Unterwerfung oder Revolte

Literatur Milton Hatoums Romane "Asche am ­Amazonas" und "Die Waisen des ­­El Dorado" führen in die dunklen 60er und 70er Jahre ­Brasiliens, die Zeit der Militärdiktatur

Milton Hatoum legt mit seinem dritten Manaus-Roman einen Künstlerroman besonderer Art vor. Asche vom Amazonas erzählt die Lebensgeschichte eines künstlerisch talentierten Sohnes aus einer durch Juteproduktion reich gewordenen Familie, der mit seinem durch und durch patriarchalisch orientierten Vater, Jano, in einem grausamen Streit lebt. Dieser verachtet die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes, Mundo, zutiefst und begegnet der Rebellion des Jungen mit größter Unerbittlichkeit. Bei der Mutter hingegen findet Mundo finanzielle und moralische Unterstützung, so dass er als junger Künstler in Rio de Janeiro und London leben kann.

Fern von Manaus malt er den Bildzyklus Chronik eines Verfalls – Erinnerungen eines geliebten Sohnes, bevor er einen frühen Tod in Rio de Janeiro stirbt. Sein künstlerisches Vermächtnis ist doppelt konnotiert: Es ist zugleich Biografie und eine brasilianische Geschichtschronik der 1950er bis 1980er Jahre mit Fokus auf dem Militärputsch 1964 und dessen Folgen im nördlichen Manaus und südlichen Rio de Janeiro.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Generäle wurde für die Amazonasregion ein Modernisierungsplan aufgestellt, der Straßenbau, die Abholzung von Wäldern und die Errichtung der Freihandelszone Manaus vorsah. Die Stadt am Zusammenfluss des Rio Negro und des Amazonas gewann zunehmend an Attraktivität für ausländische wie nationale Investoren, letztere aus dem reichen Süden.

Die in der Militärdiktatur heranwachsende Generation Mundos sah sich vor die Entscheidung gestellt: „Entweder sinnloser Gehorsam oder Revolte“. Der 1952 geborene Hatoum, Sohn libanesischer Einwanderer, einer der Großen der brasilianischen Literatur, lässt dieses Motto seinen Künstlerprotagonisten auf eine Postkarte schreiben, die er von London aus nach Manaus an seinen Freund Lavo schickt.

Mit Männlichkeit auf Linie

Mundo hatte sich von frühster Jungend an für die Revolte entschieden. Sei es im Stadtpalais der Eltern oder der „Vila Amazônia“, Mundo übt exzessiv den Aufstand, am liebsten im Beisein der regierenden Generäle, die nach dem Putsch häufige Gäste sind. Jano zwingt seinen Sohn, eine Militärschule zu besuchen. Die Männlichkeitsrituale sollen ihn auf Linie bringen.

Als Stammhalter soll Mundo von der Jute-Dynastie auf die lukrativeren modernen Geschäfte, die Branchen Elektronik, Edelholzexport, Hochhausbau umsatteln, die in der Freihandelszone Manaus florieren.

Mundo flieht aus der Kaserne und errichtet mit Hilfe von Freunden in „Neu El Dorado“, einem abgelegenen Viertel einfacher Leute am oberen Rio Negro, ein Kunstwerk mit dem Titel Feuer der Kreuze: eine Installation aus angekohlten Kreuzen und schwarzen Wimpeln verwandelt „Neu El Dorado“ symbolisch in einen Friedhof.

Mit Feuer der Kreuze liefert der Künstler eine unmittelbare Antwort auf die verheerende Politik massiver Modernisierung. Das über Nacht entstandene Kunstwerk wird am nächsten Tag dem Erdboden gleichgemacht. In einer parallelen Aktion verbrennt und vernichtet der Vater alle Zeichnungen, Bilder, Kunstobjekte, Bücher, Zeitschriften seines Sohnes. Die Asche verbreitet sich über dem Stadtpalais und den Amazonasfluss. Zwischen Vater und Sohn kommt es erneut zum offenen Eklat. Kurze Zeit später stirbt der Vater. Mundo verlässt Manaus mit seiner Mutter und dem indianischen Dienstmädchen Naiá in Richtung Süden.

