Unter Schlamm

Südsudan In dem vom Bürgerkrieg geplagten afrikanischen Land verursacht auch die Regenzeit eine Katastrophe
Cedric Rehman | Ausgabe 39/2014 1
Unter Schlamm
In diesem Camp (Region Malakai) sind etwa 12.000 Menschen gestrandet, ohne eine wirkliche Zuflucht gefunden zu haben

Foto: Charles Lomodong / AFP / Getty Images

Der Regen kann töten wie die Salven aus Maschinengewehren, aber er kostet keine Munition. Die Regierungssoldaten müssten es einfach so machen wie die Geier – warten, bis die Stammesangehörigen der Nuer im Schlamm sterben, sagt Simon. „Die bleiben, wo sie sind, selbst wenn es im Camp passiert. Sie haben viel zu viel Angst vor dem, was mit ihnen geschieht, wenn sie die UN-Zone verlassen.“

Simon ist UN-Mitarbeiter. Er will seinen vollen Namen nicht verraten. „Wenn du hören willst, was wirklich in Bentiu passiert, dann frag nicht nach Namen“, sagt er. Das Lager Bentiu, in der Nähe der Hauptstadt des Bundesstaats Unity, ist seit Beginn der Regenzeit eine nasse Hölle mitten im Busch. 45.000 Menschen sind hier zwischen den Fronten eingekesselt. Als die Armee Bentiu wiedererobert hatte, flohen die Nuer auf das UN-Gelände. Zu ihrem Stamm gehört der Rebellenführer und frühere Vizepräsident Riek Machar.

Seit Wochen steht das Wasser knietief auf dem sumpfigen Boden. Die von Helfern errichteten Zelte versinken im Morast. Ende August hat eine Rakete einen Helikopter getroffen, der Nahrung und Medikamente bringen wollte. UNMISS, die Südsudan-Mission der Vereinten Nationen, stellte daraufhin die Hilfsflüge vorübergehend ein. Bis heute weiß niemand, wer hinter dem Angriff steckt.

Ein zweites Ruanda?

Auch das Flüchtlingscamp Thongping für die aus der Hauptstadt Juba vertriebenen Nuer gleicht seit Wochen einem Sumpf. Die Regenflut dringt durch die Zeltplanen. Lebensmittel schimmeln, Matratzen und Decken sind feucht und stinken. Irgendwann fließt alles in eins – das Wasser von oben, die Kloake, der Müll. Dann waten die Menschen durch den Dreck und hoffen, in keine Scherbe zu treten und einer Blutvergiftung zu entgehen. Mütter halten nachts ihre Kinder im Arm, weil sie Angst haben, dass die im Dunkeln ertrinken. Die Regenzeit wird noch Wochen dauern. Deshalb will UNMISS das Lager räumen und alle Flüchtlinge auf höher gelegenem Terrain unterbringen. Aber dahin will keiner gehen.

Der Medikamentenhändler John Dok weiß, warum. Auf einem Tisch unter seinem Zeltdach stapelt er Malaria- und Typhustabletten. Er nennt sich Klinikchef, obwohl Schmuggler zutreffender wäre. Natürlich seien die Helfer außerhalb des Lagers keine feindlichen Dinka, sondern gehörten zu neutralen Stämmen. „Aber die Dinka in Juba würden diese Menschen töten, wenn sie wüssten, dass sie uns unterstützen. Und sie würden uns töten, wenn UNMISS nicht wäre“, glaubt John Dok. Das Lager verlassen und auf den Hügel ziehen, wie es die UN-Helfer wollen, hält er für Wahnsinn. „Wir wissen, dass in der Nähe dieses Geländes Militärbaracken sind. Gehen wir dorthin und bleiben alle auf einem Fleck, haben die es doch viel leichter, uns umzubringen.“ Manchmal würde er nicht verstehen, was in den Köpfen der UNMISS-Mitarbeiter vorgeht. „Glauben die, dass wir freiwillig in diesem Dreck leben? Wir hatten einst alle anständige Häuser aus Beton. Aber jetzt können wir nirgendwo anders hin, selbst wenn wir mit unseren Kinder hier sterben.“

