„Unterdrücken Sie Ihre Frau, als Muslim?“

Fremdheit Im Taxi lernt unsere Kolumnistin einen jungen Mann kennen, der schon viele „interessierte“ Fragen über sich ergehen lassen musste
„Unterdrücken Sie Ihre Frau, als Muslim?“
Die Frage der Frage unter dem gelben Schild: „Und, was machen Sie so?“

Foto: Imago Images/Jürgen Ritters

Ich gehe nicht gerne zum Friseur. Das liegt nicht an meinen Haaren. Es hat mit dem zu tun, was während des Haareschneidens sonst noch geschieht: Smalltalk. Man plaudert über das Wetter, verstopfte Straßen, die Kaffeequalität. Während andere Menschen hier meist tiefenentspannt mit dem Friseur vom Hölzchen aufs Stöckchen geraten, fühle ich mich unwohl in meiner Haut, kann gar nicht zuhören. Und wenn ich dann in Schweiß gebadet und erleichtert den Laden verlasse, weiß ich oft nicht mal, wie der*die Friseur*in den Schneeregen nun findet: schrecklich? Oder doch ganz schön?

Aus demselben Grund fahre ich ungern Taxi, obwohl ich ein ausgesprochen fauler Mensch bin, von Natur aus. Im Taxi dieselbe Suche nach adäquaten Fragen: wie viele Einwohner die Stadt hat, wenn ich mich an einem fremden Ort befinde. Ob die Straßen zurzeit verstopfter sind als sonst. Letzte Woche saß ich im Taxi, in einer Stadt, in der ich nicht lebe, die mir dennoch nicht fremd ist. Der Taxifahrer, ein netter junger Typ, fragte mich, was ich mache, was auch „so eine“ Frage ist. Wenn ich die Wahrheit sage, dass ich nämlich Bücher schreibe, dann zieht das eine Reihe von Fragen nach sich, die ich gar nicht beantworten will: Kann man die kaufen? Worüber schreiben Sie so? Wie kann ich erklären, dass Autor*innen schon seit Jahrhunderten nach einer Antwort suchen? Und während ich mich (schon wieder schwitzend) fragte, ob ich mich besser als Flugbegleiterin ausgeben sollte, obwohl oder gerade weil ich Flugangst habe, sagte er: „Oder finden Sie meine Frage übergriffig?“

So kamen wir dann ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er das kenne, diese übergriffigen Fragen, er sei ja Muslim. Ich hatte aufgehört zu schwitzen. „Und?“, fragte ich. „Na, das sieht man ja, dass ich nicht von hier komme.“ Er sprach mit diesem Akzent, den Menschen haben, die in Norddeutschland aufgewachsen sind. Sie klingen alle, als seien sie Fischer. „Und?“, fragte ich und versuchte, auch ein wenig so zu klingen. Na, dann stellten ihm die Menschen eben diese Fragen. Ob er Schweinefleisch esse, beispielsweise. Ob er seine Frau unterdrücke. „Haben Sie eine?“, unterbrach ich ihn. „Nein“, antwortete er, „nein.“ Ob er Terroristen kenne, so aus der entfernten Familie zum Beispiel, wäre auch eine beliebte Frage.

Man fragt sich, was in solchen Menschen vorgeht, die so was fragen. Was für eine Antwort stellt sich so ein Mensch vor? Vielleicht: „Ja, interessant, dass Sie fragen, mein Cousin dritten Grades, auf der mütterlichen Seite, der ist zwar nicht Terrorist, aber Clan-Mitglied.“ Worauf er was entgegnen würde? „Ach, das klingt ja interessant. Erzählen Sie doch ein wenig mehr.“

Mein Gespräch mit dem Taxifahrer ließ mich an Lesungen denken, bei denen ich aus einem Buch gelesen hatte, das sich mit dem Judentum beschäftigt, und nach denen ich – in der Öffentlichkeit, vor lauter fremden Menschen – an der Stelle, an der sich Zuhörer*innen gemeinhin danach erkundigen, ob man denn seine Bücher mit Bleistift oder auf Schreibmaschine zu schreiben pflege, auch regelmäßig befragt worden bin, ob meine Söhne beschnitten wurden. Was soll man da sagen?

Immer, wenn ich die Fassung dann wieder errungen und genug höfliche Worte hervorgekramt hatte, um also höflich formuliert zu fragen, was sie denn bitte die Geschlechtsteile meiner Söhne angingen, dieses beleidigte Gesicht im Raum, dieser Vorwurf: Da wäre man endlich offen, an einer fremden Kultur interessiert. Und dann diese brüske Antwort.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin über interkulturelle Begebenheiten für den Freitag

06:00 03.02.2020

Ausgabe 08/2020

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