Unverbrauchte Gläubigkeit

USA Das letzte Buch des Dichters Stefan Zweig und die "Welt von morgen" in Amerika

Nun liegt es in der menschlichen Natur, dass sich starke Gefühle nicht ins Unendliche prolongieren lassen, weder in einem einzelnen Individuum noch in einem Volke. Und das weiß die militärische Organisation. Sie benötigt darum eine künstliche Aufstachelung, ein ständiges ›doping‹ der Erregung, und diesen Aufpeitschdienst sollten - mit gutem oder schlechtem Gewissen, ehrlich oder aus fachlicher Routine - die Intellektuellen leisten, die Dichter, die Schriftsteller, die Journalisten. Sie hatten die Hasstrommel geschlagen und schlugen sie kräftig, bis jedem Unbefangenen die Ohren gellten und das Herz erschauderte".
So der Wiener Schriftsteller Stefan Zweig über die ersten Tage und Wochen des Ersten Weltkrieges. Gerade die "unverbrauchte Gläubigkeit der Völker an die einseitige Gerechtigkeit ihrer Sache wurde die größte Gefahr", warnt er in seinem letzten, 1944 erschienenen Buch Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers. Diese Passagen sind anwendbar auf Amerika im Kriegsjahr 2002. Wohl noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg haben die USA so selbstzufrieden an die einseitige Gerechtigkeit ihrer Sache geglaubt. Noch einmal Zweig: "Keine Stadt, keine Gruppe, die nicht dieser grausamen Hysterie des Hasses verfiel. Die Priester predigten von den Altären, die Sozialdemokraten, die einen Monat vorher den Militarismus als das größte Verbrechen gebrandmarkt hatten, lärmten womöglich noch mehr als die anderen, um nicht nach Kaiser Wilhelms Wort als ›vaterlandslose Gesellen‹ zu gelten."
In den USA hat der aus dem Kalten Krieg hinlänglich bekannte Scheuklappen-Patriotismus ungeahnte Höhen erreicht und den mit Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft vermischten und zeitweilig sogar nachdenklichen Patriotismus der Tage kurz nach dem 11. September verdrängt. Natürlich sind "die Amerikaner", wie Zweigs Europäer damals, nicht von selber blutrünstig geworden. Sie sind Objekte der dominierenden Kriegspropaganda eines unter fragwürdigen Umständen an die Macht gekommenen Präsidenten und der hofknicksenden Medien. Zehntausende al-Quaida Terroristen! Wieder eine Terrorismuswarnung! Anthrax in Atlanta, dann doch nicht.

"Gute und Böse, Böse und Gute: die Akteure vertauschen die Masken, die Helden werden zu Monstern und die Monster zu Helden, ganz so wie es diejenigen fordern, die das Drama schreiben. Das ist nichts Neues. Der deutsche Wissenschaftler Wernher von Braun war böse, als er die V 2 erfand, die Hitler über London ablud, doch er wandelte sich zu einem "Guten" an jenem Tag, an dem er sein Talent in die Dienste der Vereinigten Staaten stellte. Stalin war "gut" während des Zweiten Weltkrieges und "böse" danach, als er das Reich des Bösen dirigierte. In den Jahren des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: ›Vielleicht braucht die ganze Welt Russen. Ich wette, auch in Russland brauchen sie Russen. Vielleicht nennen sie sie dort Amerikaner.‹"
Aus einem Text des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano, Oktober 2001

