Unvollendbar

LASKER-TAGUNG Das Schachspiel als Theoriebaukasten

Die Bekanntschaft geht zurück auf eine Knastlektüre. Doch noch nach über dreißig Jahren ist das Verhältnis zwischen dem Kulturwissenschaftler Paul Werner Wagner, der 1968 wegen "versuchter Republikflucht" in einem DDR-Gefängnis einsaß und Emanuel Lasker innig. Anlässlich des 60. Todestages des einstigen Schachweltmeisters organisierte er zusammen mit dem Potsdamer Moses Mendelsohn Zentrum und unter anderen unterstützt vom Deutschen Schachbund ein nicht nur sportliches Turnier, zu dem neben André Lilienthal, ältester Großmeister der Welt und einstiger Spielgegner Laskers in den dreißiger Jahren, auch Victor Kortschnoj und DDR-Meister Wolfgang Uhlmann zum Prominentenschach geladen waren.

Doch die besondere Gestimmtheit des Kongresses verdankte sich weniger den großen Spielen am Abend, sondern dem besonderen Bezug der Referenten und vor allem des Publikums zum Meister: Weihevolle Stille legte sich über den Saal, wenn Zeitzeugen von Begegnungen mit dem 1941 verstorbenen Emanuel Lasker berichteten oder dieser in Ton- und Bilddokumenten lebendig wurde.

Doch zu entdecken war nicht nur ein Schachgroßmeister, sondern auch ein vergessener Mathematiker, Philosoph und politischer Denker, der sich quer zu den zeitgenössischen wissenschaftlichen und politischen Diskursen verhielt. In einer Zeit, die den politischen Dezisionismus in allen extremen Varianten ausbildete, war es nicht nur Laskers Ignoranz gegenüber den Fachgrenzen und -kompetenzen, sondern auch sein Modell selbst, das die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm verhinderte: Aus dem Schachspiel ein Vor- und Sinnbild gesellschaftlicher Utopie abzuleiten, war Laskers Zeitgenossen fremd.

Dabei ist Lasker nur ein Baustein einer noch zu schreibenden Kulturgeschichte des Schachs, dessen unermessliches Material in den Archiven noch völlig brach liegt. Was bei Lasker biografisch verknüpft ist, sprengt, so der Historiker Ulrich Sieg, die vorherrschenden wissenschaftlichen Paradigmen. Einen wichtigen Impuls, auf welche Weise Laskers inkonsistentes Werk anzueignen wäre, gab der Essener Philosoph Bernd Gräfrath in seinen Überlegungen zum Bezug Laskers zur Philosophie der Gegenwart. Lasker, so Gräfrath, nehme entscheidende Elemente der "Spiel- und Entscheidungstheorie" vorweg. Seine theoretischen Brüche allerdings finden sich eben dort, wo auch die heutigen evolutionstheoretischen Nachfahren wie etwa Richard Dawkins oder Robert Axelrod scheitern: Beim "ungerechtfertigten Übergang vom Sein zum Sollen".

Im Unterschied zu kruden sozialdarwinistischen Theorieansätzen ist Laskers "Kampftheorie", so Gräfrath, jedoch eher eine Frage der optimalen Verhaltensweise. Offenbar entdeckt Lasker in seinem homo ludens auch jenen homo oeconomicus, der im Spiel der freien Kräfte "mittlere Tugenden" auszubilden hat: Geduld, Vorsicht, Voraussicht, wirtschaftliches Handeln und Selbstkontrolle. Unschwer lassen sich diese Imperative lesen als eine Gebrauchsanweisung liberaler Gesellschaftstheorie. Doch für Lasker, trotz aller "Kampf"-Kategorien kein politischer Extremist, macht das "Spiel" den Menschen "runder", menschlicher. Sein streng nach Regeln organisierter "Darwinismus" enthält alle Komponenten des fairen Wettbewerbs, bei dem die Gegner als gleichgewichtig und gleichberechtigt gedacht werden. Somit unterliegt diesem "Gesellschaftsspiel" eine aus dem Schachspiel abgeleitete ästhetisch-moralische Dimension, die sich sozialdarwinistischen Selektionskriterien verschließt.

Am deutlichsten wird diese Intention Laskers in dem gemeinsam mit seinem Bruder Berthold 1925 verfassten Menschheitsdrama "Vom Menschen die Geschichte", das als Spätling des literarischen Expressionismus gilt. Der Tübinger Philosoph Tim Hagemann interpretiert den fünften Akt, in dem die Menschheit in der Zukunft ankommt, als einen Durchgang durch die Philosophiegeschichte, an dessen Ende das Laskersche Theorem des "Unvollendbar" vollendet wird.

Auf eine ganz andere Weise "vollendet" Georg Klaus 1965 Laskers Philosophie für die Gesellschaftstheorie. Der in der DDR renommierte Philosoph reklamierte Laskers Spieltheorie kurzerhand für die Beschreibung eines Zustands, "den die Gesellschaft im Kommunismus erreichen wird" und schloss daraus, dass die "Vollendung" der Theorie des Kampfes, die der große Meister im Auge hatte, gerade "in unseren Tagen" zu erleben sei.

Und was wird aus Laskers Spiel im Zeitalter seiner maschinellen Unüberwindbarkeit? Die aus heutiger Sicht naiv-hybrid anmutende Geste eines Georg Klaus scheint in der modernen Kybernetik zu neuer, wenn man so will, "totalitärer" Entfaltung zu kommen und den Laskerschen Idealspieler matt zu setzen. Möglicherweise kommt der Tagung auch nur das Verdienst zu, daran zu erinnern, worauf das unerschütterliche Selbstbewusstsein des Autodidakten Lasker beruhte: im Selberdenken.

00:00 19.01.2001

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