Hatoums Bezugnahme auf historische Ereignisse ist mit der Geschichte und den Biographien brasilianischer Künstler verbunden. Er bedient sich der Lebensgeschichte berühmter Vertreter der brasilianischen „Tropicalia“ Bewegung der 1960-1970er Jahre, dem Installations- und Performancekünstler Helio Oiticica, den Musikern Gilberto Gil, heute Kulturminister Brasiliens oder Caetano Veloso, die im Exil in London, New York lebten. Mundo wandelt auf ihren Wegen durch London. Schwer erkrankt kehrt er 1978 zurück nach Rio de Janeiro.

Hatoum lässt Mundo erleben, was viele junge Leute unter der Knute des autoritären Regimes (bis 1980) widerfuhr, etwa dem damaligen Musiker Paulo Coelho, der heute Bestsellerautor ist. Mundo wird nachts „am 27 Januar 1978 verhaftet“, weil er nackt durch Rios Straßen lief, lediglich mit einem indianischen Kopffederschmuck bekleidet und einem Paddel in der Hand. Auf der berüchtigten Polizeiwache in Copacabana wird der Stadtindianer zusammengeschlagen. Seine Mutter erfährt Tage später von der Verhaftung aus der Zeitung, sie besticht den Polizeikommissar mit Dollar, Mundo kommt frei. Doch eine Woche später stirbt er in einer Klinik.

Hatoum baut in seiner Geschichtschronik eine entscheidende Zeitschwelle ein, er lässt den Ich-Erzähler Lavo die Lebensgeschichte seines Freundes und die Historie Manaus 20 Jahre nach Mundos Tod, kurz vor der Jahrtausendwende, aufschreiben. Lavo sammelt schriftliche und mündliche Zeugnisse, fügt sie mit seinen Erinnerungen zusammen zu einem Bericht, den wir als Roman lesen. Die erzählten Geschehnisse und Zustände in London und Rio stammen aus den Briefen seines Freundes und aus Gesprächen, die Lavo mit dem indianischen Dienstmädchen Naiá führt.

Mit dieser zeitlichen Konstellation erreicht der Autor ein Spannungsverhältnis zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Erinnerung dient dazu, die Gegenwart zu befragen. Der historische Rahmen von der Einrichtung der Militärdiktatur 1964 bis zur politischen Öffnung 1980 Jahre liefert ein dreifaches Vermächtnis: autoritäres Regime, Revolte und dann ab 1980 die organisierte, demokratische Bewegung. Zwei Jahre nach Mundos Tod, 1980, wird dessen Lebensmotto, „Unterwerfung oder Revolte“ durch ein neues Zauberwort ersetzt: Redemokratisierung. Die neue Hoffnung verbreitete Euphorie in Brasilien. Doch mit dem Zeitsprung von 20 Jahren kann der Bericht des Zeitgenossen Lavo, Alter Ego des Autors Hatoum, nicht mehr so hoffnungsvoll und euphorisch ausfallen.

Der Tenor des Romans sei am „Rande fulminanter Bitterkeit“, die „Vergangenheit“ werfe „lange Schatten auf die Gegenwart“, urteilte die brasilianische Kritik. Hatoum vertritt auch in seinem dritten Amazonasroman eine zutiefst ethische und politische Haltung. Er funktionalisiert Intertextualität auf besondere Weise: Biografische, politische und kulturelle Daten überschneiden sich, werden mit künstlerischen, ästhetischen Reflexionen verknüpft.

Das Delirium und die künstlerische Freiheit, eine „Chronik des Verfalls“ zu malen, dienen zum einen als Kulminationspunkt der Narration, zum anderen dazu, Geschichte als erfundene, aber auch als hypothetische – mit alternativem Verlauf und offenem Ausgang – vorstellbar zu machen. Hatoum greift den bekannten Titel von Gabriel García Márquez’ Chronik eines angekündigten Todes auf, lässt den Künstler Mundo eine Variante dieser Chronik malen. Entscheidend ist die multiple Perspektive, es wird eben gerade kein unabwendbares Schicksal erzählt.

