Unterhaltungs-TV

A–Z Comedian Luke Mockridge flog aus dem „Fernsehgarten“, weil er sich über das Format lustig gemacht hatte. Zu Recht! Absurde Shows sind schließlich urdeutsches Kulturgut
der Freitag | Ausgabe 35/2019 1
Unterhaltungs-TV

Foto: United Archives / Imago Images

Moderatorin Andrea Kiewel war mächtig sauer. Mit Recht! Sind denn absurde Shows nicht urdeutsches Kulturgut? Unser Wochenlexikon nennt ein paar

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A

Am laufenden Band Ein Bassin steht auf der Bühne, dazu ein Holzsteg. Rudi Carrell senkt verschwörerisch die Stimme. Es würde nun gleich ein inszenierter Unfall stattfinden, bei dem der Stargast beim Singen auf dem Steg in das Bassin fallen würde. Die Frage ist nun, ob das nicht anwesende Mitglied der einen Gruppe etwas zur Rettung des Stargasts unternehmen wird oder nicht. Einhellige Überzeugung, dass der Franz ins Bassin springen und die Sängerin da rausholen wird.

Franz wird dazugeholt, das Malheur geschieht, und er springt tatsächlich ins Bassin. Unter donnerndem Applaus holt er die prustende Sängerin heraus. Die Gruppe gewinnt und kann die erinnerten Gegenstände, die auf dem Band vorbeigleiten, mit nach Hause nehmen. Es ist diese Szene, die mir bis heute geblieben ist. Ein beeindruckender Moment des „Sich-Kennens.“ Franz ist ein guter Freund, und seine Freunde wissen das. Marc Ottiker

B

Big Brother Das 20 Jahre alte niederländische Endemol-Baby wird in 70 Ländern ausgestrahlt und stellt den Beginn des Überwachungsfernsehens der privaten Sender dar. In Deutschland war 2011 nach der elften Staffel erst einmal Schluss. Seit 2013 gibt es einen Promi-Ableger. Die Kandidat*innen – mehr oder weniger prominent – waren bereits in anderen Trash-Formaten zu sehen ( Sommerhaus) und beziehen ihren Promistatus meist nur daher. Während der Charme der ersten Staffeln in der vollkommenen Unerfahrenheit von Hinz & Kunz mit dem On-Air-Dasein bestand, besteht er nun in der vermeintlichen Abgebrühtheit der Promis. Wie sich die Profi-Taktierer täuschen: ein großer Spaß. Ein paar Tage auf engstem Raum in einem Zeltplatz-Fernsehstudio mit all den anderen Alpha-Persönchen, Ruhmbettler*innen und Pleiteprolls – und zack ist Geplärre, Geheule und Gestänker groß und mindestens genauso unter der Gürtellinie wie beim Original. Pro-Tipp: Unbedingt zusammen schauen! Elke Allenstein

F

Fernsehgarten „All Life is Imagination“, steht auf der Postkarte, die ich Letztens in der Karl-Marx-Buchhandlung entdeckte. Nur noch die Musterkarte war übrig. Man überließ sie mir kopfschüttelnd und kostenlos. Was wäre, wenn diese These stimmte?, sinniere ich, meinen Cortado gedankenverloren umrührend. Vielleicht beginnt und endet hier jeder unserer Fehler: dass wir immer denken, unser Blickwinkel sei der einzig wahre. „Ich bin dem linearen Fernsehen entrückt,“ wird Freund Steven nicht müde zu betonen, wenn ein anderer seine TV-Stars aufzählt, von denen wir nie gehört haben. Doch so abschätzig wir ihn anschauen, umso beseelter scheint ihn die Welt des Unterhaltungsfernsehens zu machen.

Etwas zu bashen ist leichter, als den Blickwinkel zu wechseln. Und so ist es mehr als billig, ein Format wie den „ZDF-Fernsehgarten“ niederzumachen. Klar, unsereins tränen die Augen, wenn Altstars mittels Vollplayback ihre Gage erzappeln. Aber! Er hat seine Zielgruppe – und wenn wir die Elite wären, für die wir uns halten, hätten wir die Größe, uns das einzugestehen. Meiner Oma bescherte der Fernsehgarten (Lebens-)Freude. Ich nehme Haltung an und stürze meinen Cortado hinunter. Auf dich, Oma! (1924 – 2010) Jan C. Behmann

H

Herzblatt Drei Frauen und ein Mann. Drei Männer und eine Frau. Eine Wand, eine Rose, Susi Müllers Stimme, in der ersten Staffel noch der sich dauergelangweilt gebende Rudi Carrell (➝ Am laufenden Band) und ein Hubschrauber. Das war Herzblatt. Die Flirtshow ( Je t’aime) gab es 18 Jahre lang, von 1987 bis 2005.

