Unterwerfung

Bildung Die Universitäten kranken an einem Paradox: Sie lehren Analyse und Kritik, gleichzeitig erziehen sie zu Gehorsam und Autoritätsglauben
Unterwerfung
Mögliche Gegenpositionen dürfen artikuliert werden. Mehr aber auch nicht

Foto: Heinrich Holtgreve/Ostkreuz

In Deutschland ist die Universität mit dem Namen Wilhelm von Humboldts verbunden; und der Name Humboldt ist mit der nebulösen Idee der Bildung verknüpft: Der Mensch solle in der Schule, vor allem aber an der Universität intellektuell reifen. Unterschlagen wird gerne, dass die Humboldt’sche Bildungsreform immer schon auf das Berufsleben – und auf das Berufsleben allein – abgezielt hat. Der Unterschied zwischen der Zeit um 1800 und der Zeit um 2000 ist lediglich, dass damals der Staatssektor im Mittelpunkt stand und heute der Privatsektor einen hohen Bedarf an gebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat.

Sowohl der Staatsapparat als auch die private Industrie haben ein paradoxes Interesse: Die Beschäftigten müssen einerseits selbstständig denken können, andererseits müssen sie zu gehorchen wissen. Um diesen Spagat ging es bei der Einführung der Universität. Bis heute erfüllt sie diese Vorgabe. Sie erzieht die Studierenden zu einer breiten Analysefähigkeit und signalisiert zugleich, dass Autorität anzuerkennen ist. Mit Ausnahme des Militärs ist die Universität heute in der modernen demokratischen Gesellschaft die einzige Einrichtung, in der erfolgreich dazu erzogen wird, sich einer Autorität zu unterwerfen.

Unterwerfung heißt – seit 200 Jahren – nicht, dass man nicht eigenständig die Sachlage analysiert und mögliche Gegenpositionen artikuliert. Auch ein Offizier meldet seinem Vorgesetzten Bedenken; doch wenn der Vorgesetzte die Bedenken in den Wind schlägt, ist der Befehl auszuführen. Die Universität ist für das moderne Staatswesen und die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung, weil sie kontinuierliche Innovation und Anpassungsfähigkeit garantiert. Sie wird je nach Disziplin auf unterschiedliche Weise eingefordert. In den experimentellen Wissenschaften wird die richtige Messung verlangt; weicht die reale Messung von der erwarteten ab, ist es verbreitet, die Daten zu manipulieren. In der Rechtswissenschaft setzt man sich ein Studium lang mit Mindermeinungen auseinander, bis man schließlich für die am Lehrstuhl favorisierte optiert. In den Geisteswissenschaften übt man sich in kritischem Denken, aber die Form und das Ergebnis der Kritik müssen den Vorgaben der jeweiligen Lehrenden entsprechen. So gelingt es, zu lernen, dass es Denkalternativen gibt, dass es aber in gegebenen Situationen unklug ist, sich ihnen anzuschließen.

Wenn man die Universitätskarriere einschlägt und promoviert, verschärfen sich die Erwartungen. In der Dissertationsphase muss man erstens die Autorität des Betreuers oder der Betreuerin anerkennen und zweitens das Meinungsgesamtgefüge der Wissenschaftslandschaft berücksichtigen. Die deutschsprachigen Wissenschaftstraditionen sind besonders extrem, wie der Wissenschaftshistoriker Caspar Hirschi konstatiert. Die harte Auseinandersetzung zwischen politischer Kontrolle und wissenschaftlicher Autonomie zwischen 1800 und 1945 führte zu einer unantastbaren Autonomie der Professorenschaft, die in anderen westlichen Ländern ihresgleichen sucht. In Deutschland kontrollieren rund 24.000 Professorinnen und Professoren, wie die von den 17 Parlamenten zugeteilten – immensen – Mittel ausgegeben werden und in welche Richtung die mehr als 253.000 anderen Forschenden an den Universitäten marschieren müssen.