Chronik des Verfalls

Das erste der sieben Bilder zeigt „eine männliche Gestalt in voller Größe, noch jung und im Hinterhaus das Herrenhaus Vila Amazônia mit Indianern, Caboclos-Mischlingen und Japanern, die am Flussufer arbeiten“. Auf den nächsten vier Bildern verändern, verfremden sich Gestalten und Landschaft, der „Mann nimmt seltsame Züge an“, groteske Körperformen entstehen, bis „sich ihr Bild ganz auflöst“. Das sechste und siebte Bild mit dunklem Hintergrund mutiert zu einer Installation: auf dem einen hängen „an einem Ständer zerrissene, zerschnittene und zerlöcherte Fetzen der Kleidung“, die der Betrachter als Kleider des Mannes auf dem ersten Bild ausmacht. Auf das letzte Bild waren, so berichtet Lavo, „ein Paar schwarze Schuhe genagelt“, die Schuhspitzen zeigen in gegensätzliche Richtungen. Dieses Bild trug in Handschrift den Titel Chronik eines Verfalls – Erinnerungen eines geliebten Sohnes.

Während Mundos Mutter den Bildzyklus als Abrechung des Sohnes mit dem Vater interpretiert, erkennt Lavo in den Bildern im Detail, in Farbnuancen bestimmte Züge, die sich zu einer „schrecklichen“ und zugleich „komischen“ Chronik ihrer Heimatstadt Manaus fügen. So wie in Shake­speare’s Diktum „Das schlimmste kehrt zum Lachen“ – aus dem tragischen Stück King Lear. In den Erinnerungen eines geliebten Sohnes werden die Spannungen und Konflikte visuell kommentiert und können in einer Rückkehr zum Lachen in Form der Groteske verarbeitet werden.

„Ich hatte vor, mein Leben neu zu schreiben, vom Ende her und auf den Kopf gestellt, aber es geht nicht, ich kann nur noch kritzeln, die Wörter sind Flecken auf dem Papier, und dass ich überhaupt schreiben kann, ist beinah ein Wunder“, lässt Mundo seinen Freund aus der Klinik wissen. Lavo übernimmt den Plan des toten Freundes: „Rund 20 Jahre später kommt mir Mundos Geschichte mit der Intensität eines aus der Kindheit und Jugend auflodernden Feuers in Erinnerung“.

Unmittelbar auf Asche vom Amazonas liefert Hatoum weitere Erinnerungen aus Manaus: Die Waisen des El Dorado. Der Mythos von der verzauberten Stadt. Die Novelle erzählt eine Version des indianischen Mythos über die versunkene Stadt, die „tief unten auf dem Grund des Flusses“ reich und prächtig existiert, in der Harmonie und Gerechtigkeit herrschen.

Hatoum verknüpft unter dem Zeichen des Mythos eine Version „El Dorados“ mit einer Liebesgeschichte dramatischen Zuschnitts. Arminto, Sohn aus einer Kau­tschukdynastie muss sich entscheiden, entweder die Nachfolge anzutreten oder seine Leidenschaft für ein indianisches Mädchen namens Dinaura, Waise im Karmeliterkloster „Vila Bela“, auszuleben.

Dinaura ist ein Kind der Wildnis, sie liest Romane. Und sie träumt von El Dorado wie jene Tapuia-Indianerin, die auf der Suche nach ihrem Geliebten ins Wasser geht, in „Richtung der Ilha das Ciganas“ schwimmt und verschwindet. Hatoum erzählt eine weitere, traurige, aber faszinierende Geschichte aus den „Tropen“.

Asche am AmazonasMilton Hatoum. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 298 S., 24,80

Die Waisen des El Dorado. Der Mythos von der verzauberten StadtMilton Hatoum. Roman Berlin, Berlin 2009, 108 S., 16

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05:00 04.06.2009

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