Man suchte einander anhand witziger Antworten auf witzige Fragen aus. Dann fuhr die Wand zurück und man sah sein „Herzblatt“. Hier zeigte sich, wer am geschicktesten spontane Enttäuschung verbergen konnte. Die Singles saßen auf Barhockern, was sie wohl an ihr natürliches Lebensumfeld erinnern sollte. Wenn sie nach der Hubschrauber-Reise getrennt voneinander über den Verlauf befragt wurden, saßen sie auf dem Pärchen-Möbel schlechthin, dem Sofa. Es half nichts. Laut Wikipedia haben von 925 Herzblättern nur zwei geheiratet. Ruth Herzberg

J

Je t’aime Dass Menschen im Osten zum Teil anders ticken, dafür ist Je t‘aime – wer mit wem bis heute eindrückliches Zeitdokument. Allein wegen dieser MDR-Kupplersendung hat Youtube Existenzberechtigung. Singles sprachen ihr Herzbegehren in die Kamera, wurden ein bisschen ausgefragt. Das war so offen wie rührend. Man merkte ihnen einen anderen Medienumgang im Gegensatz zu Kandidaten libidinöser Shows wie ➝ Herzblatt oder Der Preis ist heiß sofort an. Es hatte etwas Ehrliches – bis Moderator Frank Liehr als Ex-Stasi-Spitzel aufflog. Tobias Prüwer

K

Kurt Felix Schon sein Name verströmt ein plüschiges Versprechen, wie der gute alte Flokati oder der Sitzsack, in dem ich versank, wenn der Teleboy in der deutschen Schweiz die Bevölkerung vor die Farbfernseher zog. Kurt stand für den Nachbarn, der dir seine Spiegelreflexkamera für die Bergtour leiht. Felix verkörperte das Glück von aus Wohlstand geborener Großzügigkeit. Kurt Felix stand für eine allem Menschlichen zugewandte Haltung, die vor allem im Biotop einer gewissen materiellen Sorglosigkeit erwachsen kann. Angereichert mit einer Prise Verschmitztheit, wenn seine versteckten Kameras die Verwirrung von Menschen aufzeichneten, die einen kurzen Moment lang durch seine Streiche aus ihrem Alltagstrott gerissen wurden. Marc Ottiker

N

Nackt Länderpunkte? Erdbeere? Kapiert habe ich das Regelwerk von Tutti Frutti nie. Aber wegen des Quiz und der Frage, wer das Rennen macht, hatte ich im Januar 1990 auch nicht eingeschaltet. Die Sendung schien mir als 12-Jährigem verrucht – viele im Osten dachten ja, der Westen sei Sex pur. Immerhin hatte sie Altersbeschränkung.

Direkt nach dem Mauerfall saß ich auf einer Kasseler Couch, blätterte in einer TV-Zeitschrift. Ich blieb am Bild hängen, wo sich Hugo Egon Balder zwischen zwei leicht bekleideten Frauen präsentierte. Obstsalat mochte ich schon immer, erste erotische Anwallungen überkamen den angehenden Jugendlichen gerade. Aber wie das so ist mit dem Begehren und der Projektion: Die Sendung, bei der sich die Frauen enthüllen sollten, erfüllte nicht nur meine Erwartungen nicht. Sie ließ mich kalt, ja: verwirrte mich. Das war Strip-Poker ohne Poker und Strips, von ein bisschen Busenblitzen abgesehen. Das bisschen Nacktheit aber kannte ich schon vom FKK-Strand. Tobias Prüwer

S

Sommerhaus Das Sommerhaus der Stars stopft seit ein paar Jahren mit wachsendem Erfolg das ebenso sommerliche Loch von RTL und ist Teil der unerschöpflichen Trash-TV-Verwertungskette. In ein stinknormales Ferienhaus für Urlauber mit eher kleinem Budget inklusive Stockbetten ziehen acht Promi-Paare ein und werden rund um die Uhr beobachtet. Einmal die Woche wird eine dramatisch geschnittene Zusammenfassung ausgestrahlt. Die meisten Teilnehmer haben reichlich Erfahrung mit voyeuristischen Fernsehexperimenten, einige leben vermutlich davon.