Cedric Rehman ist freier Autor und war in den vergangenen Wochen im Südsudan unterwegs

Auf die Frage, ob im Südsudan ein Völkermord droht oder bereits begonnen hat, gibt es verschiedene Antworten. Hilfsorganisationen warnen seit Monaten vor einem zweiten Ruanda. Die Dinka, die im Augenblick die Elite rund um den Präsidenten Salva Kiir stellen, beschuldigen die Rebellen aus dem Volk der Nuer und damit des früheren Vizepräsidenten Riek Machar, für etliche Massaker verantwortlich zu sein. Ohne Zweifel haben Machars Truppen im April in Bentiu Hunderte von Dinka ermordet, die in Kirchen Schutz suchten. Sogar die Patienten eines Hospitals wurden nach ethnischer Zugehörigkeit selektiert und – sofern es sich um Dinka handelte – getötet. Ein halbes Jahr später suchen in den Nordstaaten Unity, Jonglei und Upper Nile viele Nuer Zuflucht in den UN-Camps oder ziehen sich in den Busch zurück, fernab von Versorgung und Infrastruktur. Es kursiert das Gerücht, die Regierung treibe die Menschen bewusst in überschwemmte Lager oder in die Wildnis, um der Rebellion durch ein Massensterben die ethnische Basis zu nehmen.

Der Politikwissenschaftler Zacharias Diing Akol scheint in Juba mit seinem klimatisierten Büro auf einem anderen Planeten zu leben. Auch seine Sicht auf den Krieg ist eine andere als üblich. Für ihn gibt es zwei Ebenen des Konflikts. Auf der nationalen würden in die Jahre gekommene Kader aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen den Norden um die Pfründe des jungen Staats im Süden kämpfen. „International aber stehen sich die USA und China gegenüber. Keiner von beiden will zulassen, dass der Südsudan mit seinem Ölreichtum unter den Einfluss des Rivalen fällt.“

Der ethnische Konflikt ist für Diing nur von nachrangiger Bedeutung. „Dinka und Nuer haben bisher nur dann gegeneinander gekämpft, wenn sie durch die Loyalität gegenüber rivalisierenden Führern in der südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM aneinandergerieten. Mit Hass, wie er etwa beim Genozid von 1994 zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda bestand, hat das weniger zu tun.“

Zacharias Diing Akol hat mit anderen Analysten 2012 einen Thinktank gegründet, der die Regierung berät. „Wir haben vor einem Jahr Staatschef Salva Kiir und seinen Vize Riek Machar gebeten, den Ton zu mäßigen, weil die Stimmung bei ihrem Streit um die Macht immer aggressiver wurde. Was wir sagten, war in den Wind gesprochen.“ Im Dezember 2013 seien dann die Dämme gebrochen, als Salva Kiir befahl, die Anhänger des bereits aus dem Amt geworfenen Riek Machar zu entwaffnen. Ursache des Konflikts seien aber nicht die Ethnien, sondern die Bande zwischen Militär und politischer Macht in der heutigen Regierungspartei SPLM. „Die SPLM hat sich nie klar dafür entschieden, was sie sein will – Armee oder Partei.“

Chinas Interessen

Bis Ende 2013 hat es in Juba einen von den Öleinnahmen befeuerten Bauboom gegeben, von dem derzeit viele nackte Betonklötze zeugen. Trotz des Kriegs sind die Hotels der Stadt noch voll mit chinesischen Geschäftsleuten. Nachts, wenn fast nur noch die Generatoren der großen Hotels Strom liefern, sitzen sie mit SPLM-Vertrauten in den Dachgärten und blicken auf eine in Dunkelheit gehüllte Stadt. Es wird Champagner getrunken und Feierlaune ausgekostet, als läge das Flüchtlingslager Thongping auf einem anderen Stern.