Diese Propaganda ist freilich anders als die simplen Hassgesänge des Ersten Weltkrieges. Sie ist sanft, sie verführt, sie richtet sich an den erfahrenen, unermüdlichen Fernsehzuschauer. Sie berieselt pausenlos. Von obligatorischen Aufmärschen New Yorker Feuerwehrleute, von der zerrissenen World Trade Center-Flagge bei der Olympischen Eröffnungsfeier, zur ewig präsenten Nationalfahne und nicht enden wollenden Fernsehberichten über Helden und Heldentaten und leidtragende Familien.
Die Medienkonzerne produzieren Programme mit einer möglichst spannenden Mischung aus Unterhaltung, Sentimentalem und gelegentlich durchweg kritischer, attraktiv verpackter Information. Langeweile ist Todsünde. Das Produkt muss allerdings mit der Werbung verschmelzen und darf nicht zu sehr verunsichern. Der Präsident darf nicht angezweifelt und der Glaube an die einseitige Gerechtigkeit nicht hinterfragt werden. "Ohne Sorge, sei ohne Sorge" - al-Quaida mag wüten, aber das neue Pril wird den Topf mit den angebrannten Kartoffeln bewältigen. Und Bush die Terroristen.
Im gegenwärtigen "Krieg" reicht CNN augenscheinlich nicht, um alle ausländischen Barrieren zu überwinden. Vergangene Woche wurden Pläne bekannt, im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus ein Pentagon-Desinformationsbüro einzurichten. Mitte Februar hob zudem ein US-Bundesgericht die Vorschrift auf, wonach Medienkonzerne nur begrenzt gleichzeitig Kabel- und Fernsehsender besitzen dürften. Schon unter Bill Clinton wurden die Gesetze gegen örtliche Medienkartelle "reformiert" (Sie richteten sich ursprünglich gegen einen Markt beherrschenden Besitz von Fernsehstationen und Print-Medien - K.E.). So zeichnet sich auf dem US-Medienmarkt eine extreme Konzentration ab. AT, AOL/Time Warner, Walt Disney, General Electric, die News Corporation und ein paar andere gestalten heute das, was der Amerikaner als "die Realität" erlebt. Natürlich hat man in den USA nach wie vor weitgehend das Recht zu sagen und zu schreiben, was man will. Aber who cares? Und jeder kann ins Internet gehen und Informationen suchen. Das ändert aber wenig an der Prägung des öffentlichen Lebens durch die Kartelle.
Zu Beginn hatte Bushs Anti-Terror-Strategie ehrlichen Rückhalt auch in vielen liberalen, kirchlichen Kreisen. Aus Sicht von Bush, Cheney und Rumsfeld waren sie aber nicht viel mehr als nützliche Idioten, während die "militärische Organisation" aus dem Leid der Betroffenen die "Rechtfertigung" einer Kriegsstrategie zusammenschweißte, die schon lange über die Ahndung des 11. September und die abschreckende Prävention hinausgeht.
Stefan Zweig resignierte damals. "Da blieb nur noch eins: sich in sich selbst zurückziehen und schweigen, solange die anderen fieberten und tobten. Es war nicht leicht. Denn selbst im Exil - ich habe es zur Genüge kennen gelernt - ist es nicht so schlimm zu leben wie allein im Vaterlande". Hier muss es einen Unterschied geben zwischen dem Österreich von 1914 und den USA von 2002. Selbst wenn sich der "Mehltau des Totalitären" auf die USA legen sollte, wie es kürzlich in der Unterzeile zu Ekkehart Krippendorffs Text Angst vor Amerika in dieser Zeitung hieß: Die USA sind ein demokratisches Land mit einer demokratischen Verfassung, Vorreiter vieler demokratischer Errungenschaften. Wenn auch jetzt erschreckend viele bereit sind, Freiheiten aufzugeben, die Mühen der Demokratie zu verwerfen und sich der Regierung zu unterwerfen.
Aber so sicher, wie man gerne wäre, dass "so etwas" in den USA letztendlich nicht durchsetzbar wäre, kann man angesichts der breiten Zustimmung zum weltweiten Krieg, zur selektiven Repression gegen Ausländer und zu den polizeistaatlichen Visionen des Justizministers nicht mehr sein. Die Entscheidung über die Welt von Morgen fällt mit der Frage, ob sich die USA auf ihre demokratische Geschichte besinnen und ob der "Krieg" langfristig wirklich den Interessen der wirtschaftlich Mächtigen dient.

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00:00 01.03.2002

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