Da sind Bachelor/ette-Ausschuss, Ballermann-Sänger*innen, alternde Ex-Boyband-Mitglieder – von denen man sicher war, sie seien schwul – und ein Bohlen-Casting-Sternchen mit einschlägiger Knasterfahrung. Alle nennen ihr Anhängsel „Schatz“ und schreien sich bei den durchaus originellen Spielen an, die man nur als Team gewinnen kann. Herrlich. Übrigens: Bereits elf Promi-Paare haben sich entweder nach oder während der Dreharbeiten getrennt. Elke Allenstein

T

Talkshows „Noch unbemannt – Frau sucht“, „Aufgehetzt! Wie Kampfhunde zu Bestien werden“ oder „Schön und Schamlos? Per Mausklick ins Schlafzimmer“: Die Themen seiner Sendung schwanken zwischen ernsthaft und banal, alltäglich und absurd. Moderator Hans Meiser und seine nach ihm benannte Nachmittags-Talkshow haben am 14. September 1992 Premiere. Eine Zäsur in der deutschen Fernsehgeschichte. Das Format gewinnt TV-Preise und hat großen Erfolg beim Publikum. Vielleicht auch, weil es etwas Neues bietet: Hier kommen nicht Künstler, Wissenschaftler oder Politiker zu Wort, sondern die „kleinen Leute“.

Die Folge ist verheerend: Eine regelrechte Flut an Talkshows verstopft in der nächsten Dekade das Fernsehprogramm – am Vor- und Nachmittag bei den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen: Ilona Christen und Bärbel Schäfer, Arabella Kiesbauer und Andreas Türck, Jürgen Fliege und Peter Imhof. Apropos: Die beste Sendung von Imhof ist zweifellos die mit dem Thema „Ich bin der größte Kotzbrocken“. Ein Gast, Horst Brehm, Vokuhila, getönte Brille, falsche Zähne, sitzt hinter einer Schattenwand. Er soll seine Frau Karin geschlagen und ihre Katze gequält haben. Andere Talkgäste äußern ihre Verärgerung über den Schläger. Horst zeigt sich. Das Publikum applaudiert begeistert und grinst. Imhof, unsicher, versucht, Horst und die Zuschauer zu besänftigen. Was er nicht weiß: Das Publikum ist eingeweiht. Horst heißt in Wirklichkeit Hape Kerkeling. Behrang Samsami

Q

Quiz Die Mutter aller Ratesendungen, Was bin ich? – zuerst als Gameshow What’s my line? beim US-Sender CBS ausgestrahlt, 1954 von Robert Lembke fürs deutsche Fernsehen erworben – lief von 1955 bis 1989 in der ARD. Das Erfolgskonzept dieses Quotenbrechers von Lembke und seinem Team, das mit Ja-Nein-Fragen erraten musste, was ein Kandidat beruflich macht? Verlässlichkeit! 337-mal das gleiche Konzept, so einfach wie sein Studio: zwei Tische, ein paar Stühle, der Gong, eine große Tafel.

Jeden Dienstag um 20 Uhr 15 stellte Lembke dieselbe Frage an die Kandidaten. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“, wird zum geflügelten Wort. Der Zuschauer ist im Bilde über die Berufe und den Stargast. Für jedes „Nein“ wirft Lembke fünf Mark in ein Sparschwein. Bei 50 hat der Kandidat gewonnen. Bissiger als er wurde nur sein Hund. Beauftragt mit der Überwachung des Preisgeldes, zwickte der einem Finanzminister in die Hand. Das war dann das Aus für den Vierbeiner. Helena Neumann

Z

Zusammen Ich hatte mich immer gefragt, warum so viele Leute bei der Saalwette von Wetten, dass..? mitmachten. Warum eine schwimmende Brücke über den Vierwaldstättersee bauen und dergleichen? Als Thomas Gottschalk 2001 die Erfurter aufforderte, Wasser von drei Quellen zur Messehalle zu schleppen, wusste ich es. Per Telefonkette trommelten meine Kumpels uns zusammen, die wir eigentlich alle keinen Bock hatten. Aber mit Bier hingehen und gucken, das wollten wir schon. Und schwupps waren wir eingereiht in eine riesige Eimerkette. Man konnte die älteren Leute ja nicht allein schleppen lassen ... Gemeinschaft ist manchmal seltsam, aber immerhin haben „wir“ die Wette gewonnen. Tobias Prüwer

06:00 25.09.2019
Geschrieben von

Ausgabe 21/2020

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