Niemand sei über die Allianz zwischen Peking und Juba so verärgert wie die Amerikaner, glaubt Diing. Im Grunde handelt es sich um einen Fall von enttäuschter Liebe. Washington fühlte sich zu Zeiten der sudanesischen Einheit zur Schutzmacht des christlichen Südens berufen. Es war George Bush, der Salva Kiir einen Cowboyhut schenkte. Der trägt ihn bis heute als Markenzeichen.

Als Gegenleistung für den jahrzehntelangen Beistand erwarteten die USA, an den Ölgewinnen im Südsudan angemessen beteiligt zu werden. Doch Juba hielt sich an die Verträge, die noch vor der Unabhängigkeit von der Regierung in Khartum mit Peking geschlossen wurden. Kiir trug zwar George Bushs Hut, machte aber Geschäfte mit den Chinesen. Heute betrachtet er die Amerikaner sogar als seine Feinde. Die Regierung Obama wolle ihn stürzen und mit seinem Nachfolger Konzessionen für die Ölquellen aushandeln, lässt Kiir verkünden, nachdem sich Washington für eine Übergangsregierung ohne ihn als Präsidenten ausgesprochen hat. Im UN-Sicherheitsrat scheitern die USA regelmäßig mit ihren Resolutionsentwürfen zum Bürgerkrieg im Südsudan. Russland und China legen einträchtig ihr Veto ein gegen alles, was Salva Kiir schaden könnte.

Doune Porter muss schon wieder gähnen. Die Mitarbeiterin von UNICEF ist früh aufgestanden, um zum Flughafen von Juba zu fahren. Kaum angekommen, hat sie erfahren, dass der heutige Flug wegen schlechten Wetters ausfällt. Porter trägt trotzdem weiter die Gummistiefel, die sie heute morgen angezogen hat. Seit Wochen leben UN-Mitarbeiter wie sie im permanenten Alarmzustand. Das zerrt an den Nerven. Viele fühlten sich erschöpft und überfordert von einer Mission, die nicht zu bewältigen sei, sagt Porter. Sie berichtet vom üblichen Ablauf der Hilfsaktionen, die immer öfter auf dem Rollfeld des Juba-Airports enden. „Ist der Wetterbericht gut, wird in Eile alles vorbereitet. Die Helikopter werden vollgepackt mit Lebensmitteln und Medikamenten, Personal wird angefordert und zum Flughafen in Juba gefahren. Und dann heißt es wieder: Es gibt keinen Flug, weil Kämpfe gemeldet werden. Oder weil das Wetter umschlägt. Das macht uns fertig“, sagt Porter. „Jedem ist doch klar, was es für die Menschen bedeutet, die auf uns warten.“

Niemals aufgeben

Dabei erreichen die UNO und die anderen Helfer ohnehin nur einen Teil der Bedürftigen. Rund vier Millionen Menschen sind derzeit im Südsudan auf Lebensmittelhilfen angewiesen, darunter 1,7 Millionen Vertriebene. Vermutlich eine Million Menschen harren ohne externe Versorgung im überfluteten Busch aus, unerreichbar für internationale Helfer. Die Frage, ob der Südsudan nun kurz vor einer Hungerkatastrophe steht oder schon mittendrin ist, will Doune Porter nicht klar beantworten. UNICEF wisse im Moment von 250.000 Kindern, die schwer unterernährt seien. „50.000 werden sterben, wenn nichts passiert.“

UNMISS warnt derweil vor den Folgen der Ernteausfälle in den Kampfzonen. „Das Schlimmste lässt sich nur abwenden, wenn der Krieg sofort beendet und die internationale Hilfe massiv aufgestockt wird“, meint Doune Porter. Sie wisse aber, dass es danach nicht aussähe. Während die UNO bislang nur einen Teil der versprochenen Hilfsmittel von den Mitgliedsländern erhielt, hat die Regierung des Südsudan jüngst Waffen im Wert von 38 Millionen Dollar aus China gekauft und mit Öl bezahlt.

Porter erzählt, sie habe aus ihrem Heimaturlaub in Großbritannien eine Kaffeetasse mitgenommen. „Darauf steht: ‚Niemals, niemals, niemals aufgeben‘.“

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06:00 30.09.2014

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