Unterseite Einsamkeit

Beunruhigende Sicht Der Maler Eric Fischl stellt den "American Way of Life" in Frage

Die beiden frühesten Gemälde der Ausstellung sind zugleich die skandalträchtigsten. Mit ihnen gelang es Eric Fischl Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, in den USA Aufmerksamkeit zu erregen. In Sleepwalker steht ein nackter Junge, leicht schräg nach hinten gewandt, nächtens im elterlichen Swimmingpool und onaniert. Der Bad Boy des gleichnamigen Bildes beobachtet im Schlafzimmer, vom Streifenmuster der Jalousie geheimnisvoll ausgeleuchtet, eine im Bett liegende nackte Frau; während er zwischen ihre gespreizten Beine starrt, greift er hinter dem Rücken in eine offene Handtasche. Schwül und bedrückend wirken beide Szenen, aber nicht lustvoll-voyeuristisch, vielleicht Ausdruck individueller Erlebnisse, aber leicht verallgemeinerbar.

"Zwischen Pool und Strand" steht über dem ersten Raum von Fischls Ausstellung, der nach Ed Ruscha und Richard Prince dritten Werkschau eines Künstlers aus den USA im Kunstmuseum Wolfsburg. Auch in Barbeque bezieht sich der Maler auf das häusliche Milieu der mittelständischen Kleinfamilie, die im Garten feiert, wobei der sich in Pose setzende und Feuer ausspeiende Junge die Atmosphäre in ein Spannungsfeld verschiebt, das zwischen Idylle und Katastrophe lagert. In Szenen wie Cargo Cults oder The Beginning and the End verlagert Fischl sein Bildterrain vom privaten zum öffentlichen Alltag: Menschen tummeln sich am Meer, Nacktbadende und uniformiertes Flugpersonal, sonnenhungrige Touristen und Einheimische, Männer und Frauen. Und auch das sind keine gewöhnlichen Alltagsbilder, sondern Beobachtungen gesellschaftlicher Widersprüche in Form allegorischer Kompositionen an einem typischen Schauplatz modernen Lebens, dem Badestrand.

Der Skandal, den Fischls Gemälde auslösten, lag nicht nur in der offenen Darstellung von Sexualität und Nacktheit, sondern in der unterschwelligen In-Frage-Stellung des "American Way of Life" und seiner erfolgsorientierten und puritanischen Grundeinstellung. Aber auch das Medium Malerei, zudem an klassisch figurativer, bis ins 19. Jahrhundert zurückgehender Tradition geschult, stellte zur Zeit der vorherrschenden konzeptuell-minimalistischen Tendenzen einen Affront dar. Mit dem Neoexpressionismus der achtziger Jahre und der Transvanguardia verbindet Fischl nur wenig, außer dass er darin ein geeignetes Rezeptionsumfeld fand, aus dem er bis heute als singuläre Gestalt herausragt. Die Retrospektive in Wolfsburg stellt die erste Übersicht von Fischls Werk in Deutschland dar, nachdem er vor zehn Jahren in Aarhus und Louisiana mit musealen Ausstellungen bedacht wurde.

Eric Fischl, geboren 1948 in New York City, wuchs in Port Washington auf Long Island auf. Er studierte in Phoenix und im kalifornischen Valencia, wo er David Salle, Ross Bleckner und Matt Mullican kennenlernte. Nach einer vierjährigen Professur im kanadischen Halifax zog er 1978 mit seiner Frau, der Malerin April Gornik, nach New York. Bestimmend bleiben aber die Kindheitserlebnisse in der Vorstadt und die Erfahrungen eines durch den Alkoholismus und frühen Tod der Mutter zerrütteten Familienlebens. Diese sind die Triebkräfte seiner Bildwelt, über die die Fischl im Interview sagt: "Das Leben wird dadurch sinnvoll ausgedrückt, dass man Intimes und Persönliches darstellt. Die Oberseite ist die Frechheit unserer Respektlosigkeit. Die Unterseite ist unsere Einsamkeit."

