Unterwegs mit den Eberhards dieser Welt

Alltag Ich nenne sie Klienten! Ein Reiseleiter packt aus

Es gab in meiner Jugend einen Fernsehfilm mit dem verlockenden Titel Zwei Jahre Ferien: Ein Segelschiff voller Kinder kommt vom Kurs ab und benötigt die nämliche Zeit, um in die Zivilisation zurückzukehren. Zwar war Satellitennavigation zur Ausstrahlungszeit noch ein Fremdwort, trotzdem wirkte selbst in den achtziger Jahren ein derartiges Geschehen absurd. Deshalb hatte man diesen Traum unverhoffter, grenzenlos entpflichtender Freiheit in die Vergangenheit des 19. Jahrhunderts verlegt. Dennoch: Welcher moderne Schüler mochte von der Aussicht auf eine unüberschaubar lange Auszeit nicht fasziniert gewesen sein? Vermutlich war der Sendetermin aus diesem Grunde extra an den Beginn der Sommerferien gelegt worden, um spontanen Dauerschwänzern keinen Nährboden zu bieten.

Ich möchte nicht behaupten, dass dieses frühe Fernseherlebnis meine spätere Berufswahl beeinflusst hätte. Aber aufgrund der Reaktionen mir anvertrauter Reisegäste wage ich festzustellen, dass meinem Beruf Aspekte zugeordnet werden, die der vom Film ausgehenden Faszination gezollt sind. Nein, ich bin kein Fregattenkapitän.

Ich bin Reiseleiter.

Der Mann, den man sich gönnt, damit alles einfacher ist. Der Erklärungsfuzzi. Der Zeitplandurchsager. Der Wann-fährt-der-Bus-ab-Heini. Für die einen ein Held, der Organisator, den sie nicht missen möchten, weil man sich nicht traut, selber nach Briefmarken zu fragen oder allein auf fremder Erde einen Kaffee zu bestellen. Der Wanderführer, Völkerkundler, Geografieprofessor, Historiker und Wirtschaftsexperte, der einem dieses sagenhafte, faszinierende Land noch näher bringt und den man Tag und Nacht mit Fragen löchern kann. Zu allen Themen, 24 Stunden lang. "Toll, dein Job - da hast du ja das ganze Jahr Urlaub!", ist die Standardreaktion, sobald man von meiner Arbeit erfährt. "Genauso ist es", antworte ich stets, "wenn nur die Gäste nicht wären." Die Gäste, Kunden oder Reisegruppenangehörigen - ich nenne sie Klienten - bilden eine bunte Palette der Gesellschaft. Geh an einem sonnigen Tag in die Stadt, such dir willkürlich ein oder zwei Dutzend Leute aus, und da hast du sie - meine Reisegruppe. Es handelt sich um eine zeit- und ortsgebundene Interessengemeinschaft mit Erholungsanspruch. Die Interessen liegen im Reiseprogramm begründet: Wandern gehen, Baden, Kultur kennenlernen, gut essen - und sich um nichts kümmern müssen. Jeder setzt da so seinen Schwerpunkt, verfolgt sein ganz persönliches Reiseglück. Und genau das gilt es, in Erfahrung zu bringen und zu erfüllen. Möglichst gruppenkompatibel. Den Gast da abholen, wo er ist, heißt es im Fachjargon. Da genügt es freilich nicht, selbst Reisefreak zu sein oder gar erholungsbedürftig. Außer Trittfestigkeit im Gebirge benötigt man Fachwissen in Länderkunde, Botanik, Geologie, Geschichte und Speisekarte und Sekundärtugenden wie Menschenkenntnis, Lust am Erzählen und Vermitteln sowie eine ruhige Hand im Konfliktmanagement. Nun gut, manches davon kann man sich anlesen. Der Rest kommt mit der Praxis. Also los!

Gleich auf meiner ersten Tour hagelte es Erfahrung: Golf von Neapel. Gepäckverluste, modrige Zimmer, vor Höhenangst schlotternde Gäste, die auf mehreren Wanderungen mittels öffentlichem Nahverkehr umzuleiten waren, Blasenpflaster, fehlendes Warmwasser, Schürfwunden und eine echter Arztbesuch mit Nähen. Auf späteren Touren kam Dauerregen hinzu, vorzeitige Abreisen, Dickdarmentzündungen, tödlicher Hass zwischen zwei Klienten, defekte Autos, nicht erscheinende Abholbusse, schlechtes Essen, laute Zimmer, Murren, Hadern und Regressanspruchsanmeldungen. Doch gab es auch: singende Gäste, des Lobes voll, geglückte Extraeinlagen und Überraschungen, Geburtstagskuchen und lustige Picknicks, heiße Tanzparties, spontane Fußballspiele.

Der Kapriolen gibt es viele auf Tour. Zehn Tage Nordtoskana. Nach der Wanderung um Greve in Ki-an-ti der Abstecher nach Castellina in Ki-an-ti, um eine Weinprobe zu unternehmen, natürlich Ki-an-ti. Beim Abflug meint Erwin: "Na, ich hab´ mir noch zwei Flaschen Tschianti gekauft, als Mitbringsel. Gab es neben dem Tabatschi-Laden." Darauf Irene: "Einen Latte Matschato, prego!" Soviel zur erfolgreichen Kulturvermittlung. Immerhin hat die Gruppe sonst gerockt. Das Entspannungsziel wurde erreicht.

