen und gehört werden, sie haben viel zu erzählen.“ Lustig sei nur die karikierte Wirklichkeit nicht mehr.

Info

Schluss mit Lustig. Aktuelle Satire aus der Türkei Sabine Küper-Büsch (Hg.) Avant 2017, 80 S., 15 €

Die gleichnamige Ausstellung in der Caricatura – Galerie für Komische Kunst in Kassel läuft vom 20. Juli bis 27. August

06:00 02.08.2017

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