Unverstand

Linksbündig: Verschwiegene Dimension Zur Absetzung des "Idomeneo"

Eigentlich scheint im Unisono-Chor des Protestes gegen die Absetzung der Neuenfels´schen Idomeneo-Inszenierung durch die Intendantin Kirsten Harms alles bereits gesagt zu sein. Dass sich da viele falsche Opernfreunde plötzlich als lautstarke Verteidiger unbedingter "Freiheit der Kunst" profilieren (zum Beispiel, woran die Genfer Sonntagszeitung erinnert, "Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident, erzkonservativ, katholisch. Ein paar Monate ist es her, da forderte der Mann härtere Strafen für Blasphemie: drei Jahre Knast bei Gotteslästerung"), diese Heuchelei notorischer Buhrufer in aktualisierenden Inszenierungen, die sie nicht verstehen wollen, das kann man ja noch tolerant hinnehmen, weil es ausnahmsweise einer richtigen Sache gilt. Eine andere Sache aber ist die über Leerformeln hinausgehende Begründung des Protestes. Natürlich geht es auch um die Freiheit der Kunst und darum, sich von der "Straße" nicht einschüchtern zu lassen: Die Mahagonny-Oper von Brecht/ Weill, die soeben in der Komischen Oper wieder gezeigt wurde (s. Freitag 39), war bei der Uraufführung in Leipzig 1930 von der nazistischen Rechten massiv gestört und trotzdem nicht abgesetzt, vielmehr gleich darauf in Berlin gezeigt worden. Auch die bundesrepublikanische Theatergeschichte hat mit Kroetz, Fassbinder u.a. einige Theaterskandale hinter sich. In der DDR funktionierten die Kontrollmechanismen anders und ohne Öffentlichkeit.

Im Falle der Deutschen Oper aber scheint mir der Skandal auf einer ganz anderen und von keiner kritischen Stimme angesprochenen Ebene zu liegen - ganz abgesehen von der völlig unverantwortlichen und mit bürokratisch verschlüsselter Unentschiedenheit erstellten Lagebeurteilung des Berliner LKA ("könnte die Aufführung eine Gefährdungslage mit schwer abzuschätzenden Folgen ...", "könnte in muslimischen Kreisen zu Assoziationen führen ..."), aufgrund deren die Intendantin dann ihre unverantwortliche Fehlentscheidung traf. Warum unverantwortlich? Mit keinem Wort ging sie nämlich in ihrer Begründung auf die von der Inszenierung verhandelte Sache ein. Was Neuenfels mit den abgeschlagenen Köpfen der vier Religionsstifter hat zeigen wollen, ist die Überwindung von religiösem Fanatismus, die Absage an vermeintlich göttliche Gewalt- beziehungsweise Tötungsgebote und die Emanzipation des Protagonisten Idomeneo von diesen blinden und verblendeten Zumutungen. Davon hätte Harms offensiv sprechen müssen! Weil eine solche Botschaft gegen religiösen Mord gerade heute gezeigt werden muss, hätte sie - wenn die Drohungen denn überhaupt ernst zu nehmen waren - entweder im Stillen polizeilichen Schutz anfordern, oder öffentlich das Berliner Opernpublikum zur Solidarität gegen mögliche Störungen dieses humanen Appells in der Musik Mozarts auffordern sollen. Wie konnte sie, wie durfte sie - moralisch gesprochen - gerade bei einer solchen Botschaft vor denselben Leuten zurückweichen, um die es hier geht? Jeglicher Vergleich mit den dänischen Karikaturen verbietet sich von vornherein: Die waren bewusst und aus einer ausländerfeindlichen Ecke kommend provozierend und beleidigend gemeint gewesen - was die dann gesteuerten islamistischen Proteste natürlich nicht entschuldigt. Neuenfels ist ein ernsthafter und ernstzunehmender, politisch engagierter Regisseur. Mozart ist ihm kein Vorwand für subjektivistisches Regietheater, sondern ein Musiker der Aufklärung und des Humanismus, dem er sich nicht scheut, das Prädikat des Göttlichen zuzuerkennen. Warum hat sie ihn nicht sofort zur Pressekonferenz eingeladen? Ausnahmsweise hat die BZ da mal eine furchtbar richtige Schlagzeile gefunden: Terror killt Mozart - nur leistete in diesem Falle die Intendantin der Deutschen Oper Beihilfe zum Mord. Natürlich ist sie verantwortlich für die Sicherheit ihre Publikums und darf, ja muss reagieren und notfalls den Staat in die Pflicht nehmen - sie ist aber mindestens ebenso, wenn nicht in einem höheren Sinne verantwortlich für die Musik, die in ihrem Hause gespielt wird.

Der Verdacht drängt sich auf, dass die Intendantin Harms die Interpretation des Regisseurs gar nicht verstanden hat und darum seine Inszenierung nicht offensiv verteidigte (die stammt, was keine Entschuldigung wäre, noch aus der Intendanz ihres Vorgängers). Das allein wäre schon skandalös genug. Sollte sie aber die Botschaft von Mozart/Neuenfels verstanden haben - und der Ernsthaftigkeit dieses Regisseurs sei es unterstellt, dass er sie auch musikalisch begründen kann - und sie trotzdem die Absetzung anordnete, dann wäre das Wort Skandal noch zu harmlos für diesen Vorgang.


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00:00 06.10.2006

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