Unternehmenskultur

KOLUMNE Mein Alter

Ein herrliches Wort! Die Gesellschaft für Semidiotik könnte ihm ihre nächste Jahrestagung widmen. Wirst' es gelesen haben: Die feindliche Übernahme der armen Firma Mannesmann durch die raubgierigen Engländer verstöße gegen die Prinzipien der deutschen Unternehmenskultur. Sogar der Schröder hat's gesagt.

Woran denken wir bei dem Wort deutsche Unternehmenskultur? Denken wir an den polnischen Zwangsarbeiter, dem die deutschen Unternehmer jetzt auch noch Lohn zahlen sollen, als ob sie ihm damals nicht das Leben gerettet haben, denn wenn die Polen nicht hätten bei Mannesmann und Konsorten schuften dürfen, wären sie glatt in'er Gaskammer gelandet.

Nein, daran denken wir nicht. Das tun nur die geldgierigen amerikanischen Rechtsanwälte, die die letzten noch lebenden Zwangsarbeiter jetzt dazu zwingen, ihre einstigen Wohltäter auch noch zu verklagen.

Aber woran denken wir dann? Denken wir daran, wie die deutschen Unternehmer die Volkswirtschaft eines 16-Millionen-Volkes ausgeschlachtet und unter sich aufgeteilt haben - eines der größten und einträglichsten Kapitalsverbrechen der Weltwirtschaftsgeschichte?

Oder denken wir an die sonstigen Aspekte der kaufmännischen Ethik, die nicht vereinigungsbedingt sind, sondern zum laufenden Geschäftsbetrieb gehören wie Steuerhinterziehung, Beamtenbestechung, Subventionsbetrug, Konkurs in Milliardenhöhe, wie jetzt bei Philipp Holzmann, Umweltschäden et cetera?

Erst recht nicht. Wer an so was denkt, beweist nur, dass er noch immer nicht in Deutschland angekommen ist, sondern noch irgendwo in der äußeren Mongolei dümpelt.

Nu's's n'tü'lich nicht so, dass die SPD-Politiker, die sich letzte Woche so stark für die Erhaltung der segensreichen Folgen der deutschen Unternehmenskultur in die Bresche geworfen haben, prinzipiell was dagegen hätten, dass man Aktien einfach so an der Börse kaufen kann wie ein paar Schuhe im Laden.

Dann müssten sie ja auch dagegen sein, dass man als deutscher Kapitalist ungehindert fast die gesamte Welt via Internet und Spekulationsgeschäft über den Löffel halbieren kann.

Stell dir vor, der Schröder hat ein Eiergeschäft. Du kommst rein, verlangst zehn taufrische Eier aus ostfriesischer Käfighaltung, bist auch bereit, den geforderten Preis zu zahlen, aber der Schröder faucht dich nur an:

"Tut mir leid, mein Herr, Ihnen verkauf' ich keine Eier. Das ist eine feindliche Übernahme!" Total unglaubwürdig. Leute wie Schröder, Fischer und Konsorten verkaufen alles, wenn sie dafür 'ne gepanzerte Limousine kriegen.

Was ist das eigentlich, 'ne feindliche Übernahme? Seit Amerigo Vespucci die Aktie und Gutenberg die Maschine zum Druck derselben erfunden hat, kaufen die Menschen lieber Aktien, als einen neuen Kanarienvogel. Wozu geben die Firmen Aktien aus, wenn man die nicht mehr kaufen darf?

Und überhaupt: In drei Vierteln der Erde gehören sämtliche Fabriken, in denen auch nur ein Notstromaggregat steht, den Kapitaleignern der sieben G-Staaten, und nur in Deutschland ist es plötzlich unerwünscht, Aktien zu kaufen?

Geben die deutschen Unternehmer jetzt den Negern und Schlitzaugen die Fabriken zurück, die sie in der Dritten Welt besitzen, nur weil da die Grundsätze der deutschen Unternehmenskultur nicht eingehalten werden?

Jetzt stellen wir uns erst mal ganz dumm und fragen, wem die Aktien der Firma Mannesmann bisher gehört haben. Ich meine, wenn man liest, wie sich der Betriebsrat dafür einsetzt, dass alles beim Alten bleibt, könnte man meinen, die bisherigen Aktionäre täten der Belegschaft bei Schichtbeginn erst mal einen blasen.

Nein, auch das zu denken käme einem deutschen SPD-Politiker nicht in den Sinn. Es gehört, das weiß jeder, auch zur deutschen Unternehmenskultur, die Leute ungeniert auf die Straße zu setzen, wenn das die Aktienkurse nach oben drückt. Nur der japanische Kapitalist begeht lieber Harakiri, als einen Mann zu feuern.

Also, was soll das Gejammer, die Söhne des perfiden Albion planten, sämtliche Mannesmänner und -frauen zu entlassen? Ich werd' dir sagen, was passiert ist. Die jetzigen Aktionäre haben schon genug Geld. Und wenn sie jetzt noch mehr kriegen, weil der Engländer will den Laden ja nicht geschenkt haben, dann wissen sie nicht wohin mit der Knete. Es ist nämlich heutzutage nicht einfach, seine Millionen in ein Geschäft zu stecken, wo was hängen bleibt, unterm Strich.

Kurz: Der deutschen Unternehmenskultur ein dreifach donnerndes "Sieg heul!"

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