In allen Disziplinen rät sich an, nicht allzu sehr aus dem Konsens auszuscheren, wenn man eine Universitätskarriere anstrebt. Angesichts des Konkurrenzkampfs um die wenigen dauerhaften Stellen – mindestens 202.000 Personen haben einen befristeten Vertrag – darf man aber auch nicht zu monoton publizieren, weil man sonst nicht auffällt. In der Wissenschaft erfolgreich zu sein, erfordert, dass man dieser paradoxen Anforderung genügt: originell genug zu sein, um niemanden zu langweilen, und angepasst genug, um der Professorenschaft nicht auf die Füße zu treten.

Mittelmaß setzt sich durch

Die gesellschaftlichen Folgen lassen sich schwer abschätzen. Zwar fährt die Gesellschaft mit dem Output der Universitäten sehr gut; in den meisten Disziplinen ist der Erkenntnisgewinn stabil. In weiten Teilen der Informatik und der pharmakologischen Forschung allerdings sind sie seit Jahrzehnten der kommerziellen Forschung unterlegen. Ohne Silicon Valley und ohne die Pharmakonzerne hätten wir heute bis auf wenige Ausnahmen miserable Software und weit weniger Therapieoptionen.

Das Problem ist, dass sich Schwächen fortsetzen: Wenn sich wegen der autoritären Grundstruktur das Mittelmaß an den Universitäten durchsetzt, schlagen viele geeignete Personen diesen Karriereweg nicht mehr ein. In den Rechtswissenschaften und in der Medizin ist das Problem heute schon eklatant. Die Geisteswissenschaften variieren es auf ihre Weise. In den USA wird seit wenigen Jahren diskutiert, inwieweit die Rede von Kritik die Erwartungen an Autoritätshörigkeit bloß kaschiert. Studierende und der wissenschaftliche Nachwuchs variieren Kritiken an Kapitalismus oder Neoliberalismus mit erwartbarer Radikalität und verstehen dies als ihre Auseinandersetzung mit dem Status quo. Dabei tragen sie zur Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung bei, indem sie die Kritik an einen bestimmten Ort – die Universität – entsorgen. Man betet die großen kritischen Geister – Foucault, Butler, Chomsky – an; die Welt dreht sich weiter, ohne davon Notiz zu nehmen. Zu keinem Zeitpunkt der vergangenen 200 Jahre ist die Universität als politischer Akteur in Erscheinung getreten, der dazu beigetragen hätte, demokratische Werte vor staatlichem oder privatem Angriff zu verteidigen.

Falls sich die Gesellschaft dazu entschließt, die Universität zu einem Ort umzubauen, an dem Wahrheitssuche um ihrer selbst willen betrieben werden kann, müsste sich die Personalstruktur radikal ändern: Bestünde das wissenschaftliche Personal nur aus Professuren, wären also alle Professorinnen und Professoren, so müssten keine Rücksichten auf die Hierarchie genommen werden. Die USA haben ein solches System in größerem Maße als europäische Staaten implementiert – und sind in der Vergangenheit durchschnittlich wissenschaftlich produktiver gewesen. Dabei haben die USA bei weitem kein radikal freies System; auch dort entscheidet die Senior Faculty über den Erfolg der Junior Faculty; und so herrscht auch dort eine große Rücksicht auf etablierte Meinungen.

Die Universität wird als Ort der Unterwerfung selten thematisiert. Michel Houellebecq veröffentlichte kürzlich unter dem Titel Unterwerfung einen Roman, der allenthalben als Auseinandersetzung mit dem Islam diskutiert wurde, obwohl es sich um eine veritable Universitätssatire handelt, die den Größenwahn der europäischen Professorenschaft persifliert. Die Unauffälligkeit, mit der die Universität zu Gehorsam und zu Autoritätsglauben erzieht, gehört selbstredend auch zu ihrem sozialem Programm. Denn sie zehrt von der Experimentierfreude und Abenteuerlust, mit der man sich ihr als junger Mensch nähert, auch aus ihnen schöpft sie ihre Fähigkeit zur Innovation. Ohne das Versprechen intellektueller Freiheit zöge sie zu wenige derjenigen an, deren Ideen sie zum Leben braucht – im Interesse von Wirtschaft und Staat.

Remigius Bunia, Jahrgang 1977, ist Komparatist und hat an Universitäten im In- und Ausland gelehrt, zuletzt an der FU in Berlin

06:00 19.10.2017

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