Die Darstellung von Gefühlen geht mit der Gestaltung von (häufig nackten) Körpern, ihren Gebärden und Haltungen einher, die in den ausgestellten Ölskizzen auf beschichtetem Papier und in den äußerst malerischen, lockeren und silhouettenhaften Aquarellen besonders gut zum Ausdruck kommen. Auch in den Porträts von Freunden zeigt sich Fischls enthüllende Offenheit im Bündnis mit kontrastreicher Lichtregie, und in den rollenspielerischen Selbstbildnissen als alter Mann, Frau und Clown findet sich zugleich eine gehörige Portion Ironie. Zum anderen geht es um Beziehungen zwischen Mensch und Dingen, offenen und unterschwelligen. Sie erzeugen eine Dramatik, die weniger ausführt als andeutet. Oftmals ist ein Geschehen nur zu ahnen, und vielleicht geht es weniger um Handlungen als um Sehnsüchte, Wünsche, Zweifel, (Hinter-) Gedanken und unbewusste Regungen. Die Struktur psychologisch komplexer Situationen erfasst Fischl durch mehrteilige Kompositionen: in den Zeichnungen durch Übereinanderlegen transparenter Einzelteile, in den Gemälden durch Aneinanderfügen von mehreren, teils unterschiedlich großen Teilen.

Fischls Gemälde erscheinen wie Bühnen oder "Tableaux vivants". Die Menschen sind von bestimmten Requisiten umgeben: Haus, Fernsehgerät, Rasen, Swimmingpool und Straßenkreuzer. Die Insignien des mittelständischen US-Bürgers korrespondieren mit der Zurichtung des Körpers als braungebrannte organische Maschine, die vor allem funktionieren soll. Das Prinzip des Materiellen und Pragmatischen kennt weder Scham noch Schönheit. Im Bild Why the French fear Americans versucht Fischl in Gestalt einer fülligen, aber durchaus vitalen alten Frau, die im Park unweit eines Karussells (man versteht: die Welt als Jahrmarkt und naives Spiel) vor einem auf einer Bank hockenden Mann ihre Hüllen fallen lässt, den Unterschied zur europäischen Haltung zu erfassen. Die Konfrontation zweier Welten hat Fischl selbst auf zwei Reisen erlebt, 1989 nach Indien und 1996 nach Italien, wohin er nach dem Tod seines Vaters von der American Academy of Rome eingeladen wurde. Seine ganz in Erdtönen gehaltenen Bilder aus Indien führen eine fremdartige Welt vor, in der sich Armut und Mystizismus mischen. Rom verführte den Künstler zu düsteren, in reduzierter Farbigkeit gehaltenen Reflexionen über letzte Fragen in einem von (Kunst-)Geschichte gesättigten Ambiente.

Fischls Gemälde um die Jahrtausendwende gehen ins Innere und Häusliche zurück. Von sozialer Konkretheit entlastet, führen sie sein allgemeines Prinzip des Szenischen durch Vorbereitung mit Fotografien und ihrer digitalen Bearbeitung zu einem Höhepunkt malerischer Umsetzung, deren Intimität durch die quasi Laborsituation auf Distanz gehalten wird. Anhand immer neuer An- und Zuordnungen von Mann, Frau, Bett und Stuhl (in Form eines Cocktailsessels mit Bambusmuster) im süßlich ausgeleuchteten Schlafzimmermilieu entstehen Momentaufnahmen von Selbst- und Paarbeziehungen, die sowohl anrührend wie verstörend wirken und den Betrachter virtuell mit einbeziehen.

Wenn Biograph Peter Schjeldahl bemerkt, Eric Fischl sei "der erste große Maler, der vom Niedergang der amerikanischen Kultur erzählt", ist das vielleicht eine Nummer zu groß. Davon haben schon viele erzählt, von Malern der "American Scene" aus der Zeit der großen Depression und der New Deal-Ära bis zu den Realisten der sechziger und frühen siebziger Jahre, die im Rahmen eines weltweiten New Humanism agierten, wie der Kommunikationswissenschaftler Barry Schwartz sein Buch von 1974 nannte. Von Reginald Marsh und Edward Hopper bis Leon Golub und Philip Pearlstein reicht die Traditionslinie (zu der sich übrigens auch bei Berliner Realisten östlicher wie westlicher Provenienz Parallelen finden lassen). Fischl hat ihr eine neue beunruhigende Sicht hinzugefügt, die jenseits von Apokalypse und Coolness auf sehr intime und bisweilen lakonische Weise auf existenzielle Probleme eingeht, die örtliche und zeitliche Grenzen hinter sich lassen.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 4. 1. 2004


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00:00 12.12.2003

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