Unverblümt

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Es klingelt. Horst aus dem ersten Stock. Hallo, es ist 20 Uhr. Und könntest Du mir 20 Euro leihen? Mensch Horst, 20 Uhr - 20 Euro, da bin ich aber froh, dass jetzt nicht 100 Uhr ist. Was haben wir gelacht. Ich gebe ihm das Geld. Er wird es wiederbringen. Ich bin sein Freund.

Horst kommt oft zu uns. Manchmal erzählt er auch seine Geschichte und zeigt Fotos. Auf einem Foto steht er als junger Mann in einem Garten und hat ein Kind auf dem Kopf sitzen, daneben steht eine junge Frau. Die ist sehr hübsch und trägt ein kurzes Kleid. Ein Foto aus den Siebzigern. Der junge Mann auf dem Foto ist Arzt. Er wird mit der hübschen Frau noch zwei Kinder zeugen. Er wird später Chefarzt werden. Er wird für sich und seine Familie eine Millionenvilla kaufen. Er wird mehr Geld ausgeben als er verdient und auf einem sehr hohen Niveau verarmen. Er wird das Trinken anfangen und seinen Job verlieren. Seine Frau wird ihn hassen, so wie auch er sie hassen wird. Er wird sich umbringen wollen, aber gerettet werden, viele Jahre in der Psychiatrie verbringen, ehe man ihn als geheilt entlässt und er regelmäßig an seiner Tür sägt und an meiner klingelt.


Es klingelt. Roman. Mein liebster Gast. Seit ich einen Liebhaber habe, verbringe ich die Zeit am liebsten liegend und lasse mir Speisen und Getränke reichen. Dann wünsche ich mir seine Hände und Zungen genau dort, wo ich sie haben will. Weiß er denn, wo ich sie haben will? Ich schaue ihn an. Ja, er weiß es.

Oft kommt er und hat einen großen Rucksack hinten dran. Dann stellt er sich in meine Küche und kocht. Das Roman-Koch-Institut. Sogar das Kind isst begeistert.

Männer, die kochen, sind meist gute Liebhaber. Das erkennt man an der Art, wie sie Gemüse schneiden. Seit sich Roman um mein leibliches Wohl kümmert, leide ich an aufgequollenen, schmerzenden, unansehnlichen Genitalien und einem grenzenlosen Appetit. Sobald er mich berührt, nehme ich eine sackartige Gestalt an. Mein Skelett löst sich auf, mein Fleisch fließt davon, wo ist mein Gehirn. Ich will.

Ich will, dass das wieder aufhört. Ich will mein Gehirn wieder benutzen können. Meine Gedanken kreisen nur noch um die einzig mögliche Bewegung. Hilfe. Ist das Liebe?

Nein. Wenn Roman eines Tages das Wort Liebe benutzt, ist es aus. Dann mache ich Schluss. Aber bis dahin ist Sex mit ihm meine Lieblingsbeschäftigung.


Sogar das Arbeiten fällt mir leichter. Guten Morgen! Neun Köpfe heben sich, an manchem öffnet sich ein Mund. Hallo.

Ich werfe mich schwungvoll an meinen Schreibtisch, sehe aber noch schlechter als sonst. Kaum kann ich die Welt erkennen, trotz Brille. Als mein Chef reinkommt, finde ich Haare in seinem Gesicht, einen ganzen Vollbart sogar, und schaue ihn an. Er kommt auf mich zu und ist wie immer frisch rasiert. Ich dachte, du hättest einen Vollbart. Ach so.

Viel mehr sprechen wir nicht miteinander. Jeder sitzt an seinem Schreibtisch und schaut auf einen Computermonitor, auf dem sich irgendwas abbildet, auf meinem meist viele bunte Bilder aus dem Internet. Nur freitags sprechen wir miteinander, weil da alle Mitarbeiter miteinander sprechen, weil man sich zusammen an einen Tisch setzt, um gemeinsam ein lustiges und witziges Spaßessen zu haben. Dann werde ich zur Primaklimatina, und alle sind sehr lustig und witzig. Auch der Chef macht tolle Witze, die sehr lustig sind, zum Beispiel sagt er, Gehaltserhöhungen lohnten sich nicht wirklich, weil man eh nicht viel mehr rauskriegt. Er selbst habe sich das Gehalt verfünffachen müssen, um das doppelte rauszubekommen. Da staunen die Mitarbeiter und kauen nickend weiter. Auch als er sich mal jesusmäßig verschluckt hat und eine Fontaine aus Wasser und gekauten Speisen über den ganzen Tisch spuckte, haben alle nach Aufforderung von Primaklimatina weitergegessen. Seitdem heißt der Chef nicht mehr Chef sondern La Fontaine.


La Fontaine hat mir soeben gekündigt. Konjunkturkrise, sagt er und lächelt. Bald werde ich arbeitslos sein.

Ich surfe durchs Internet zu www.arschloch.de oder nach www.fickdichdochselber.de und www.leckmichamarsch.de und anschließend zu www.trefferversenkt.de. Von da aus werde ich direkt zur Website einer Werbeagentur in Trier weitergeleitet.

Und sofort bewerbe ich mich bei der Werbeagentur in Trier. Die Werbeagentur in Trier bedankt sich, kann aber derzeit niemanden brauchen. Zum Glück, denn was will ich in Trier?