Tansania. Die Fragen nehmen kein Ende. Ein blaues Tuch neben der Haustür? Der Reiseleiter wird wissen, was das bedeutet. Ist da Getreide zum Trocknen auf den Matten ausgebreitet? Wozu? Und was haben diese Schilder der Telefongesellschaften an den einfachen Lehmhütten zu bedeuten, nein, dass soviel telefoniert wird in einem so armen Land! Sie fragen alles, und sie fragen immer. Aber das sind die angenehmen Gäste. Manchmal nerven sie, na gut, doch insgesamt geben sie einem das, wonach jeder lechzt, Reiseleiter im Besonderen: Bestätigung. Sie fragen, und das ist gut. Denn du bist gut. Du hast die Antworten, du füllst die Reise mit Informationen, mit Leben. Sie vertrauen dir. Sie fressen dir aus der Hand. Sie lassen sich begeistern. Das hebt die Stimmung in der Gruppe, und das Reiseleiten macht Spaß.

Leider gibt es noch die Klienten von der anderen Sorte. Die fragen auch. Aber sie fragen andere Fragen. Unangenehme Fragen. Fragen, die einen Unterton haben, Unterstellungen sind, Vorwürfe machen. "Müssen die Fahrzeuge nicht ordentliche Abschleppseile dabei haben!? Sollte so was nicht vor Fahrtantritt geprüft werden?" Eine der Fragen, die von solchen Klienten niemals vor Fahrtantritt gestellt werden. Sondern immer dann, wenn die verdammten Abschleppseile gebraucht werden. Meine Standardantwort: "Gute Frage, nächste Frage!"

Ich reagiere je nach Situation. Und nach Strickart der Gäste. Obwohl eine Panne auf jeder Reise passieren kann, ist man darauf nie vorbereitet. "Eberhard, hiermit erteile ich dir die Vollmacht, diese Frage selbst ans Personal zu stellen", hätte meine Reaktion sein müssen. Als kleiner Hinweis darauf, dass der Reiseleiter nicht zwangsläufig als Butler der gesamten Gruppe überflüssige rhetorische Fragen an das Personal weiterleitet. Denn das war schon genug am Schwitzen: Ein aus diversen Hanfschnüren zusammengedrehtes Zugseil reißt soeben zum wiederholten Mal. Eberhards Nerven ebenfalls. Meine sind unzerreißbar oder bereits so zerfleddert, dass sie nicht mehr geknotet werden können. Wie das Abschleppseil.

Wir müssen einen Wagen zurücklassen und uns alle in den verbliebenen quetschen, der uns ins Hotel fährt. Die Fahrer können dann sehen, wie sie das defekte Vehikel wieder flott kriegen. Wahrscheinlich werden sie die halbe Nacht unter der Karre liegen und sie zurechtflicken, damit sie bis in die nächste Werkstatt kommt. Und dort geht das Drama dann am Schweißgerät weiter, bis in den Morgen hinein. Das ist Eberhard natürlich wurscht. Ihn nervt, dass er in den verstaubten Reiseklamotten zum Dinner erscheinen muss. "Tja, das sind dann die Momente, von denen man an den Lagerfeuern noch lange erzählen wird", versuche ich in der Regel mit einem Verweis auf den Abenteuergehalt eines solchen Erlebnisses die Wogen zu glätten. Was bleibt anderes übrig? Den Eberhards dieser Welt ist sowieso nicht beizukommen, und das Abendbrot wird schweigend eingenommen.

Falls nicht einer der übrigen Gäste, in der Regel eine beherzte Dame, das Gespräch in Richtung anderer toller Ereignisse lenkt, indem sie die unglaubliche Naturschönheit hervorhebt oder von der Freundlichkeit der Bevölkerung schwärmt. Dann versuche ich, mich ganz ihr zuzuwenden und die bissigen Kommentare eines Eberhard zu überhören ("Tolle Landschaft - hatten ja auch enorm viel Zeit, sie zu bewundern!" oder "Freundlich, jaaa - sogar, als das Schleppseil zum fünften Mal riss, haben sie noch gelacht!"). Irgendwann ist jeder Tag einmal vorbei und das wohlverdiente Bett erreicht. Nicht, ohne zuvor noch den Stand der Reparaturarbeiten geprüft zu haben.

Nach zu kurzem, unruhigem Schlaf steht das Fahrzeug einsatzbereit vorm Hotel. Frisch gewaschen dazu. Einen Eberhard kann das nicht täuschen. Er zweifelt die Ausgeruhtheit der Fahrer an. Bei gleichzeitigem Bestehen auf Pünktlichkeit der Abfahrt. Was soll man da machen? "Man kann nicht ein halbes Huhn braten und die andere Hälfte zum Eierlegen aufbewahren", kontere ich in solchen Fällen stets. Das verschafft zwar für einen Moment Luft, ändert aber an den Leuten nichts. Verknöcherte Gäste, die nicht in der Lage sind, sich auf das Zielland einzustellen und ihr geregeltes deutsches Leben hinter sich zu lassen, bleiben verknöchert.

Was soll´s! Nicht jeder Härtefall lässt sich erfolgreich therapieren. Was bleibt, sind das Lagerfeuer, die Gitarre, die Lieder und Geschichten. Und am Ende Faseleien. Oder ein stundenlanges Gespräch mit dem Maasai-Nachtwächter, der sich wirklich für alles interessiert. Ganz besonders für meinen Beruf. "Du kommst ja hübsch herum", meint er begeistert. "Irgendwann gehe ich auch mal mit dir auf eine Reise."

Darauf bin ich gespannt.

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