Unterzucker

Verschenktbuch Juli Zehs Lanzarote-Roman wird zwischendurch kurz ganz gut
Carsten Otte | Ausgabe 38/2018

Ein Paar mit zwei kleinen Kindern macht zum Jahreswechsel Urlaub auf der Kanareninsel Lanzarote. Die Eltern, Henning und Theresa, wollen sich erholen, sind weit entfernt vom Stress daheim, der sie aber gleichwohl immer einholt. Denn mit „Kindern ist Urlaub eine Episode, in der das Leben noch anstrengender ist als sonst“. Das Jahr 2018 hat gerade begonnen, es sind Vorsätze gefasst, und die ersten Enttäuschungen sind zu verarbeiten. Denn Theresa hat beim Silvesterdinner mit einem Franzosen geflirtet, was die Krise des ohnehin stark verunsicherten Henning weiter verstärkt.

Denn seit geraumer Zeit hat er mit Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen. Henning arbeitet als Sachbuchlektor, aber der Stress im Job kann genauso wenig Grund für das Herzrasen sein wie ein anstrengendes Familienleben, in dem nicht nur die Frau, sondern auch der Mann sich um die Kinder kümmert. Nicht einmal das Radfahren kann dem geplagten Kerl mehr helfen, obwohl er den Sport durchaus als „schmale Schneise zwischen Beruf und Familie“ wahrnimmt.

Brechstangendramaturgie

Tatsächlich unternimmt Henning am Neujahrstag eine längere Radtour über die Vulkaninsel, und wie es das Schicksal so will, landet er völlig erschöpft bei einem abgelegenen Ferienhaus, in dem eine aus Deutschland stammende Malerin und Kunsthandwerkerin namens Lisa den unterzuckerten Kerl freundlich bewirtet. Wenn es die Dämonen der Hauptfigur und die regelmäßigen Andeutungen nicht gäbe, mit Hennings Schwester Luna stimme auch etwas nicht („als trüge sie ein dunkles Geheimnis mit sich herum“), könnte man den Roman nach dem ersten Drittel auch als wenig aufregende Beschreibung einer normalen Mittelstandsehe abbuchen.

Der Zufall, das Unterbewusstsein des radelnden Helden und ganz bestimmt auch Juli Zehs Brechstangendramaturgie führen Henning allerdings an jenen Ort, der für ihn und seine Schwester traumatisierend war. Als kleine Kinder nämlich wurden sie just in diesem einsamen Haus von den Eltern für lange Zeit zurückgelassen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte dazu geführt, dass sie tagelang auf sich allein gestellt waren und in letzter Minute gerettet werden konnten. Wie die beiden ums Überleben kämpfen, wird als große Rückblende in überraschend berührender Weise und im Stile eines Thrillers erzählt – die mit Abstand beste Passage dieses Romans. Derlei erzählerische Intensität hat man dem Text irgendwann gar nicht mehr zugetraut.

Insgesamt hinterlässt Neujahr einen zwiespältigen Eindruck. Die erfahrene Autorin, die in ihrem großen deutsch-deutschen Provinzpanorama Unterleuten auch sprachlich in die unterschiedlichsten Lebensläufe hineinkroch, offenbart schon auf den ersten Seiten einige Unsicherheiten in der Erzählperspektive. Einerseits bleibt die Erzählstimme ganz nah bei Henning, entfaltet sein Innenleben in erlebter Rede und inneren Monologen, andererseits spricht sie auch „über“ ihn, scheint die Figur also aus einer superioren Position zu kommentieren.

Was bei dem mit knapp 200 Seiten eher kurzen Roman besonders erstaunt, ist das Fehlen einer poetischen Idee. Die Szenen, sowohl in Gegenwart als auch der Vergangenheit, sind wie in einer Reportage durchaus anschaulich geschildert, einen genuin literarischen Ton vermag Zeh aber nicht zu erzeugen. Es reicht nicht aus, Thriller-Elemente abzurufen oder gehetzte „Erster-Erster“-Ausrufe des ehrgeizigen Radlers zu wiederholen beziehungsweise zu variieren. Vielleicht war es auch grundsätzlich ein Fehler, den Schwerpunkt auf den traumatisierten Henning zu legen. Zumindest seine Frau Theresa hätte es verdient gehabt, dass man ihrem Seelenleben etwas mehr Beachtung schenkt.

Und warum erfahren wir auch von Lunas wildem Leben nur Bruchstücke? Eine Vielstimmigkeit hätte dem komplexen Thema sprachlich gutgetan, selbst wenn eine solche Anlage zulasten der Genre-Spannung gegangen wäre. So aber ist der Erzählstil des Romans in weiten Teilen so spröde, dass bildreiche Sätze seltsam auffallen – zumal diese nicht immer gekonnt formuliert sind: „Die Haut der Berge hat Falten, in denen Schatten wohnen.“ Um dunkle Täler zu beschreiben, ist die Hautmetaphorik genauso überflüssig wie das „Wohnen“ der Schatten.

Völlig unmotiviert für die Geschichte sind die eingestreuten politischen Verortungen, die selbst in der kritischen Reflexion der Hauptfigur weder Originalität noch Erkenntnis beisteuern: „Noch immer keine neue Bundesregierung, dazu Brexit, Trump, AfD. Katrin wiederholte die überall gesagten Sätze, dass sich etwas Grundlegendes geändert habe, dass ganz neue Zeiten auf sie zukämen, dass die Wahrheit angesichts von Populisten und sozialen Medien überhaupt keine Rolle mehr spiele.“

Irgendwie, eigentlich

Statt die Figuren über Politik räsonieren zu lassen, hätte sich Zeh ein wenig mehr Mühe geben sollen mit der sprachlichen und inhaltlichen Entwicklung der Charaktere. Wie Henning und Theresa aufgewachsen sind, was sie verbindet und wie sie ihren Alltag meistern, ist oft in schnöden Infosätzen verpackt, als wolle die Autorin sich mit der Backstory ihrer Helden nicht lange aufhalten. Wenn doch mal sinnliche Sprachräume entstehen könnten, schlägt die Erzählerin mit einem küchenpsychologischen Erklärhammer zu: „Sein Leben gleicht einer Flucht, er kann nichts zu Ende bringen, hat für nichts richtig Zeit.“

Er sei ein „Eigentlich-Irgendwie-Typ“, sagt die Aussteigerin Lisa zu Henning, kaum haben sie ein paar Worte gewechselt. Das könnte man auch über den ganzen Roman sagen: Eigentlich wartet Juli Zeh in ihrem Roman Neujahr mit ein paar ordentlichen Szenen, Schilderungen und Beobachtungen auf, auch wenn der Text sich insgesamt im Mittelmaß des literarischen Irgendwie verliert.

Info

Neujahr Juli Zeh Luchterhand Verlag 2018, 192 S., 20 €

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