Immer lande ich auf Porno- oder Werberseiten. Warum gebe ich eigentlich nicht so friedvolle Dinge wie www.engel.de oder www.jesus.com ein? Manchmal schlage ich blind auf der Tastatur rum, und tatsächlich ergibt jeder dritte Versuch einen Treffer. Also Freunde ran an die Computer, noch gibt es frei Domains. www.lksdfjues oder www. wurstsepp.de, das sind doch eingängige Namen. Und so Personen wie ich landen garantiert auf dieser Seite, es gibt ja nur 26 verschiedene Möglichkeiten multipliziert mit den verschiedenen Endungen wie .de .com .net usw.


Dann gehe ich shoppen. Mit der S-Bahn fahre ich Richtung Schönhauser-Allee-Arkaden und werde beim Fahren ohne Fahrschein erwischt. Das Geld muss weg. An Ort und Stelle wird gezahlt.

Früher hätte mir in solchen Situationen ein Konsum noch geholfen. Ich hätte einen ganzen Tag verbraucht, um mich wieder glücklich zu kaufen. Aber heute beruhigt mich nur noch Diebstahl. Rein zu H Zwei T-Shirts, zwei Kinderhosen, Kinderunterwäsche, lange Kinderunterhosen. Mein Kind hat in allen langen Unterhosen Löcher drin. Ich nehme noch zwei Röcke mit. Zu Hause passen mir beide nicht, einer zu groß, einer zu klein, also ab damit in den Humana-Container.

Bei H macht´s keinen Spaß mehr. Ich sollte doch mal wieder ins KdW oder zu Karstadt am Hermannplatz, einen Hochsicherheitstrakt knacken.

Schon so oft hatte ich ein Ticket in der Tasche und bin nicht kontrolliert worden. Aber wenn ich ein Ticket in der Tasche habe, will ich auch kontrolliert werden. Ich habe ein Recht darauf, kontrolliert zu werden. Bitte Kontrolle. Jetzt.


Roman trinkt einen Schnaps. Immer muss er trinken. Bald habe ich nichts mehr im Haus. Im Moment habe ich noch eine Flasche Wodka im Eisfach, eine Flasche Tullamore Dew, eine Flasche Mekong-Whisky, die ich mir 1989 als Souvenir aus Thailand mitgebracht hatte und eine Flasche Asbach Uralt von meinem 18. Geburtstag. Aber wenn Roman so weitersäuft, ist bald alles ausgetrunken. Ganz diskret hält er das Schnapsgläschen in seiner Hand. Wenn er noch lange mit dem Schnapsgläschen herumläuft, klingt seine Stimme ein wenig wattig, und er verliert seine Geistesgegenwart. Morgen früh wird er dann in meiner Küche sitzen und den Kaffee und die Morgenzigarette beobachten. Dann werde ich mich dazu setzen, um ihm in die roten Augen zu schauen, und wie jedes Mal werden mir seine großen flauschigen Ohren auffallen, die ihm seitlich vom Liebhabergesicht abstehen. Auch ich werde rote Augen haben, weil ich ihm die ganze Nacht beim Schnarchen zugehört habe.

Roman schaut mich an, er fasst mich an, doch eine richtige Liebesgeschichte will sich nicht einstellen. Was ist das, was wir machen? Sex. Okay. Eine Affäre? Eine Daueraffäre. Nichts weiter.

Plötzlich bekomme ich Haarausfall. Überall liegen Haare. Haare, die von meinem Kopf heruntergefallen sind und jetzt daliegen. Hunderte, Tausende von meinen Haaren liegen auf dem Fußboden, auf Kissen, auf Bettlaken, in Waschbecken, in Mülleimern, auf Balkonen, im Zimmer, auf dem Tisch, im Mund, in den Augen, über der Nase, auf Handtüchern, Handbüchern, Stühlen, auf Bäuchen, Oberschenkeln, Waden, Rücken, Fußrücken, Handrücken, unter dem Sofa, unter der Decke, unter der Vorhaut, unter der Erde, auf der Erde, zu Pferde, zu Wasser und in der Luft.

Und wieder schwebt ein lautloses Haar herunter, weil es sich entschlossen hat, endlich einmal loszulassen. Landet sanft auf meiner Schulter, kann sich dort nicht halten und klebt sich an meinen feuchten Rücken, der vom Schweiß gut vorbereitet allerhand an sich heftet. Noch viel mehr Haare, Fasern, Fussel, Kippen, Staub und auch T-Shirts sowie Hände und Küsse, die für immer dort hängen bleiben müssen, weil so ein hingeklebter Kuss sich schlecht wieder entfernt.

Ach, Roman, du verwöhnst mich so. Warum, frage ich. Ich weiß eben, was gut für dich ist. Du liebst mich, gib´s zu. Ja, ich liebe dich. Woran merkst du, dass du mich liebst? Das merkt man halt. Dann muss ich Schluss machen. Schade.

Ich nehme ein Haar aus meinem Bett und lege es auf seinen Rücken. Du hast da ein Damenhaar hängen. Von wem ist das? Betrügst du mich? Ich weiß, dass du mich nicht liebst, sagt Roman, das ist mir egal. Aber mir nicht, sage ich, ich liebe dich nicht, also muss ich mich trennen. Er verlange nicht mehr, als das, was ich ihm geben wolle, sagt er. Was soll ich dazu noch sagen? Roman ist warm und weich und schläft in meinem Bett.

Marion Pfaus ist 1966 geboren, sie schreibt Texte, macht Filme und Medienkunst. Als the most unknown popstar immer erreichbar unter http://www.rigoletti.de.


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00:00 18.11.2005

Ausgabe 38/2020

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